BJ The Chicago Kid: „Obama? That’s my homie!“

Ein Gespräch über den Status Quo von R'n'B und die Nummer von Obama

Guess who’s back? BJ The Chicago Kid! Ja, genau, der Typ, dessen soulige Stimme ScHoolboy Qs „Studiovor geraumer Zeit zu einem Hit machte. Mehr als drei Jahre sind mittlerweile vergangen, seitdem R’n’B-Boy BJ mit IN MY MIND sein überzeugendes Major-Debüt vorlegte. Was in der Zwischenzeit so geschah? Unter anderem sang die vielleicht schönste Stimme Chicagos bei Barack Obamas Abschiedsrede die Nationalhymne und mischte auf dem ein oder anderen Instant Classic mit – Chance The Rappers COLORING BOOK oder JIDs DICAPRIO 2 etwa. Anfang des Jahres nahm BJ The Chicago Kid außerdem an den Recording Sessions teil, die in der Dreamville-Compilation REVENGE OF THE DREAMERS III mündeten – und ganz nebenbei feilte der 34-Jährige schließlich auch noch an seinem eigenen, zweiten Major-Release 1123, für das er unter anderem mit Migos-Drittel Offset und Buddy Buddy (no pun intended) die Booth teilte. Und ihr so?

Gerade noch seinen kleinen Gastauftritt für ScHoolboy Q beim diesjährigen splash! Festival abgehalten, haben wir BJ The Chicago Kid im Anschluss zum ausführlichen Gespräch getroffen, um über den Status Quo des R’n’B, tagelange Endlos-Sessions mit EDM-Produzent Afrojack und BJs Verhältnis zu Barack Obama zu sprechen.

BJ, hast du dich schon bei J. Cole beschwert?

Worüber?

Darüber, dass er keinen deiner Parts auf der neuen Dreamville-Compilation platziert hat.

Nein – und so viel vorweg: Ich habe mir das Album angehört, und es gefällt mir wirklich gut. Es ist dope, einige der Songs zu hören, deren Entstehungsphase ich miterlebt habe und die ich noch als halbfertige Stücke kenne. Hier und da höre ich sogar auch meine Stimme. Aber hey: Ich werde das ein anderes Mal mit ihm diskutieren!

Ich frage natürlich deshalb, weil du an den nahezu legendären, zehntägigen Recording Sessions teilgenommen hast, die J. Cole und das gesamte Dreamville-Team im Januar auf die Beine gestellt haben und bei denen etliche Künstler und Produzenten am Start waren. Woran wirst du dich immer erinnern, wenn du an diese Zeit zurückdenkst?

Genau darüber habe ich gestern (auf dem splash! Festival – Anm. d. Red.) mit Saba und Buddy gesprochen: Der gesunde Konkurrenzkampf, der dort stattgefunden hat, hat mich enorm weitergebracht. Als ich danach wieder zurück nach Hause kam, hatte ich unglaublich viel Energie, die ich in meine eigene Musik stecken wollte. Für alle Künstler war das eine unglaubliche Erfahrung! Ich glaube nicht, dass es einen Künstler gibt, der schon mal eine ähnliche Möglichkeit hatte; in so einer Umgebung zu sein, in der jeder seine Bestform abrufen musste, und Leute kennen zu lernen, die man sonst vielleicht nie getroffen hätte.

Die Veröffentlichung von IN MY MIND, dem Vorgänger von 1123, liegt bereits mehr als drei Jahre zurück. Damals meintest du, du wolltest den Leuten zeigen, dass dein Album viel deeper ist als das, wofür du bekannt bist – zum Beispiel deine Zusammenarbeit mit ScHoolboy Q. Dieser Punkt dürfte mittlerweile abgehakt sein.

1123 zeigt tatsächlich eine neue Dimension von mir, das Album ist eine Fortsetzung meiner Geschichte.

IN MY MIND hast du damals innerhalb von 27 Tagen aufgenommen …

Insgesamt hat es 30 Tage gedauert, im Studio habe ich 27 Nächte geschlafen, das stimmt. Ehrlich gesagt habe ich seit diesen Aufnahmen nie wirklich aufgehört zu arbeiten. An vielen Songs von 1123 habe ich gearbeitet, während ich unterwegs war.

Ist Musik, die du während der Dreamville-Sessions aufgenommen hast, auf 1123 gelandet?

Nein. Ich glaube, Cole möchte diese Jelly Beans auch lieber selbst behalten. (lacht) Wir haben echt viel dopes Zeug produziert! Ich kann mir gut vorstellen, dass er damit in Zukunft noch etwas vorhat.

Du bist auf Kendrick Lamars Mixtape OVERLY DEDICATED (2010) zu hören, auf FOLLOW ME HOME (2011) von Jay Rock, warst aber immer schon ein Künstler, der Genres miteinander vermischt. Zuletzt hast du etwa mit Solange, Kehlani und Anderson .Paak zusammengearbeitet. Den gemeinsamen Track mit dem EDM-Produzenten Afrojack auf 1123 habe ich trotzdem nicht kommen sehen.

(lacht) Es war tatsächlich ein bisschen komisch, wie das zustande gekommen ist, es ging aber auf jeden Fall von ihm aus. Das war wirklich cool: Oftmals ist es nämlich so, dass man sich E-Mails hin- und herschickt, und irgendwann steht der Song. Afrojack hat mich aber echt sehr beeindruckt. Wir hatten eigentlich ausgemacht, einen Tag im Studio zu verbringen. Am Ende der Session meinte er dann: „Kommst du morgen wieder?“ Am Ende waren wir vier oder fünf Tage hintereinander im Studio. Denn auch abgesehen von der Musik ist Afrojack ein echt guter Typ. Es ist immer bewundernswert, wenn jemand nicht nur ein guter Künstler ist, sondern noch dazu eine gute Persönlichkeit besitzt. Das ist nicht selbstverständlich – und macht die Musik umso besser.

Trotz dieser Ausflüge bist du R’n’B und Soul immer treu geblieben. Wie beurteilst du den Stand von R’n’B im Jahr 2019?

Viele Leute sind R’n’B-Fans. Manche sagen das auch so, andere hören es die ganze Zeit, machen aber eben keinen Screenshot, um ihn in ihren Stories zu posten. Genau dieser Post könnte aber jemand anderem helfen, um zu erkennen, dass er dieselbe Musik feiert. Dieses Genre ist ungeheuer gewachsen. Es gab eine Phase, in der sich die Welt nicht so sehr für R’n’B interessiert hat wie es jetzt der Fall ist. R’n’B-Songs waren aber immer da.

Trotzdem hat sich in diesem Genre jüngst Einiges getan.

Die Individualität der Künstler kommt immer mehr zum Ausdruck! Das erlaubt es den Leuten, zu verstehen, dass dieses Genre immer besser wird: Von H.E.R. über Ty Dolla $ign bis hin zu Jeremih oder Daniel Caesar. R’n’B ist sehr bunt und kreativ – wir versuchen nicht, alle gleich zu sein.

Du selbst kommst aus Chicago und betonst immer wieder, durch die Hölle gegangen zu sein …

(unterbricht) Ich bin definitiv ein South-Side-Survivor!

Für welchen Aspekt, der damit einhergeht, in Chicagos South Side aufgewachsen zu sein, bist du am meisten dankbar?

Um vollkommen ehrlich zu sein, bin ich vor allem dankbar dafür, dass ich immer noch dieselbe Denkweise und einen offenen Geist habe. In Chicago aufzuwachsen, bedeutet nämlich eigentlich nicht, offen und unvoreingenommen zu sein. Das Leben dort ist echt monoton und gewissermaßen immer noch geteilt: Man geht in die Mall, in den Supermarkt oder ins Postamt nur in der eigenen Hood – und nicht darüber hinaus.

Wie ist eigentlich dein Verhältnis zu Barack Obama?

That’s my homie! Ich habe erst gestern mit ihm gesprochen.

Könntest du ihn hier und jetzt anrufen?

Er würde wahrscheinlich nicht rangehen. Er will bestimmt nicht zwei Tage in Folge mit mir sprechen.

Du hast seine Nummer aber in deinem Handy abgespeichert?

Nah. (lacht laut los)

Im Rahmen seiner Abschiedsrede im Januar 2017 hast du die US-amerikanische Nationalhymne gesungen. Für Normalsterbliche wie mich: Wie passiert so etwas? Hat Obama dich persönlich gefragt?

Wir alle machen Zeiten durch, in denen wir unseren Weg und uns selbst in Frage stellen. Das war aber eines der Erlebnisse, die mir gezeigt haben, dass ich irgendwann mal irgendwas Richtiges getan habe. (lacht) Ich wüsste selbst gerne, wie das zustande gekommen ist, ich hinterfrage es aber nicht zu sehr. Das war einer der schönsten Momente meines Lebens – aber auch für mein Team und meine Familie!

Barack Obama veröffentlicht zum Jahresende immer seine persönlichen Lieblingssongs des Jahres. Du hast es mit deinem Track „Turnin’ Me Up“ auf seine Liste geschafft.

Vor unserem nächsten Interview werde ich ihn nach seiner Nummer fragen, um ihn anrufen zu können. (lacht) Auf dieser Liste zu sein, ist eine ganz besondere Belohnung. Es ist ein „Thank you“, ein „Congratulations“, das sich von allem anderen absetzt. Er war unser erster schwarzer Präsident! Er hat in Chicago gelebt. Es gibt so Vieles, was diese Auszeichnung cool und unvergleichbar macht.

Ein ähnlich emotionales Thema scheinen in deinem Leben Sneakers zu sein. Ich bin da über ein paar Tweets von dir gestolpert …

Dass ich es hasse, wenn Leute ihre Schnürsenkel in die Schuhe stecken?

Das – und dass du geschrieben hast: „Ladies, don’t wear no Scottie Pippen up tempos. You can’t wear Power Forward or Center position sneakers.”

Ja, bitte, tut mir diesen Gefallen. Diese Schuhe sind einfach zu groß!