Wie Azad Frankfurts Rapgeschichte in einem Album verewigt

Eine Dekade Rap in einem Album

Azad, Haftbefehl, Celo & Abdi, Vega – Frankfurt ist nicht mehr von der heutigen Deutschrap-Karte wegzudenken. Das war aber nicht immer so. In der Vergangenheit wurde die Main-Metropole eher stiefmütterlich behandelt und fristete ein Dasein im Schatten von Rap-Capitals wie Berlin, Hamburg und sogar Stuttgart. Dabei ist Frankfurt Dreh- und Angelpunkt so vieler großer Rapmomente und -Wurzeln. 

Mit seinem neuen Album DER BOZZ 2 zementiert Azad die eigene Historie und huldigt so ganz nebenbei dem Erbe seiner Stadt, der Geburtsstätte von Battle, Pathos und Straßenattitüde im deutschen Rapgame. 

Während mittelständische, deutsche Studentenboys ihre harmlosen Reime und Wortspiele in feinster Blockparty-Delivery zum Besten gaben, brodelte es unter der einzigen Skyline Deutschlands. Harte Texte waren hier an der Tagesordnung, eine Ernsthaftigkeit, von der man in Stuttgart und Hamburg nicht zu träumen gewagt hätte. 

Die Liste an Meilensteinen ist lang. Während Rap auf Deutsch kaum mehr Nennenswertes als die schon damals uncoolen Fanta Vier und die Heidelberger Pioniere von Advanced Chemistry mit dem heute gerne als Rap-Dinosaurier belächelten Torch als Frontmann zu bieten hatte, machte in Frankfurt bereits das Rödelheim Hartreim Projekt von sich reden. Der Name mag sperrig sein, das Hartreim war aber Programm: Moses Pelham und sein kongenialer Partner Thomas H. kamen mit harter Attitüde und vulgärem Vokabular an den Start und waren zu mehr aufgelegt als Texten über Fun und Funk. Etwa zeitgleich taten sich in Frankfurt auch IZ und Tone, seinerzeit absolutes Technik-Wunderkind, hervor, die gemeinsam mit DJ Feedback als Konkret Finn klassischen Battlerap aus der Taufe hoben. „Ich diss dich” gilt bis heute als Lehrstück und historischer Moment. All das fand bereits 1994 statt.

Produzenten-Ikone Roey Marquis II hatte zu diesem Zeitpunkt sogar schon den Sampler seines Labels Ruff-N-Raw an den Start gebracht, auf dessen düster-rohen Eastcoast-Entlehnungen unter anderem die Asiatic Warriors – Azad und D-Flame – zu hören waren. Noch in den Kinderschuhen, versteht sich. 1997 wurde zwar noch eine Compilation der bereits aufgelösten Crew veröffentlicht, seinen großen Wurf sollte Azad aber erst 2001 landen. 

Rap war mittlerweile etwas rougher geworden, zumindest in Berlin battleten bereits Kool Savas und Taktlo$$ als Westberlin Maskulin mit einem Vokabular, das so heute nicht mehr durchgewunken werden würde. Rap war asozial geworden, aber hart noch nicht – auch wenn bereits ein junger Berliner namens Charnell erste Gehversuche in Sachen klassischer Streetrap auf Deutsch gewagt hatte, mit seinem Debütalbum LEBEN sollte Azad 2001 ein Ausrufezeichen setzen und die Blaupause für unzählige Nachahmer liefern.

LEBEN war ein Album der Extreme. „Wer geglaubt hat, mit KKS sei die Messlatte dessen, was in einem Battletrack an Schwanzlutschen und Verwandtem untergebracht werden kann, bereits erreicht wurde, hat sich geirrt”, hieß es damals in der JUICE, die fünf von sechs möglichen Kronen verlieh. Doch nicht nur die düsteren, vor Straßenpathos triefenden Lyrics, die die Tristesse des Frankfurter Hochhausdschungels so packend einfingen, waren extrem. Azads Vortrag war derart inbrünstig und verbissen, beinahe schon theatralisch, dass es einen unweigerlich mitriss. Azad nahm sich selbst ernst. Der Typ war kein Spaßvogel, kein lustiger Battlerapper, der mit bösen Worten um der Provokation willen Leute ärgern wollte. Seine Songs klangen wie schwarz-weiße Film-Noir und hießen „Mentale Krisen”, nicht „Lutsch mein’ Schwanz”. Der Mann war durch und durch Straße und vor allem durch und durch HipHop in all seinen Disziplinen. Einer, dessen Wort Gewicht hatte – das faszinierte.

Noch heute hört man vielen Künstlern aus Frankfurt an, dass Azad für sie die Vorlage dafür ist, wie ein Rapper zu klingen hat. Das verraten schon die Beats: Hört man sich heute ein Album von Vega und seinen Jungs von Freunde von Niemand an, wird auch fast 20 Jahre später sofort klar, was diese Generation an Frankfurtern geprägt hat. Sentimentale Violinen- und Pianosamples, mal traurig, mal düster, mal dramatisch, aber stets orchestral und gespickt mit kraftvoll wummernden Drumsets im New Yorker Stil. 

Bis Jonesmann, ebenfalls massiv von Azads epochalem Sound geprägt, 2010 einen jungen Rapper namens Haftbefehl auf seinem Label Echte Musik signte und so auf die mittlerweile ans Internet angebundenen Bildschirme der Rapfans beförderte, kam kaum ein Release aus Frankfurt, das nicht hörbar von Azads Legacy beeinflusst war. 

Wie Azad 2019 Frankfurts Rapgeschichte in ein Album gießt: „Es geht back to the Roots – zurück zu den Geigen / MPC, bring’ ein Stück alte Zeiten / Back zu den Loops, tiefschwarze Scheiben / Nostalgie, nehm‘ ein‘ Stift um zu schreiben“, rappt Azad auf DER BOZZ 2 über den eigenen Anachronismus und blickt so auf seine Legacy zurück, die mindestens eine Dekade in einer der größten und wichtigsten Rapstädte des Landes formte und bestimmte.