Von Waffengewalt und Patriarchat: Chelsea Wolfe wird politisch

Die Goth-Ikone schlägt auf BIRTH OF VIOLENCE neue Töne an

Chelsea Wolfe war schon immer ein Enigma, ein gestaltwandlerisches Wesen aus einer scheinbar fremden Welt, das ebenso wenig greifbar wie nahbar wirkt. Das Gleiche galt auch immer für ihre Songs, die meist kryptische Momentaufnahmen oder Gefühlsbeschreibungen sind. Handelten sie tatsächlich mal von ihren persönlichen Lebenserfahrungen, dann verpflanzte die Musikerin diese Geschichten in andere Zeiten und Räume – das Autobiografische war ihr doch zu oft zu nah an ihr dran.

Die Probleme dieser Gesellschaft, dieses irdischen Lebens, schienen derweil viel zu trivial für Chelsea Wolfe. Ihre Kunst ist etwas Spirituelles – Politik passt da nicht rein. Natürlich können ihre Klagelieder als Kommentar auf das Leben in dieser niederschmetternden Welt gelesen werden, explizit formuliert wurde dieser Gedanke von ihr jedoch kaum. Bis jetzt zumindest: Mit BIRTH OF VIOLENCE, ihrem sechsten Studioalbum, positioniert sich Wolfe so klar wie nie zuvor.

Musikalisch ist das eher ein Blick zurück als ein Schritt nach vorne, denn nach dem elektronisch-pulsierenden ABYSS und dem metallisch-röhrenden HISS SPUN besinnt sich die Kalifornierin auf ihre Wurzeln als Singer/Songwriterin. Damit beweist sie, dass Weiterentwicklung auch eine Rückbesinnung sein kann, denn zuletzt hat man diese „nackte“ Seite von Chelsea Wolfe 2012 auf ROOMS OF THE HOUSE gesehen und gehört.

Das große Überthema des Gothic-Americana-Albums ist das Zur-Ruhe-kommen von einem turbulenten, oft selbstzerstörerischen Leben auf Tour. In der Abgeschiedenheit ihres Heims im ländlichen Nordkalifornien aufgenommen, nur sie und ihre Akustikgitarre, eingebettet in die Soundscapes ihres Partners Ben Chisholm, ist BIRTH OF VIOLENCE die tongewordene Entschleunigung.

Aber eben noch viel mehr als das: Das Album ist ein Annähern der Künstlerin an sich selbst, an die Kraft der Weiblichkeit und Verletzlichkeit, und an die Gesellschaft, in der sie lebt – eine Gesellschaft zu Zeiten von Donald Trump, an der man einfach nicht mehr vorbeischauen kann. Stattdessen starrt die Musikerin mitten rein in die „American Darkness“, wie es in einem der Songs heißt .

Das Persönliche wird politisch

Versuchte man bis jetzt, Wolfes Schaffen in einen politischen Kontext zu setzen, führte das meist eher zu, gelinde gesagt, Irritation. So coverte sie gleichermaßen die Anarcho-Punk-Band Rudimentary Peni wie Burzum, das Black-Metal-Projekt des rechtsextremen Neuheiden Varg Vikernes. Den folgenden Aufschrei der Öffentlichkeit konnte sie nicht nachvollziehen. Für sie hat die Kunst – frei nach Roland Barthes’ „Der Tod des Autors“ – einfach einen höheren Stellenwert als diejenigen, die sie erschaffen.

Dass die 34-Jährige jetzt Parolen schreit, ist natürlich nicht der Fall. Doch ihre Aussagen sind dennoch klar genug. In „Be All Things“ verbindet Wolfe das Persönliche mit dem Politischen, singt darüber, als Frau in dieser Welt zu leben und gleichzeitig ständig alles sein zu wollen, alles sein zu müssen: „warriors, newborns, and queens“. Wolfes Verbindung zu ihrer femininen Stärke, zu Mutter Erde ist nicht rein esoterisch, sie ist ein Befreiungsschlag und eine Kampferklärung gegen das Patriarchat. „Women know what it is to endure“, heißt es bereits im Opener „The Mother Road“.

In „Erde“ beklagt Wolfe die Zerstörung ebendieser Mutter Erde durch das gewaltsame, skrupellose patriarchalische System. „I dreamt of buildings long left-behind, young children running blind“, schildert sie ihr Endzeitszenario. Doch wie für sie typisch, prangert sie nicht offen an, sie trauert: „Erde, rip my heart out“.

Ungewöhnlich gesellschaftskritisch geht es auch in „When Anger Turns To Honey“ zu, Chelsea Wolfes Abrechnung mit intoleranten, selbsternannten Richtern über Richtig und Falsch. „They’ll hunt you, then they’ll haunt you. Their anger has them under a spell, their hatred is like a poison that makes them feel again“, säuselt sie da süß. Ob sie damit lästige Internettrolle oder etwa religiöse Fanatiker meint, bleibt offen. In Zeiten des Social-Media-Wahns und eines Wiedererstarkens der Rechten erscheint jedoch beides so legitim wie vertraut.

„You can’t fight guns with guns, we’ll all perish that way“

„Little Grave“ ist derweil Chelsea Wolfes Antwort auf die in den USA augenscheinlich vermehrt vorkommenden School Shootings und die damit verbundene Debatte um Waffensicherheit. „You can’t fight guns with guns, we’ll all perish that way“, singt sie – die wohl deutlichsten Worte, die man je in einem Song aus ihrem Mund gehört hat.

BIRTH OF VIOLENCE zeigt Chelsea Wolfe einmal mehr in verschiedenen, oft augenscheinlich gegensätzlichen Rollen – als ätherische Goth-Chanteuse, als Kämpferin, als Bekämpfte. Aber am wichtigsten, gerade in diesen Zeiten, ist die neu entdeckte Facette ihrer selbst: als Mensch mit einem politischen Bewusstsein, der seine Stimme und Plattform nutzt.

Während eine alte, ursprüngliche Weisheit aus ihren Songs spricht, wirkt die Musikerin ebenso wie ein Alien, das diese Welt und ihre Wunden zum ersten Mal sieht und mit einer Mischung aus Faszination und Unverständnis erkundet. Und damit wirkt Chelsea Wolfe erstmals richtig menschlich, richtig nachempfindbar. Denn mal ehrlich: Wem geht es derzeit eigentlich nicht so?

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