Amilli: „Fang nicht bei einem Label an!“

Die Newcomerin aus Bochum über die Kunst der Kreativität, Förderpreise und wachsende Flügel

Spätsommer, Sonnenuntergang, unterwegs auf den Straßen der Stadt – die Vibes von Amillis Songs sprühen voll lässiger Energie und einem Drang nach Aufbruch. Nicht aufmüpfig, nicht anstrengend, sondern entspannt, sogar leicht verführerisch an manchen Stellen. Urbaner Pop zum Wohlfühlen. Beim ersten Hören könnte man meinen, die Geburtsstätte von Amillis Musik wäre ein privates Heimstudio irgendwo am Rande von Los Angeles, wo das große Business zuhause ist, wo alle auf ihren großen Durchbruch warten und nach den Sternen greifen. Doch der internationale Sound von Stücken wie „Rarri“ oder „Oh My“ entstand nicht etwa in der Stadt der Engel, sondern im Ruhrgebiet. In Bochum ist die heute 18-jährige Sängerin zu Hause und etablierte sich binnen eines Jahres zu einer der aufregendsten Newcomerinnen der deutschen Musiklandschaft.

Dabei ist es keineswegs ein leichtes Unterfangen, sich mit englischsprachiger Musik ein Standbein aufzubauen, wenn man selbst außerhalb der UK oder USA kommt. Ihre musikalische Mischung aus Pop, R’n’B und HipHop trifft jedoch den Nerv der Zeit und klingt nicht einen Moment lang erzwungen oder künstlich. Der Beweis dafür ist die jüngst erschienene EP der Sängerin, WINGS, auf der es zum ersten Mal neben dem bereits bekannten Trap-lastigen Sound auch reduziertere Stücke zu hören gibt. Ein vielversprechendes Erstlingswerk, das nun auch außerhalb von Deutschland auf die Bühne gebracht wird: Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung unseres Beitrags befindet sich Amilli bereits mitten in ihrer ersten Europatour.

Gerade rechtzeitig haben wir uns mit der Sängerin vor ihrem Gig in Berlin getroffen – gemütlich vorm warmen Kamin im Foyer der Kantine am Berghain. Im Interview spricht Amilli über ihre persönliche Entwicklung innerhalb des letzten Jahres, ihre Erwartungen an Konzerte außerhalb Deutschlands und was sie als aufstrebende Künstlerin eigentlich von dem Begriff „Newcomerin“ hält.

Amilli, du hast vor kurzem deine erste EP rausgebracht, WINGS. Was ist das für ein Gefühl?

Wie eine Reise. Die Songs sind zeitlich alle etwas weiter auseinander zerstreut entstanden. Sie spiegeln die Entwicklung, die ich in den letzten Monaten durchlebt habe, sehr gut wider. Letztendlich wurde die EP sehr vielseitig, das war mir wichtig. Es gibt HipHop-lastige Momente wie „Oh My“, mit „Die For You“ ist auch R’n’B dabei. Dann gibt es ganz ruhige Nummern, bei denen ich einfach nur am Klavier sitze. Es ist eine gute Mischung geworden. Ich bin zufrieden.

Auf dem Titeltrack singst du davon, dass dir Flügel gewachsen sind.

In dem Song verarbeite ich das, was gerade immer noch um mich rum passiert mit der Musik. Ich hatte nie eine konkrete Idee davon, Sängerin zu werden. Das ist in gewisser Weise einfach passiert und ich musste sehr viele Dinge sehr schnell lernen. Dinge, wie auf der Bühne zu stehen und zu singen. Ich wurde komplett aus meiner Komfortzone gerissen und einfach reingeworfen in diese Welt. Das war hart, aber gleichzeitig unglaublich effektiv. Meine achte Show, die ich jemals gespielt habe, war als Support für AnnenMayKantereit – das fühlt sich immer noch krass an, wenn ich daran denke. Ja, ich habe viel in kurzer Zeit erlebt. Daran wächst man. Die Flügel im Song sind ein Symbol dafür.

Auffällig an deiner Musik ist vor allem der Sound. Die Songs klingen, als würden sie mitten aus L.A. kommen, aufgenommen beim Sonnenuntergang. Passiert ist das meiste aber in Bochum, deiner Heimat. Hattest du diesen Klang von vornerein im Kopf, als du mit der Musik angefangen hast?

Ich gehe da tatsächlich gar nicht mit sehr vielen Gedanken rein. Klar, ich nehme mir vor, einen Song zu machen, aber nicht, wie er genau klingen soll. Wichtig ist mir vor allem, dass viel von mir in dem Song drinsteckt. Der Sound ist einfach wohl mit der Zeit entstanden. Außerdem höre ich persönlich nur internationale Musik. Da ist sehr wenig bis nichts Deutsches mit dabei. Daher auch der Hang zur englischen Sprache. Da fühle ich mich als Musikerin zuhause.

Vor einiger Zeit meintest du in einem Interview, es würde dir schwer fallen, über deine eigenen Emotionen zu schreiben und zu singen. Woher glaubst du, kommt diese Barriere?

Das hat sich mittlerweile wirklich verändert. Am Anfang habe ich nur über Sachen fernab von mir selbst geschrieben, das fiel mir leichter. Mit Liedern wie „Let Go“ oder „Movie“ wurde ich aber persönlicher, vermutlich weil ich über die Zeit auch an Selbstbewusstsein gewonnen habe. Dann traut man sich auch mehr beim Schreiben. „Movie“ war sehr intuitiv. Ich habe den Song innerhalb von einem Tag geschrieben. Dann haben wir zwei Mikros hingestellt, eins am Klavier, eins für mich. Wir haben zwei Takes aufgenommen, daraus ist dann die Version entstanden, die schließlich auf der EP zu hören ist.

„Mach erstmal dein Ding aus eigener Hand und reiner Kreativität. Ohne Label.”

Du hast letztes Jahr im Rahmen der Verleihung der 1Live Krone den Förderpreis als Newcomerin beziehungsweise Nachwuchskünstlerin gewonnen. Inwieweit hat dir die Auszeichnung karrieretechnisch weitergeholfen?

Die 1Live Krone ist einer der größten Radiopreise Deutschlands, wenn nicht sogar der größte. Da schauen echt viele Leute zu und kriegen mit, was passiert. Der Support hat mir alleine deswegen viel gebracht, weil immer wieder Menschen auf mich zukommen und erzählen, sie würden mich aus dem Radio kennen. Das ist schon was Besonderes.

Einfach mal aus reiner Neugier: Was denkst du als Künstlerin eigentlich über den Begriff „Newcomer“?

Ich halte generell nicht viel von Schubladendenken und der Begriff ist natürlich eine Art Label. Aber wenn man es so nennen will, bin ich ja auf eine Art und Weise „neu“ in der Musikwelt. Ich arbeite an einer wachsenden Hörerschaft und es gibt mich musikalisch gesehen eben noch nicht so lange.

Trotzdem führt es dich schon ganz bald auch außerhalb des Heimatlandes – du gehst mitsamt deiner ersten EP auf Europatour, spielst unter anderem in London und Prag.

Es ist etwas surreal und wirklich toll. Natürlich verkaufen sich die Venues außerhalb nicht so gut wie hier in Deutschland, aber das ist völlig ok. Ich bin ja eigentlich auch mehr virtuell am Start mit meiner Musik als jetzt auf allen Bühnen der Welt, dass Leute aus anderen Ländern zu meinen Shows kommen ist ein sehr schönes Gefühl.

Was ist dein Tipp an all die Talente da draußen, die musikalisch auch gerne durchstarten wollen?

Es gibt kein Rezept dafür – das wäre ja auch zu schön. Das Wichtigste ist, dass man komplett sein Ding macht. Damit meine ich auch, dass man nicht gleich zu einem Label eilen muss. Mach erstmal die Dinge aus eigener Hand und reiner Kreativität. Gerade am Anfang finde ich das sehr wichtig. Hast du Geld, kriegst du irgendwas hin, klar. Aber mit wenigen Mitteln was Gutes zu schaffen, darin besteht die Kunst. Dieses Mindset, das einem sagt, man könne nichts tun, wenn man kein Geld hat, muss einfach überwunden werden. Natürlich braucht man es, aber man schafft auch was ohne große Summen. Das war bei mir am Anfang auch nicht anders. Man muss kreativ sein.

Interview
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