Black Midi: 7 Fragen, 8 Antworten

Die Londoner Post-Rock-Band über Wagner und Tourlügen

Man kann sich nicht so richtig vorstellen, dass Black Midi wirklich dieselbe künstlerische Hochschule besucht haben wie Adele, Kate Nash und Leona Lewis. Gut, der düstere Punk-Crooner King Krule entstammt schließlich auch dem kreativen Inkubator der Londoner BRIT School für darstellende Künste und Technologie – fair enough. Aber was Geordie Greep, Matt Kwasniewski-Kelvin, Morgan Simpson und Cameron Picton als Black Midi im klassischen Jungs-Gitarrenband-Setup fabrizieren, könnte von klassischer Pop-Vermarktbarkeit nicht weiter entfernt sein.

Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb? – haben die vier Engländer, von denen zwei noch Teenager sind, im vergangenen Jahr einen Riesenhype erfahren, bevor überhaupt irgendein Schnipsel ihrer Musik im Internet zu finden war. Social Media ist nicht so ihr Ding, Black Midi existieren vor allem im Analogen: Sie verdienten sich ihre Sporen als Live-Band in der berühmten Windmill in Brixton, wo sie 2018 sogar eine Session mit dem ehemaligen Can-Sänger Damo Suzuki aufgenommen haben.

Math-Rock, Post-Rock, Experimental-Noise-Rock – die Feuilletons überschlagen sich mit Genrebegriffen, um den Sound des Black-Midi-Debüts SCHLAGENHEIM zu umschreiben. Dabei sieht sich die Band mitnichten als Retter der totgesagten Rockmusik. Sänger Geordie Greep und Gitarrist Matt Kwasniewski-Kelvin sprechen in „7 Fragen, 8 Antworten“ über ihren kleinsten gemeinsamen musikalischen Nenner (Spoiler Alert: Es ist Wagner!) und was die größte Lüge über das Tourleben ist. Außerdem beantworten sie uns natürlich wieder eine Frage, die wir ihnen gar nicht gestellt haben.

Frage 1:
Wenn man keine Ahnung von eurer Musik hat: Welchen Song sollte man sich zuerst anhören?

Geordie Greep: Keine Ahnung, ich würde sagen, man soll sich das ganze Album anhören. Das ist eine Einheit. Alles daran ist wichtig.

Matt Kwasniewski-Kelvin: Mein Lieblingstrack vom Album ist wahrscheinlich „Western“. Da ist so viel Dynamik drin, Spannung und Entspannung. Viele verschiedene Teile. „Western“ ist einer der vielseitigsten Tracks auf dem Album. Ich glaube aber, man kann unseren Sound nicht an einem Track festmachen. Wir probieren ja auch immer sehr viele neue Sachen aus. Wir werden wahrscheinlich niemals einen festen Sound haben. 

GG: Ich würde unseren Sound als „aufregende, dramatische Musik, die mit Live-Instrumenten gespielt wird“ beschreiben.

Frage 2:
Erinnert ihr euch noch daran, wie ihr euch zum ersten Mal begegnet seid und was ihr damals übereinander gedacht habt?

MKK: Wir haben uns in der BRIT School (The London School for Performing Arts & Technology – Anm. d. Red.) kennengelernt.

GG: Ja, wir sind dort vier Jahre zusammen hingegangen. Mit den anderen beiden (Morgan Simpson und Cameron Picton – Anm. d. Red.) für zwei Jahre. Also haben wir uns zu verschiedenen Zeitpunkten kennengelernt. Der erste Eindruck? Keine Ahnung.

MKK: Wir haben uns in einem Kurs kennengelernt. Und dann waren wir Freunde. Ich glaube, wir fanden uns einfach gegenseitig lustig. Ich weiß nicht, wir wurden eben Freunde. Wir waren zwei Jahre vor Morgan und Cameron an der BRIT School.

GG: Als wir uns angefreundet hatten, haben wir angefangen, uns gegenseitig Musik zu zeigen und so. Komisches Zeug. Aber wenn man befreundet ist, dann vertraut man dem musikalischen Urteil der anderen und denkt: Die können ja nicht komplett daneben liegen. Also haben wir uns für die Interessen der anderen begeistert. Wir haben zusammen gespielt und sind eine Band geworden.

Frage 3:
Wie habt ihr diese Zeit an der BRIT School in Erinnerung und inwiefern hat sie euch als Band geprägt?

MKK: Das war ein großartiger Ort. Ein Ort, um Fehler zu machen, Dinge auszuprobieren und rumzuspinnen. Musik zu schreiben und sowas. Dass wir das machen durften, bevor wir in die richtige Welt hinausgegangen sind, war für uns ein guter Start.

GG: Ja, die meisten Bands spielen ja in den ersten paar Jahren Gigs, die wie Proben auf der Bühne wirken. Aber wir haben dort die ganze Zeit Probegigs gespielt, und das hat uns darauf vorbereitet, jetzt richtige Gigs zu spielen.

Black Midi
Die Londoner Post-Rock-Band Black Midi kann mit diesem Label eigentlich gar nicht so viel anfangen: Geordie Greep, Morgan Simpson, Cameron Picton und Matt Kwasniewski-Kelvin (v.l.n.r.).

Frage 4:
Ihr seid zurzeit sehr viel auf Tour, spielt bis Ende des Jahres noch über 50 Gigs. Was ist der größte Mythos über das Tourleben?

GG: Dass es glamourös ist. Dass man jeden Abend ausgeht und Party macht. Schöne Menschen um sich herum hat und der ganze Quatsch. Das ist bei uns nicht so. Wir spielen den Gig und gehen dann ins Hotel zum Schlafen.

MKK: Wir hängen schon manchmal rum danach. Aber nicht so oft, wie Leute sich das vielleicht vorstellen.

GG: Nicht in einem filmreifen Ausmaß.

MKK: Das Beste am Touren sind natürlich die Shows.

GG: Aber auch, dass man verschiedene Orte sieht, für verschiedene Crowds spielt. Die Sache ist ja die: Man kann nie voraussagen, welche Shows die exzellenten sein werden. Ab und zu sind die Shows exzellent. Und das entschädigt dann für alles. Vor ein paar Monaten waren wir in der Schweiz …

MKK: Ja, wir waren in Bad Bonn. Das war geil! Eine sehr gute Show. Es kommt auf den Vibe an, weißt du? Der entscheidet, ob es eine gute Show wird. Schon komisch.

Frage 5:
Wenn ihr euch für ein einziges Album entscheiden müsstet, das während der gesamten Tour im Tourbus auf Dauerschleife läuft: Welches wäre das?

MKK: Ein Album? Mann!

GG: Das würde in einem Blutbad enden!

MKK: Das kann ich unmöglich beantworten!

GG: Man müsste etwas wählen, das sehr, sehr lang ist. Das längste Album. Vielleicht etwas, das niemand von uns schon wirklich gut kennt. Etwas, das wir alle kennenlernen können. Vielleicht Wagners „Ring der Nibelungen“. Das ist ja sehr lang, offensichtlich. Also wäre man auch nicht so schnell genervt davon, weißt du?

MKK: Ich glaube, egal was es wäre, man hätte einfach keine andere Wahl als sich damit auseinanderzusetzen. 

GG: Aber es gibt einfach keine Musik, die auf Dauer nicht langweilig wird, wenn man sie die ganze Zeit hört.

Frage 6:
Über euch wird oft geschrieben, dass ihr die Rockmusik wiederbelebt habt. Wie findet ihr diese Zuschreibung?

MKK: Das ist ganz schön extrem. Wir haben doch gerade erst angefangen.

GG: Sie nennen das „Rockmusik“, weil wir Gitarren verwenden. Da macht man es sich auch leicht.

MKK: Ja, wer weiß, ob wir in ein paar Jahren überhaupt noch Rockmusik machen.

GG: Wir wollen musikalisch Vieles ausprobieren. Alles ist interessant, wo es Raum für Melodien, Spannung und Drama gibt. Für Theatralik.

MKK: Wir hören auch privat eine große Bandbreite an Musik. Kein festes Genre. Ich mochte zum Beispiel in letzter Zeit das neue Album von Holly Herndon sehr gerne. Sie ist mega!

Frage 7:
Ihr habt in der Windmill in Brixton prägende Gigs gespielt, unter anderem mit Damo Suzuki von Can. Dieses Pub wird oft als Inkubator für neue Bands bezeichnet. Wie würdet ihr diesen Ort beschreiben?

MKK: Das ist eine Art Angelpunkt, an dem Musiker und Musikerinnen spielen, die gerade dabei sind, groß zu werden. Der beste Ort, um wahrgenommen zu werden. Ein großartiger Ort, der von diesem Typen namens Tim Perry betrieben wird. Er bucht dort immer interessante Acts, egal ob es den Leuten gefällt oder nicht. Selbst wenn die Leute dort die Bands nicht feiern, bucht er sie trotzdem wieder, wenn er sie interessant findet. 

GG: Es ist außerdem einfach ein stinknormales Pub. Irgendwie trendy, aber nicht „trendy-trendy“. Da gehen normale Leute aus der Nachbarschaft zum Biertrinken hin. Es gibt Rock- und Electro- aber auch Folknights. Sonntags gibt es einen Folkjam. Da kann jeder mit seinem Banjo vorbeikommen und spielen. Bei den meisten Bars in London schreiben die Leute E-Mails hin und fragen, ob sie spielen dürfen. Dann schauen die, wie viel Publikum die Band potenziell anzieht und entscheiden sich für die sicherste Bank. Tim Perry ist das total egal. Er will einfach nur eine gute Musikauswahl liefern. Er denkt sich eher: Wenn ich die buche, dann haben sie vielleicht bald ein größeres Publikum.

Antwort 8:

MKK: Dackel. Oder Pinguin.

GG: Irgendeine Affenart wahrscheinlich. Am schlimmsten sind Krokodile. Ich hasse die.