alyona alyona: Rap aus dem ukrainischen Plattenbau

Von der Kindergärtnerin zum Star: Die Newcomerin durchbricht gerade alle gängigen Normen im HipHop.

Rap erzählt uns Geschichten. Mal handeln sie von Macht, mal von Geld, Überlebenskampf oder gerne auch Schwanzvergleichen. HipHop ist und bleibt, trotz Ausnahmen wie Frank Ocean oder Cardi B, meist ein Zusammentreffen von Testosteron. Dass nun ausgerechnet eine ehemalige Kindergärtnerin aus der Ukraine für weltweites Aufsehen mit ihrem Rap sorgt, ist der langersehnte Beweis dafür, dass 2019 nach frischem Wind in einem der kommerziell erfolgreichsten Genres verlangt wird. Reiner Zufall oder beabsichtigtes Füllen einer Nische? Wohl kaum. Wer die Musik von alyona alyona hört, muss kein einziges Wort verstehen, um in ihren Bann gezogen zu werden. Authentisch, eindringlich und voller Energie – so klingt eine der spannendsten Neuentdeckungen im HipHop.

Vom ländlichen Plattenbau in die Großstadt

Hinter dem musikalischen Phänomen steckt die 27-jährige Alyona Sawranenko, ausgebildete Erzieherin mit Hochschulabschlüssen in Psychologie und Pädagogik. Aufgewachsen ist sie in der Region Oblast Kirowohrad (Кіровоградська область) im Zentrum der Ukraine, rund 300 Kilometer entfernt von Kiew. Mit ihrer Debütsingle „Ribki“ („Рибки“) erlangt die Newcomerin 2018 sofort den Durchbruch und wird in ihrem Heimatland zum Überraschungs-Hype der HipHop-Szene. Übersetzt heißt der Titel so viel wie „Fischlein“ und reflektiert kritisch die gängigen Schönheitsideale innerhalb der ukrainischen Gesellschaft. Um ihren Traum als ernstzunehmende Künstlerin zu verfolgen, verlässt die Rapperin kurz darauf das ländliche Baryschiwka und zieht in die Hauptstadt, wo sich das musikalische Geschehen des Landes abspielt. In dem Song „Salischaju swij dim“ („Залишаю свій дім“), übersetzt „Ich verlasse mein Haus“, verarbeitet sie den Griff nach den Sternen und hat damit zulande einen Nerv getroffen: der Song wird erneut zum Hit.

Es ist wohl der Verzicht auf affektierten Überdruss oder ein zu stark konstruiertes Image, der die Künstlerin zu der Stimme einer heranwachsenden Generation in ihrer Heimat hochkatapultierte. alyona alyona erzählt ihre ganz persönliche Geschichte, selbstbewusst und ohne den übermütigen Pimp raushängen zu lassen. Sie braucht kein fettes Auto, um ihren Status zu beweisen. Lieber stellt sie sich mitten in den Plattenbau ihrer Heimatstadt. „Meine Musik handelt von inneren Werten, Selbstakzeptanz und der Akzeptanz anderer“, antwortet die Rapperin auf die Frage, wovon ihre Lieder konkret handeln. „Es geht um mein Leben und die Beobachtungen, die ich mache. Vor allem in Bezug auf eine neue Generation von Menschen in der Ukraine.“

Bewusste Inhalte mit pädagogischen Ansätzen

Ihre Musik beschreibt sie selbst als „Songs mit soliden, groovigen Beats und melodiereichen Refrains“. Über die textlichen Inhalte macht sich die Rapperin aufgrund ihrer jungen Fangemeinde besonders viele Gedanken. „Wenn ich einen Song schreibe, denke ich immer daran, dass auch Kinder ihn hören könnten“, erklärt sie. „Musik kann als wesentliches Element des Heranwachsens dienen, das sollte man nie unterschätzen. Ich bin mir der Themen meiner Lieder daher sehr bewusst.“

Schaut man sich durch die Videos von alyona alyona fällt auf: Eines der Themen, das ihr am Herzen liegt, ist die Liebe zum eigenen Körper. Die Rapperin steht zu ihren Kurven und zelebriert sie. „Body Positivity ist ein zentraler Kern meiner künstlerischen Arbeit“, erläutert sie. „Es ist ein Thema, über das man gerade in der Ukraine lauter sprechen sollte. Wir haben hier sehr viele gut gebaute Frauen. Ich würde sogar behaupten, es ist ein Attribut, das ukrainische Frauen besonders macht und von gängigen Idealen unterscheidet.“

“In der Ukraine existieren keine Frauen im Rap. Sie sind quasi unsichtbar.”

Diese Einstellung möchte sie mit ihrer Musik verbreiten: „Unsere Gesellschaft bewirbt Schönheitsideale, durch die Frauen mit einem Körper, wie ich ihn habe, oft Unmut gegenüber sich selbst empfinden. Ich möchte mit gutem Beispiel vorangehen und Menschen dazu inspirieren, sich in der eigenen Haut wohlzufühlen. Unabhängig von der Körpergröße. Das ist mein Ziel: Die Leute sollen verstehen, dass sie selbst darüber entscheiden, ob sie sich in ihrem Körper mögen. Willst du zunehmen? Nimm zu. Willst du abnehmen? Nimm ab. Willst du Kinder bekommen oder nicht? Deinen Körper völlig verändern? Tu es, solange du dabei zu dir selbst stehst!“

Inspiration? Nein, danke.

Kraftvolle Aussagen, die an das Vermächtnis von Rap-Kolleginnen wie Missy Elliott oder Nicki Minaj erinnern und weiterverbreitet werden. Bei ihnen nach Inspiration zu suchen, davon hält alyona alyona im Allgemeinen nicht so viel. „Ich glaube nicht wirklich an das Konstrukt von Inspiration. Es gibt Faulheit und eine Abneigung zur Arbeit“, erklärt die Rapperin. „Ich persönlich habe mir Ziele gesetzt und gleichzeitig akzeptiert, dass für deren Erreichen harte Arbeit notwendig ist. Deswegen tue ich genau das: hart arbeiten.“

Debatten darüber, ob diese klare Einstellung mit der östlichen Herkunft der Künstlerin zu tun hat oder schlichtweg originell ist, werden manche an dieser Stelle sicher führen wollen. Vermutlich ist es einfach eine gesunde Mischung aus beiden Seiten. Sicher ist jedoch, dass alyona alyona ihren eigenen Weg geht und auf Vergleiche mit anderen Künstlerinnen lieber verzichtet. „Ich verfolge die Karrieren von Frauen wie Nicki Minaj, Princess Nokia oder Little Simz, aber identifizieren tue ich mich mit ihnen nicht“, stellt die Rapperin klar und ergänzt, dass sie Vorbilder eher in ihrem eigenen Kreis besitzt. „Ich habe tolle Freunde und Freundinnen, zu denen ich aufsehe. Meine Eltern gehören ebenfalls dazu. Ich liebe sie sehr – sie sind gute Menschen.“

Aufbruchsstimmung im ukrainischen Rap

Diese Bodenständigkeit, das Selbstbewusstsein und Talent machen alyona alyona gerade zu einem Game-Changer in der ukrainischen Rap-Szene. Einer Szene, die noch stärker von Männern dominiert zu sein scheint, als hierzulande. „Frauen sind hier im Rap quasi unsichtbar. Sie existieren nicht“, erklärt sie auf die Bitte, uns das Genre in ihrer Heimat näherzubringen. „Aber ich habe das Gefühl, dass HipHop und Rap in der Ukraine gerade einen Wandel durchleben. Künstler und Künstlerinnen aus dem Underground ändern ihre Einstellungen zur Musik und verspüren das Bedürfnis, hochwertigere Produkte auf den Markt zu bringen. Ich hoffe, das wird zu mehr internationalem Erfolg ukrainischer Acts führen und auch Türen für mehr Frauen im Rap öffnen. HipHop ist für uns alle da, daher kann man sich mit der Musik auch weltweit verbinden. Unabhängig von der Sprache.“

Von einer möglichen Sprachbarriere zwischen ihr und ihrem Publikum lässt sich die Künstlerin nicht einschüchtern. Aufgrund der Aufmerksamkeit außerhalb ihres Heimatlandes tourt alyona alyona nämlich gerade durch Europa. „Ich bin überzeugt davon, dass die Leute meine Energie auf der Bühne teilen werden. Wenn sie meine Geschichte kennen, wissen sie, dass ich mit meiner Musik etwas ausdrücken möchte. Letztendlich kann man sich die Texte ja auch übersetzen lassen.“

Und wem das zu anstrengend ist, genießt einfach die fetten Beats und gute Stimmung ihrer Songs. Denn letztendlich ist und bleibt Musik die universellste aller Sprachen. Für frischen Wind im HipHop ist mit alyona alyona definitiv gesorgt. Wer also einfach mal keinen Bock auf Misogynie und Eierkraulen im Wurstverein hat, sollte sich die Musik der ukrainischen Rapperin nicht entgehen lassen. Sich selbst zu feiern ist dabei mehr als willkommen.

Damn! alyona alyona gibt es schon bald live zu sehen!

04.11.19 – Hamburg, Hafenklang (Tickets)
05.11.19 – Berlin, Gretchen
(Tickets)

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