Brooke Candy: "Sex war noch nie ein Tabu, sondern einseitig."

Nicetry präsentiert das exklusive Deutschlandkonzert.

„I got Money on my Pussy and it feels so good“ singt Brooke Candy im Refrain ihres Songs „Honey Pussy“. Im Hintergrund dröhnt der Bass, die PC-Sound-artigen Melodien klingen, als wären sie in einem dunklen Keller zusammengeworfen worden. Vielleicht wurden sie das tatsächlich auch. Kaum ein Major Label würde wohl einen derart verruchten, emanzipierten Song unterstützen. Dabei handelt es sich längst nicht um den härtesten Moment aus dem Repertoire, das die Künstlerin aus Kalifornien auf ihrem Debütalbum SEXORCISM zu bieten hat, das sie im Herbst 2019 veröffentlichte. Ob mehrfaches Kommen oder wortwörtliches Arschlecken – Brooke Candy nimmt kein Blatt vor den Mund und katapultiert den Begriff um „Sex-Positivity“, also eine offene, freie und positive Einstellung zum Umgang mit der eigenen Sexualität, auf eine neue Ebene.

Doch nicht nur Worte gehören zu dem Konstrukt der Künstlerin. Ihre Outfits erzählen immer wieder eine Geschichte für sich. Und lässt sie die Hüllen mal komplett fallen sieht man einen von Tätowierungen bedeckten Körper, der nochmal seine ganz eigene Erzählung hat. Es ist nicht schwer zu erkennen: Brooke Candy ist ein Gesamtkunstwerk.

An der Perfektion ihrer Inszenierungen hat sie immerhin über Jahre hinweg gearbeitet. Seit 2012 veröffentlicht die Künstlerin regelmäßig Musik, ihr Sound bewegte sich zwischen Elektro-Pop („Living Out Loud“) und HipHop-lastigen Experimenten („Ooomph“). Ein Album war laut eigener Aussage schon lange geplant, doch Unstimmigkeiten mit ihrem damaligen Label störten den kreativen Prozess. Heute arbeitet Brooke Candy unabhängig von irgendwelchen Plattenfirmen und auf eigene Faust. Ironischerweise klingt ihr neustes Musikmaterial stark nach ihrer allerersten Single „Das Me“, die vor satten acht Jahren veröffentlicht wurde. Ein weiterer Beweis dafür, wie Labels manch Künstler*innen formen wollen? Sehr gut vorstellbar.

Im Interview erzählt sie über den langen Weg zu ihrem Debütalbum, wie sie nach einer dunklen Phase die eigene Kreativität wiederentdeckte und warum Frauen im Musikbusiness unbedingt zusammenhalten müssen.

Nicht verpassen: Brooke Candy live in Berlin – am 25.02.2020. Tickets gibt’s hier!

Brooke, du stehst kurz vor deiner Europa-Tour, den Anfang macht Deutschland – du kommst nach Berlin. Bist du aufgeregt?

Ich bin sehr gespannt. Die Show ist im Berghain, man erzählt sich so viele Geschichten darüber. Für mich ist es das erste Mal dort und ich darf performen! Das ist in der Tat aufregend, der Club fühlt sich so episch an.

Als bekannt gegeben wurde, dass du nach Berlin kommst und dann auch noch ins Berghain, war mein erster Gedanke: das ist ein Volltreffer.

Danke, das ist gut zu hören. Ich glaube auch, dass es passt. Mir wurde gesagt, den Leuten werden die Telefone am Eingang weggenommen oder zumindest abgeklebt, damit keine Bilder entstehen. Ich hoffe, es passiert. Das Publikum soll die Show komplett genießen.

Stören dich Smartphones aus dem Publikum?

Ich bin ein Freak. Hinter und vor allem auf der Bühne. Ein Traum von mir ist es, eine Performance zu geben, bei der nicht fotografiert werden darf. Ich arbeite mit Charlie Le Mindu zusammen, er ist Stylist, Designer und ein enger Freund von mir. Er gilt als „Europas versautester Mann“ in seinem Feld und wir konzipieren die Show gemeinsam. Charlie ist extrem Sex-positiv, bizarr und hat tolle Visionen. Ich möchte komplett ausrasten und das sollen die Leute mit ihren Augen sehen und nicht durch ihr Smartphone. Das würde mich einfach nur glücklich machen.

Das hört sich nach einem Konzept an, dass sich sehr gut in deinem Album widerspiegelt. SEXORCISM ist quasi ein Manifest des Bizarren und Sex-Positiven. Interessanterweise ähnelt es stilistisch deiner ersten Single „Das Me“ von 2012. Hast du nach all den Jahren wieder zu dir selbst gefunden?

Ja, auf jeden Fall. SEXORCISM habe ich ganz alleine kreiert. Kein großes Label, keine Anforderungen, nicht mal ein Grund, warum es überhaupt entstehen sollte. Ich wollte einfach ein Werk erschaffen aus bloßer Lust am Kreieren. Es war sehr therapeutisch, da das eben das Ziel war: sich künstlerisch auszudrücken. Ich fühlte mich tatsächlich wie damals, als ich mit Musik angefangen habe. Dieses Gefühl habe ich zeitweise verloren und ich empfand kein Glück und keine Zufriedenheit mehr durch das Musizieren. Es kam meistens immer jemand dazwischen.

Und dieses Mal gab es wohl keine Stimmen, die dich künstlerisch zurechtweisen wollten.

Genau, denn es gab einfach keine Erwartungen. Letztendlich habe ich ein Album erschaffen, das sicher auch nicht für alle zugänglich ist. Aber das ist völlig in Ordnung. Meine Kunst ist satirisch, ironisch, nahezu ein Witz. Ich habe mich damit sehr wohl gefühlt, aber es wurde mir jahrelang entzogen.

Warum glaubst du, dass das passiert ist?

Weil man sich als Künstler*in sehr oft anpassen soll an das, was sich in einem bestimmten Moment gut verkaufen lässt. Als ich von meinem damaligen Label entdeckt wurde, fanden mich dort alle toll. Gleichzeitig wurde mir aber gesagt, ich solle doch bitte alles an mir verändern. Das ist eine Sache, die ich bis heute nicht ganz verstanden habe: warum wird man dann überhaupt an Board geholt? Sucht euch doch jemanden, der in euer Schema passt und arbeitet gemeinsam. Ich ging meinen eigenen Weg, schon von Anfang an, und wurde dann auf eine ganz andere Bahn gebracht. Es ist wie es ist und ich verstehe das Konzept von Major Labels. Sie wollen Geld verdienen und das ist völlig ok. Aber ich war und bin nicht die richtige Person dafür. Schade ist nur, dass ich dadurch für eine Weile den Sinn hinter der eigenen Kunst verloren habe. Aber der ist wieder da. Ich bin wieder da.

Siehst du einen Zusammenhang zwischen dem Versuch, dich ändern zu wollte und den expliziten Kontexten, die du schaffst? Ist Sex immer noch ein derartiges Tabu?

Nein, überhaupt nicht. Ich glaube nicht mal, dass es jemals ein Tabu war. Die Perspektiven von Sex haben sich aber geändert. Es gibt nicht mehr nur eine männliche Sicht, sondern auch eine weibliche und welche dazwischen. Denken wir beispielsweise an die 80er Jahre und Madonna. Sie war der größte Star im Mainstream und brachte dann ihr „Sex“-Buch auf den Markt. Sie war subversiv, sexuell und vor allem gehörte sie nur sich selbst.

Lustig, dass du genau dieses Buch erwähnst. Ich habe es erst vor kurzem zum ersten Mal in den Händen gehalten. Es ist der Wahnsinn!

Ja, oder? Das Metall-Cover – wie geil ist das denn? Und es ist so ein zeitloses Werk. Die Fotografien könnten von heute sein.

Absolut. Es ist schon fast gruselig, wie zeitgemäß es an so vielen Stellen ist.

Für mich ist „Sex“ eines der revolutionärsten Werke in der modernen Kunst. Es ist weder soft, noch Pornografie. Es ist einfach nur wunderschön und inklusiv. Sie kreierte ohne Zweifel etwas Ikonisches. Die gesamte Ära um das Buch und ihr Album EROTICA gehören zu meinen Lieblingsmomenten in der Musikgeschichte. Sie war so direkt, so mutig. Diese Zeit sprüht immer noch voller Energie.

Um meinen Gedanken an dieser Stelle einfach mal freien Lauf zu lassen: Meiner Ansicht nach hast du mit SEXORCISM ein EROTICA unserer Zeit hervorgebracht. Vermischt mit sehr viel Ironie und noch expliziteren Inhalten. Gibt es da eine Verbindung oder bilde ich mir alles ein?

Ich glaube das ist eine der schönsten Dinge, die jemals jemand zu mir gesagt hat. (lacht)
Kein Album hat mich als Person so geprägt wie EROTICA. Es dient als Hauptquelle meiner Inspiration und für alles, was ich mache. Auch heute noch. Ich weiß nicht, ob ich jemals so weit gehen könnte um zu sagen, SEXORCISM ist damit in Verbindung zu stellen. Aber danke, ich fange gerade wirklich an zu schwitzen!

EROTICA spielt also generell eine große Rolle in deinem Leben. Was sind denn die Gedanken hinter SEXORCISM?

Wie du schon richtig erkannt hast spielt Ironie eine sehr große Rolle dabei. Das ist meine allgemeine Einstellung zum Leben: hab Spaß, nimm nicht alles zu ernst. Ich bin von Natur aus ein solider Mensch. Mich bringt wenig aus der Fassung, gerade weil ich einen gesunden Verstand habe wenn es darum geht, viele Dinge an mir abprallen zu lassen. Wie Negativität oder Stress. Daher ist meine Kunst auch etwas, was ich natürlich im Großen und Ganzen ernst nehme, die aber in ihrer puren Existenz auch mal aus Idiotismus und Dummheiten besteht.
Einer meiner Lieblingskünstler ist der Regisseur John Waters. Seine Werke wurden von den Leuten immer wieder zerrissen. Nicht nur das, man wurde selbst als Idiot gehalten, wenn man Geld ausgegeben hat, um seine Filme zu sehen! Mittlerweile sind Werke wie „Pink Flamingos“ natürlich Kult. Er hat mal gesagt: „Ich lese all eure Kritiken. Die schlechten einmal, die guten zweimal. Dann wandern sie in dem Müll.“ Und er hat sich nie davon abhalten lassen, seine Visionen weiterzuverfolgen. Sie sind voller Trash, Camp, sie sind super Gay – und er hat es gefeiert. Wie cool ist das denn? Ich kann mich damit sehr gut identifizieren. SEXORCISM ist purer Spaß. Wir brauchen mehr davon.

Man fragt sich in diesem Zusammenhang auch, wie die Stimmung so im Studio ist, wenn du und dein Team Songs wie „Freak Like Me“ oder „Cum“ schreibt und aufnehmt. Die Texte schlagen einem beinahe schon ins Gesicht.

Glaub mir wenn ich sage: Jeder einzelne Song auf dem Album war ein immenser Spaß im Studio. Die Tage waren so aufbauend und therapeutisch. Einfach nur gut für die Seele. Niemand hatte irgendwelche Erwartungen, wir hatten einfach nur Spaß. Das sollte der Grundbaustein für Kunst sein. Die Musik auf SEXORCISM ist nicht zu schwer oder tiefsinnig, sie existiert einfach und wurde aus purer Freude hervorgebracht. Alle, die an dem Projekt beteiligt waren, hatten Spaß.

So klingt das Album auch und besitzt deswegen vermutlich diese besondere Authentizität. Es bringt einen immer wieder zum Schmunzeln, besonders Tracks wie „Rim“ oder „Honey Pussy“ – die unverschämt Sex-positiv sind und kein Blatt vor den Mund nehmen. Hast du Spaß an der Provokation?

Es ist mehr meine Kunst, auch wenn das jetzt etwas banal klingen mag. Ich gehe nicht mit der Intension ins Studio, einen Schocker aufzunehmen. Vermutlich bin ich provokativ, aber ich denke da nicht viel drüber nach. Subversive Künstler*innen haben mich schon immer inspiriert, alleine weil sie für andere Blickwinkel sorgen. Vielleicht habe ich das mit SEXORCISM geschafft. Es ist, was es ist und viele tolle Menschen haben dazu beigetragen. Sicherlich wurden sie von meiner Energie bezüglich des Projekts geleitet. Schließlich habe ich diesen intensiven, krassen Charakter entwickelt, der sich durch das Album zieht. Aber das wollte ich.

Da du schon wieder von ihnen sprichst: Die Gäste auf dem Album sind sehr unterschiedlich. Charli XCX, Erika Jayne, Iggy Azalea. Auch Drag Queens wie Violet Chachki und Aquaria sind zu hören, um nur ein paar zu nennen. Wie entstand diese unglaublich bunte Mischung?

Ich habe fast jede Person selbst kontaktiert oder kenne sie schon länger. Wenn ich aber mal drüber nachdenke, habe ich echt keinen Schimmer wie dieses Album eigentlich entstanden ist. Viele von den Features liefen mir auch quasi über den Weg, während ich die Platte produziert habe. Und das waren eben oft Frauen, mit denen ich mich auch identifizieren konnte. Mit ihrer Energie, der Lebenseinstellung. Sie sind alle stark und haben Integrität.

Wie wichtig ist es heutzutage, dass Frauen im Musikgeschäft zusammen halten?

Wichtiger denn je. Es wirkt gerade in diesem Geschäft so, als wären Frauen an der Macht, weil sie immer wieder an der Chartspitze sind. Aber wie sehr sie hinter den Kulissen immer noch gegeneinander aufgebracht werden ist erschreckend. Das schafft Trennung, Stress und Angst. Und falsche Entscheidungen. Dabei ist es so unnötig. Wenn Frauen zusammenkommen und Kunst schaffen, sind sie nicht aufzuhalten. Ich sehe aber zum Glück gerade, dass das immer öfter passiert. Alleine wenn man sich Charli XCX anschaut. Sie lebt von Kollaborationen und feiert gemeinsames Schaffen so sehr. Sie nutzt ihre Plattform, um anderen ein Standbein zu geben. Das ist wundervoll. Wir brauchen auch diese Räume, in denen wir uns gegenseitig unterstützen. 

Oft gibt es ja noch die Debatte über die Sexualisierung der Frau im Musikgeschäft. Immer wieder stellt man sich die Frage, wo die Grenze liegt zwischen sexueller Selbstbestimmung und reiner „Sex Sells“-Strategie. Da steckt natürlich auch Misogynie dahinter, vor allem in internalisierter Form. Durch deine Hyper-Sexualität lässt du keine Fragen offen und fällst vermutlich deswegen so ins Auge. Warum sind Menschen immer noch so schockiert von Sex?

Ich frage mich das manchmal auch, aber ich habe keine Antwort. Mich erschreckt Hyper-Sexualität nicht. Mich erschreckt generell recht wenig im Leben. Ich mag Verrücktheit, Trash und Freiheit. Für mich machen diese Dinge einfach Sinn. Einige Menschen schämen sich vielleicht für mich oder fürchten sich sogar vor mir. Weil sie mich nicht verstehen. Da haben wir vielleicht auch schon unsere Erklärung: Menschen haben Angst vor dem, was ihnen fremd ist. Ich bin ihnen fremd und dann wissen sie nicht, wie sie reagieren sollen.

Was hast du all denen zu sagen, die selbstbewusste, Sex-positive Menschen wie dich kritisieren und angreifen?

SEXORCISM ist mein Manifest an solche Leute. Es gibt heutzutage nichts was mächtiger ist als eine Ansage gegen die gesellschaftlichen Standards, die Frauen wie mir aufgedrückt werden. Sich selbst zu lieben, mit allen Stärken und Schwächen – da werden dir viele Steine in den Weg gelegt. Sex ist menschlich, Sex ist natürlich und kann so transzendent sein. Das habe ich zu sagen: fickt euch, wenn euch Anderssein Angst macht. Das ist euer Problem. Wir sollten viel weiter sein, als noch mit Sex provozieren zu können.

Opinion
Interview
Opinion
Interview
Interview
Interview