Bishop Briggs: "Wir trauern um zu überleben"

Über Verlust, Hoffnung und den Versuch zu lieben

Um die Welt von Bishop Briggs zu verstehen, muss man tief in das Innere der eigenen Gefühlswelt eintauchen. Verlust, Trauer und Liebe ziehen sich schon fast konzeptartig durch ihre Musik. Ihr Debütalbum CHURCH OF SCARS erschien im April 2018 und brachte die Fans von Alternative Pop zum Schwärmen. Eine Mischung aus rockig-klingenden Hymnen, vermischt mit Grunge und starken Hooks, begleiten die kraftvolle Stimme der Sängerin. Inhaltlich voller Stücke über Trennung oder Wiederfindung, wie ihrem größten Hit bis dato, „River“. Ein großes Werk, nach dem sich manch andere*r Künstler*in erstmal eine Pause gönnen würde. Doch schon im November letzten Jahres veröffentlichte Sarah Grace McLaughlin, wie die britische Sängerin bürgerlich heißt, recht spontan ihr zweites Album CHAMPION und legte nochmal eins drauf.

Während das Debüt Momente aus verschiedenen Etappen von Bishop Briggs Leben einnimmt, fokussiert sich CHAMPION auf eine bestimmte Beziehung und verarbeitet diese von dem Moment der Trennung, über die Phase der Trauer und Wut, bis hin zur Akzeptanz. Die Worte sind ehrlich, unverblümt und kompromisslos. Wir haben die Sängerin zum Interview getroffen, um mit ihr über CHAMPION zu sprechen, was das Wort für sie persönlich bedeutet und warum Kahlrasuren einem Befreiungsschlag gleichen.

CHAMPION ist ein massives Album. Es ist eingängig und voller Energie. Dein letztes Album, CHURCH OF SCARS, hast du gerademal vor einem Jahr veröffentlicht. Wie kam es zu dem schnellen Nachfolger?

Diese Zeitspanne war tatsächlich wie mündlicher Diarrhö. Mein Herz wurde sehr stark gebrochen, die ersten Versionen der Songs waren innerhalb von zwei Wochen geschrieben. Es ist mir wichtig, so authentisch wie möglich als Künstlerin zu sein. Hätte ich das Album nicht direkt nach der Produktion in die Welt raus gelassen, wäre es das Gegenteil gewesen. Das war tatsächlich kein leichtes Unterfangen, schließlich handelte es sich wirklich um ganz frisches Material. Es gibt Gespräche mit Teams, dem Label. Es war hart, aber gleichzeitig therapierend. Ich bin sehr dankbar.

Verglichen mit seinem Vorgänger wirkt CHAMPION nicht nur reifer, sondern auch aggressiver. Du selbst hast dich auch mit einem ganz neuen Look präsentiert. Plötzlich waren alle Haare weg. Wolltest du damit ein Statement setzen?

Der Hintergrund, warum ich meine Haare abrasiert habe ist tatsächlich ein sehr persönlicher. Bei einer meiner besten Freundinnen wurde Brustkrebs diagnostiziert, die Kahlrasur war mein Zeichen der Unterstützung. Ich habe gleichzeitig aber auch sehr zu mir selbst gefunden. Wie du aber angenommen hast, kann es oft auch als Schritt gegen bestimmte soziale Normen aufgefasst werden. Als Zeichen gegen gängige Standards im Aussehen, beispielsweise. Es ist in jedem Fall eine sehr persönliche Erfahrung, bei mir eben mit einer persönlichen Geschichte verbunden. Zum Glück ist sie gut ausgegangen: meiner Freundin geht es mittlerweile wieder sehr gut! Leute rasieren sich ihre Haare aber andauernd ab, jede einzelne Person hat ihre spezifischen Gründe dafür. Es ist ein spannendes Thema.

Es ist gut zu hören, dass es deiner Freundin wieder gut geht! Kahlrasuren sind definitiv spannend und bringen eben auch eine gewisse Kraft mit sich. Diese Kraft wirkt auf CHAMPION an einigen Stellen wie eine Wut. Man fühlt sich angesteckt von ihr, sogar ermächtigt.

Wieder eine spannende These. Wenn ein Song auf dem Album aus purer Wut entstand, dann war das „MY SHINE“. Im Generellen war aber vor allem Trauer der Motor für die Kreativität. Wenn ich mich sehr verletzlich fühle, dann verarbeite ich es eben in meiner Musik. CHAMPION ist quasi die Verarbeitung der verschiedenen Ebenen von Trauer und wo sie mich hinbrachten. Es ist aber interessant, dass du Wut in mehreren Songs heraushörst. Vielleicht ist das unbewusst passiert und wurde von der Trauer einfach hervorgerufen.

Warum glaubst du denn, dass Trauer in so einem Maße auf die eigene Kreativität wirken kann?

Etwas aus der eigenen Trauer heraus zu schaffen ist hemmungslos ehrlich. Da muss man als Mensch tief graben, wir trauern ja auch, um zu überleben. Außerdem ist es sehr spannend einen Song zu schreiben, wenn man am Boden ist. Du hast nichts mehr zu verlieren. Das Schlimmste ist schon passiert, du brauchst dich davor nicht mehr zu fürchten. Außerdem hat diese Trauer ja auch schon alles von dir genommen.

Mit dem Song „JEKYLL AND HIDE“ spielst du auf eine der bekanntesten Geschichten der Literatur an. Es handelt von einem Mann, der behauptet, eine andere, böse Persönlichkeit in sich zu haben. Besitzt jeder von uns eine böse Seite?

Das ist sehr schwer zu beantworten. Wenn ich an das Böse im Menschen denke, dann kommen mir Diktatoren in den Sinn. Aber das ist auch wieder eine Sache für sich. Im Grunde genommen bin ich nämlich der Überzeugung, dass die Menschen da draußen gut sind. Mit dem Song wollte ich vor allem auf die Seite eines Menschen anspielen, die mich sehr verwundert hat und die ich bisher nicht kannte. Dabei dachte ich, ich kenne diese Person in- und auswendig. Ich habe mich dann entschlossen, diese Seite zu ignorieren. Das ist aber am Ende nicht gut ausgegangen. Dabei muss diese Seite nicht unbedingt „böse“ sein, was auch immer das heißen mag. Sie kann auch einfach nur enttäuschen. Ich versuche immer das Beste in Menschen zu sehen. Manchmal zu sehr.

Erinnerst du dich an deinen geistigen Zustand, als der Moment erreicht war, an dem du von dieser Beziehung genug hattest?

Ich ging eines Tages ins Studio mit der Hoffnung, durch das Schreiben etwas mehr von meinen Gefühlen zu verstehen. Ich glaube daran, dass man gerade in solchen Momenten sehr viele unterbewusste Gedanken ans Licht bringen kann. Also saß ich da und merkte plötzlich, wie viele Päckchen ich jeden Tag mit mir herumgetragen habe. Wir waren immer noch zusammen, aber die Dinge liefen so schlecht. Das ist die schlimmste Ebene, die man meiner Ansicht nach erreichen kann. Dann habe ich auch angefangen an „SOMEONE ELSE“ zu schreiben und die ersten Zeilen waren „all I wanna do is be alone, lose my phone, be someone else“. Da stand es auf Papier, mein Herz war gebrochen und ich wusste, es war genug.

Der Closing Track des Albums, „I TRIED“, geht nochmal eine Ebene tiefer. Der Versuch, die Beziehung zu retten war da, gescheitert ist sie trotzdem. Warum versuchen wir Dinge aufrecht zu erhalten, die uns eigentlich nur verletzen?

Weil Liebe sich so gut anfühlt. Sie ist wie eine Droge, der wir manchmal sogar hinterher jagen. Es kostet außerdem auch Zeit herauszufinden, was Liebe überhaupt ist. Unsere Kindheit, unsere Jugend – die Erfahrungen aus diesen Zeiten formen wir unser Verständnis davon. Manche Menschen wissen dadurch vielleicht gar nicht, was Liebe ist. Dann wird erst recht nach ihr gesucht. Es ist schwer zu beantworten, aber die Frage ist gut. Man sollte sie sich öfter stellen.

Was bedeutet denn Liebe eigentlich für dich?

Über die Zeit hat sich ihre Bedeutung für mich verändert. Anfangs stellte ich Liebe mit Selbstlosigkeit gleich, immer zuerst an die andere Person denken. Aber das ist ungesund, denn da kann schnell Abhängigkeit ins Spiel kommen. Was bedeutet Liebe heute für mich? Eine Person komplett so zu sehen, wie sie ist.

Um zum Schluss nochmal auf dein Album zurückzukommen: Wie definierst du einen Champion?

Oh wow – da gibt es so viele unterschiedliche Ansätze! Ich glaube ein Champion ist jemand, der seine Schwächen einsieht und annimmt, sie aber auch respektiert. Wenn man trotz Angst oder Zweifel jeden Tag aufsteht und sich nicht unterkriegen lässt. Das ist wahre Stärke.

Interview
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