Cardi B: Lob der Künstlichkeit

Warum Schönheits-OPs auch empowern können

Haters gonna hate? Nicht, wenn sie sich mit Cardi B anlegen. Am Sonntag postete die Rapperin ein Video auf Instagram, in dem sie sich an die Frauen wendete, die sie wegen ihrer Schönheitsoperationen beleidigen. In dem mittlerweile gelöschten Clip bezeichnete Cardi B jene Frauen als „natural bitches“, die mit Kommentaren wie „Schwimm nicht im Ozean oder du tötest die Wale mit deinem verdammten Plastikhintern“ Bodyshaming gegen sie betreiben und sie „fake“ nennen.

„Fake“ wäre es, wenn Cardi B behaupten würde, dass sie sich niemals einer Schönheitsoperation unterzogen habe – so wie es jahrelang im Showbusiness gängig war.  Erst im Juni veröffentlichte das Modemagazin Harpers Bazaar einen Artikel über 35 Promis, die sich öffentlich zu ihren Eingriffen bekannten. Wie zu erwarten, war unter den 35 Geständigen kein einziger Mann. Dabei sind Botox und Co. längst auch fester Bestandteil der Beauty-Routine vieler Männer im Rampenlicht. Dass dennoch mal wieder nur Frauen öffentlich gegen dieses Stigma ankämpfen müssen, zeigt, welche sexistischen Denkmuster auch der Kritik an Cardi B zugrunde liegen. Und wie widersprüchlich unsere gesellschaftliche Vorstellung von „Natürlichkeit“ ist. 

Cardi B hat sich aus eigener Kraft hochgearbeitet, verdient einen Haufen Geld und kann damit machen was sie will. Wenn sie beschließt, sich nach der Geburt ihrer Tochter unters Messer zu legen, um den vielbeschworenen „Pre-Baby-Body“ zurückzubekommen, dann soll sie das machen dürfen. Als sie aufgrund des Heilungsprozesses dieser strapaziösen Eingriffe kürzlich einige Shows absagen musste, musste sie sich dafür auf Instagram verteidigen: „Mein Job als Entertainer ist ein 24-Stunden-Job, Bro. Also nein, ich habe keine Zeit zum Trainieren. Ich wollte bestimmte Dinge, von denen ich weiß, dass sie nicht gefixt werden können, egal wie viel ich trainiere.“ 

Gleich vorneweg: Wir wollen Schönheitsoperationen hier nicht verharmlosen. Chirurgische Eingriffe stellen immer ein Gesundheitsrisiko dar. Für manche Menschen, zum Beispiel für einige Transpersonen, können sie aber ein wichtiger Schritt sein, die eigene Identität besser auszudrücken. Cardi B hat nie ein Geheimnis um ihren OPs gemacht. Auch für sie sind sie auf gewisse Weise ein Ausdruck von Selbstermächtigung, wie sie im Video deutlich macht: „Ich mag es nicht über die Körper anderer bitches zu lästern, weil ich mich an meinen eigenen Kampf erinnere, baby. Ich erinnere mich daran, als ich keine verdammten Brüste hatte und einen winzigen Hintern.“ Als Stripperin war Cardi B vor ihrer Rap-Karriere darauf angewiesen, mit ihrem Körper Geld zu verdienen. In gewisser Weise ist ihr Körper als Popstar auf der Bühne auch heute noch ihr Kapital – natürlich neben ihrem Talent als Rapperin und Entertainerin. Wenn sie in diesen „Million-Dollar-Body“ investiert, ist das in Cardis Welt vor allem auch ein Zeichen dafür, dass sie es kann.

„Nein, Bro, ich habe keine Zeit zum Trainieren!“

Abgesehen davon: Wie hart der vermeintlich „natürliche“ Weg zurück „Pre-Baby-Body“ ist, hat uns Beyoncé letztes Jahr eindrücklich gezeigt. Diese dokumentierte ihren Kampf nach der Geburt ihrer Zwillinge zurück auf die Hauptbühne des Coachella Festivals in ihrem Netflix-Film „Homecoming“. Hartes, tägliches Training und eiserne Diätpläne, die Queen B eine Zeitlang offenbar nur Gemüse auf dem Speiseplan erlaubten, führten laut „Homecoming“ dazu, dass Beyoncé tatsächlich nur ein Jahr nach der Geburt wieder in ihre alten Bühnenoutfits passte. 

Dass dies nur unter Schmerzen und übermenschlicher Anstrengung möglich war, verschwieg der Film nicht. Trotzdem bekommt Beyoncé Applaus, während Cardi B geshamed wird. Man spielt sie gegeneinander aus: Beyoncé, der selbstoptimierte, neoliberale Popstar, der allein durch harte Arbeit und Durchhaltevermögen zum Erfolg kommt. Versus: Cardi B, die den vermeintlich einfachen Weg wählt und sich den Traumkörper mit ihrem (immerhin!) hart verdienten Geld eben erkauft. Zwei Frauen, die auf ihre Art mit den Mechanismen des Kapitalismus und vor allem dem absurden Erwartungsdruck ihrer Branche umgehen. Verdienen nicht beide den gleichen Respekt? 

„Natürlichkeit“ – eine glatte Lüge

Der „Pre-Baby-Body“ ist an sich schon ein Konstrukt, anhand dessen sich die widersprüchlichen Anforderungen an Frauen (nicht nur) im Showbusiness sehr gut ablesen lassen: Sei kein herzloses Karrieremonster, komm deiner natürlichen Bestimmung nach, Kinder zu gebären – und lass am besten die ganze Welt mit weichgezeichneten Aktfotos an deiner Traumschwangerschaft teilhaben. Trotzdem darf deine Karriere jetzt nicht vorbei sein, stillen kannst du auch im Backstage. Und auf der Bühne dann bitte genauso sexy, wie wir dich von früher kennen. Sei eine MILF – aber keine Rabenmutter!

Ähnlich verhält es sich mit der Forderung nach „Natürlichkeit“, dem vermeintlich einzig wahren Maßstab weiblicher Schönheit. „Es ist eine Zumutung, als Frau immer schön, jung und elastisch sein zu sollen. Noch perfider ist allerdings die Forderung, diesen Zustand auf ganz natürlich Weise und ohne den Einsatz wirksamer Hilfsmittel herzustellen“, schrieb Autorin Diana Weiß dazu in einem Gastbeitrag auf Zeit Online. Hier sprach sie sich gegen das Stigma von Botox aus. Gleichzeitig entlarvte sie den Ausdruck „natürliche Schönheit“ als unrealistisches Konstrukt.

Seit Jahrhunderten werden Frauenkörper in Korsetts geschnürt, geschminkt, gepudert, kaschiert und epiliert. Als „Beauty-Work“ bezeichnete das schon Naomi Wolf in „The Beauty Myth“. Unbezahlte Arbeit, die Frauen seit jeher betreiben, um den engen gesellschaftlichen Schönheitsnormen zu entsprechen. Dann plötzlich von Frauen jenseits der 40 zu erwarten, es sei jetzt an der Zeit „in Würde zu altern“, sei daher nicht nur unrealistisch, sondern auch herablassend, befindet Diana Weiß. Jeder, der die Medienberichterstattung um Madonnas diesjährige ESC-Show und ihr neues Album ein bisschen verfolgt hat, weiß, wovon sie redet. Man kann es als Frau einfach nicht richtig machen. Weiß’ Fazit daher: „Das, was uns als Natürlichkeit verkauft wird, ist eine Fabrikation, eine dreiste Lüge.“

„Das Bild ist schrecklich, das bist doch nicht du“

Wie verdreht dieser Natürlichkeits-Imperativ ist, zeigte sich mustergültig anhand des Coverfotos der deutschen Vogue, das der kürzlich verstorbene Fotograf Peter Lindbergh 2018 von Schlagerstar Helene Fischer schoss. Barfuß, in einem schlichten schwarzen Kleid und nahezu ungeschminkt porträtierte er die Sängerin radikal pur und verletzlich. „Oh Gott, ist das ehrlich. Wahninn!“, soll Helene Fischer selbst gestaunt haben, als sie die Bilder zum ersten Mal sah. Generell war sie aber sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

Nicht so ihre Fans. „Fans enttäuscht über Helenes Vogue Shooting“ schrieb die Bild prompt und sammelte die entsetzten Kommentare zu den „ungewöhnlichen Fotos“. „Oh nein, Vogue Germany. Was habt ihr mit unserer hübschen Helene gemacht???!!!“ hieß es da. Und: „Ich bin ein Riesen-Fan, aber das Bild ist schrecklich, das bist doch nicht du.“ Fast wie ein ironischer Kommentar dazu liest sich Bildunterschrift unter dem Foto, das am Ende des Bild-Artikels steht. Es zeigt die aufgestylte Helene Fischer auf der Bühne, wie sie in Hotpants, Jeans-Overknees und bauchfreiem Glitzertop die Arme nach oben reißt. Bildunterschrift: „So kennen und lieben ihre Fans Schlagerstar Helene Fischer. Schön geschminkt, mit sexy Bühnenoutfit.“ 

Cardi B hingegen versucht gar nicht erst Natürlichkeit zu suggerieren. Stattdessen erobert sie sich die Künstlichkeit zurück, indem sie sie zelebriert und übertreibt. Zentimeterlange Plastikfingernägel, Perücken, angeklebte Wimpern und aufgespritzte Lippen, dazu dicke Pobacken und Brüste, aufgepolstert mit überdimensionalen Implantaten. Cardi B nimmt sich damit physisch den Raum, der Frauen oft nicht zugestanden wird. Über das Gefühl, als Frau „zu viel“ zu sein, zu laut, zu hungrig oder zu dramatisch, hat auch Autorin und Regisseurin Lena Dunham oft geschrieben. „Wenn eine Frau in der Welt zu viel Raum einnimmt, wird man Gründe finden, sie kleinzuhalten“, schrieb Aktivistin und Autorin Laurie Penny ihrerseits zum Thema. 

Cardi B lässt sich nicht klein halten. Indem sie Schönheitsoperationen und Künstlichkeit normalisiert, hält sie der Gesellschaft deren widersprüchlichen Standards vor. In ihrem Video macht sie gleichzeitig deutlich, dass Schönheit etwas Individuelles, Diverses ist: „Meine Schwester hat natürliche Brüste und einen süßen kleinen Hintern. Sie zieht nicht über die nächste bitch her, weil sie weiß, wenn sie so aussehen wollte, dann könnte sie es machen.“ Bodypositivity heißt nicht, dass man alles an sich lieben muss. Und, ob operiert oder nicht, das Wichtigste ist doch, dass Frauen sich bei all dem Druck von außen nicht auch noch gegenseitig mit Dreck bewerfen sollten. Oder um es mit Cardis Worten zu sagen: „Am I bugging? Women talk about uplifting each other, but are we really uplifting each other?“

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