Glowie: „Worte greifen deine Seele an.“

Die isländische Sängerin über Mobbing, ADHS und Selbstliebe

Auf den ersten Blick wirkt Glowie wie das nächste hippe Pop-Girl aus der urbanen Ecke. Lassziver Blick in die Kamera, Retro-Chic „on point“, alles wirkt durchdacht. Auch ihr Sound bestärkt diese Annahme, sind ihre Songs doch allesamt tanzbare Nummern, die kontemporäre Popmusik mit warmen, elektronischen Elementen und R’n’B vermischen. Eingängig, cool und zugänglich.

Hört man jedoch genauer hin wird klar, dass hinter der polierten Fassade eine junge Frau steckt, die mit ihrer Musik Dinge verändern möchte. Die 22-jährige Sara Pétursdóttir, wie Glowie mit bürgerlichen Namen heißt, verschwendet keine Zeit, um sich stereotypen im Popgeschäft zu beugen. Statt über erste Liebeserfahrungen, Herzschmerz oder den richtigen Traumtypen zu singen, thematisiert die isländische Sängerin lieber Situationen, denen sie zu Schulzeiten selbst ausgesetzt war. So ungemütlich diese auch sein mochten. Mobbing, Unsicherheiten, sexueller Missbrauch – die Künstlerin kennt die Schattenseiten des Lebens und schreckt nicht davor zurück, sie in ihrer Musik zu verarbeiten. Dabei möchte sie in ihren Songs verdeutlichen, wie wichtig es ist, sich selbst zu lieben und zu sich zu stehen.

So ruft Glowie in ihrem Song „Body“ dazu auf, den eigenen Körper als Tempel zu betrachten und ihn unabhängig von Größe oder Form so zu feiern, wie er uns geschenkt wurde. Auf „Cruel“ hingegen richtet sie sich direkt an all die feigen Leute, die Andere grundlos dafür niedermachen, wie sie eben sind. Meistens nur, um sich selbst besser zu fühlen. Ein weiterer Höhepunkt im Repertoire der Sängerin: ihre neueste Single „Unlovable“. Auf dem von Tropical-House inspiriertem Dance-Track reicht sie den Menschen ihre Hand, die sich wertlos und allein gelassen fühlen.

Glowie steht für eine neue Generation aufstrebender Künstler*innen. Mutig, selbstsicher und kompromisslos nehmen diese sich zur Aufgabe, ihr Publikum zu bestärken. In unserem Interview spricht die Sängerin über die dunklen Kapitel in ihrem Leben, wie sie daraus Kraft geschöpft hat – und warum es trotzdem völlig in Ordnung ist, auch mal einfach einen schlechten Tag zu haben.

Deine Musik behandelt Themen wie Feminismus oder Body Positivity. Wie definierst du diese Begriffe für dich?

Bei Feminismus habe ich manchmal das Gefühl, dass sich die Leute in der Bedeutung verlieren. Feminismus heißt für mich Gleichberechtigung, manche sehen darin aber eine Bewegung, die Männer runter machen möchte. Darum geht es nicht und das versuche ich auch so gut es geht als Feministin zu verbreiten. Wir sollten alle nebeneinander stehen, nicht vor oder hinter jemandem.

Zu Body Positivity habe ich tatsächlich durch meinen Song „Body“ gefunden. Die ursprüngliche Version des Songs war ziemlich sexualisiert. Das habe ich dann umgeändert und versucht, eine Art Liebessong für meinen eigenen Körper zu schreiben. Als Teenager wurde ich in der Schule aufgezogen, weil ich so dünn war. Das hat mich sehr verunsichert. Frauen neigen ohnehin schon dazu, sich immer miteinander zu vergleichen, das hilft nicht wirklich weiter. Wir sind alle unterschiedlich, haben unterschiedliche Körper – das sollte gefeiert werden. Den eigenen Körper so zu akzeptieren und zu lieben, wie er ist, darin steckt für mich die Bedeutung von Body Positivity. Man sollte viel öfter morgens aufstehen und denken: „Wow, ich mag mich so, wie ich bin.“

Erinnerst du dich an den Moment, in dem du beschlossen hast, diese Themen in deine Musik miteinfließen zu lassen?

Ich glaube, einen bestimmten Moment gab es nicht, sondern eher mehrere kleine Momente. Es waren vor allem Situationen, in denen ich meine Unsicherheiten besiegen konnte und angefangen habe, mich in meiner Haut wohlzufühlen. Das sind sehr wichtige und intensive Augenblicke – ich wollte das gerne mit so vielen Menschen wie möglich teilen. Sie sollen das auch erleben. Durch die Musik habe ich einen Weg dafür gefunden. Darin verarbeite ich dann auch, wie ich dieses Selbstbewusstsein erlangt habe. Das möchte ich weitergeben.

Sowohl Feminismus als auch Body Positivity sind politisch aufgeladene Bewegungen. Sollte Popmusik heutzutage politisch sein?

Ich glaube, das kommt immer auf die Person an, die die Musik schafft. Kunst sollte nicht den Anspruch haben, anderen Leuten zu gefallen, sondern vor allem einen selbst zufrieden stellen. Sie sollte aus den eigenen Erfahrungen und Ansichten heraus entstehen.  Man steckt so viel Herz in die Kunst, sie sollte daher persönlich sein. Unabhängig davon, ob es Malerei, Tanz oder Musik ist. Manche Musiker*innen wollen immer nur über die guten Seiten des Lebens erzählen, das ist deren Kunst und das ist auch völlig in Ordnung. Genauso ist es okay, die Probleme auf der Welt zu thematisieren, wenn sie dich persönlich beschäftigen und du deine Meinung dazu mitteilen möchtest. Popmusik bietet dafür eine gute Plattform, da die Melodien oft eingängig und die Wörter einprägsam sind. Ich bin überzeugt davon, dass man damit Dinge verändern kann. Up-Beats mit rohen Geschichten – das funktioniert für mich. Deswegen habe ich mich für diesen Weg entschieden.

Du hast keine Angst, öffentlich über deine privaten Kämpfe zu sprechen. Du lebst mit ADHS und bist Überlebende eines sexuellen Übergriffs. Woher nimmst du die Stärke, so offen und selbstbewusst darüber zu kommunizieren?

Nicht viele Interviewer sprechen mich darauf an, um ehrlich zu sein. Ich bin meistens diejenige, die diese Dinge aufbringt. Vermutlich trauen sie sich einfach nicht zu fragen oder fühlen sich verunsichert. Die Diagnose ADHS hat viele Dinge für mich vereinfacht. Ich war oft so unkonzentriert und abgelenkt bei Meetings bezüglich meiner Karriere, das war sehr frustrierend. Ich konnte mir mein Verhalten ja nicht wirklich erklären. Mittlerweile bekomme ich es immer mehr in den Griff. Öffentlich über die Nacht zu sprechen, in der ich als Teenager missbraucht wurde, ist auch keinesfalls einfach. Jeder bildet sich dazu eine Meinung. Ich habe angefangen darüber zu sprechen, als zu Beginn meiner Karriere eine einstündige Dokumentation über mich gedreht wurde. Ich hatte zu dieser Zeit gerade eine Therapie beendet und beschlossen, mich nicht zu verstecken, sondern ehrlich zu sein. Ich hatte ein sehr dunkles Kapitel hinter mir und habe gelernt, damit umzugehen und Kraft aus dem Heilungsprozess zu ziehen. Es machte mich stärker und positiver. Seitdem möchte ich andere junge Mädchen inspirieren. Viele erzählten mir über Instagram ihre Geschichten und, dass sie sich sich dank meiner Geschichte getraut hätten, sich Hilfe zu suchen. Das bedeutet mir sehr viel und gibt mir noch mehr Mut, weiterhin ehrlich zu sein. Viele Leute wollen über Themen wie sexuellen Missbrauch gar nicht sprechen, sondern es klein halten. Dadurch werden aber Menschen wie ich oft zum Schweigen gebracht und das darf nicht passieren. Wir müssen offen darüber reden.

„Instagram ist nicht die Realität. Das muss uns bewusst sein.“

Du zeigst damit eine sehr positive Seite von Social Media auf: ehrliche Kommunikation. Siehst du dennoch auch Gefahren, die Instagram oder Facebook mit sich bringen?

Soziale Medien lassen sich auf sehr unterschiedliche Weise nutzen, das sollte uns alles klar sein. Vor allem bei jüngeren Leuten besteht schon fast die Gefahr, regelrecht süchtig danach zu werden. Das Problem dabei ist, dass dort nicht nur die Wahrheit gezeigt wird. Die meisten Leute auf Instagram posten nur Sachen von schönen Momenten, die ihr Leben perfekt erscheinen lassen. Das ist nicht die Realität. Wenn man den ganzen Tag von solchen Inhalten umgeben ist, fragt man sich vermutlich irgendwann, warum das eigene Leben nicht auch so toll ist. Dann kommen die Selbstzweifel. Aber Instagram ist nur eine digitale Plattform. Das muss einem bewusst sein.

Hinzu kommt, dass Portale wie Instagram eine Plattform für kontrolllosen Austausch wurden. Negative Kommentare oder Beleidigungen sind Alltag geworden. Du hast gerade über Mobbing gesprochen: Siehst du einen Unterschied zwischen dieser Art von Mobbing und Cyber-Mobbing?

Über soziale Medien sind die Leute, die einen runter machen, viel mutiger. Schließlich verstecken sie sich hinter einem Bildschirm oder Smartphone. Persönlich würden sie es dir nie ins Gesicht sagen. Online wurde ich bisher noch nicht wirklich angegriffen, zu Schulzeiten war das Verständnis von Mobbing für mich auch eher physisch. Man wurde geschubst oder geschlagen. Online sind es aber Worte, die verletzen. Sie greifen deine Seele an und bewirken einen viel tieferen Schmerz. Das ist wohl der größte Unterschied: Cyber-Mobbing ist einfacher und hässlicher.

Welchen Rat würdest du Menschen geben, die von Mobbing betroffen sind?

Wir werden durch Beleidigungen sehr schnell abgelenkt und nehmen sie uns zu Herzen. Die Worte verletzen, schließlich sind sie grauenhaft. Was uns bewusst werden muss, ist jedoch, dass das Problem nicht an der Person liegt, die beleidigt wird, sondern an der, die beleidigt. An irgendeinem Punkt in ihrem Leben haben solche Menschen gelernt, gemein zu sein. Durch das Internet, falsche Erziehung – es kann an allem liegen. Da liegt das Problem. Wenn du grundlos von irgendjemandem runter gemacht wirst, mach dir bewusst, dass an dir Nichts falsch ist. Sondern an der anderen Person. Dieser Mensch lebt mit Unsicherheiten und lässt seinen Frust an dir aus, damit die Aufmerksamkeit nicht auf ihn gerichtet wird. Diese Leute sind oft einfach nur innerlich gebrochen. Das wahre Opfer bist nicht du.

Wenn du mal einen richtig schlechten Tag hast und nicht mal mehr Musik hilft – was ist die beste Medizin?

Das kommt auf den Grund an, warum der Tag schlecht ist. Manchmal gibt es bestimmte Ursachen, die einem den Tag vermiesen, manchmal wachst du morgens auf und der Tag fühlt sich einfach nicht gut an. Ich versuche mich dann immer daran zu erinnern, dass solche Tage okay sind und es morgen wieder besser sein wird. Positive Gedanken. Wenn ich Lust habe, darüber zu sprechen, rufe ich meinen Freund oder meine Eltern an. Vielleicht bringen sie mir ja Schokolade mit. Oder ich bleibe daheim, koche mir eine Suppe und schaue „Friends“.

Interview
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