Hannah Diamond: Hinter den Spiegeln

Perfektion bis in den letzten Pixel

Pop und Oberfläche führen seit jeher eine innige Liebesbeziehung – Hannah Diamond treibt diese untrennbare Verbindung sowohl in ihrer Musik, als auch in den Bildern, die sie von sich selbst kreiert, auf die Spitze. Auf Hochglanz poliert und zur hyperrealen Soundästhetik hochgepitcht strebt die englische Künstlerin nach Perfektion bis in den letzten Pixel. Wie alle Künstlerinnen und Künstler aus dem Umfeld des Londoner Avant-Labels PC Music geschieht dies nicht ganz ohne doppelten Boden: Hinter der glossy Oberfläche verbirgt sich knallharte Kapitalismuskritik, die meist erst auf den zweiten Blick, manchmal aber auch gar nicht, erkennbar ist.

Dass REFLECTIONS wirklich Hannah Diamonds Debütalbum sein soll, kann man bei der unverkennbaren Soundprache kaum glauben, zu perfekt wirkt die Inszenierung, zu ausgefeilt das Konzept. Im Interview verrät die Künstlerin, was Perfektion für sie bedeutet, warum sie von der Zeit um die Jahrtausendwende so fasziniert ist und versucht eine Erklärung dafür zu finden, warum die erste Single, die sie jemals selbst gekauft hat, von einem jodelnden Hamster stammte.

Erinnerst du dich daran, welche Musik in deinem Elternhaus lief als du klein warst?

Meine Familie ist nicht super musikalisch. Aber meine Mutter mochte immer schon Popmusik, wir sind dann immer zusammen durch das Haus getanzt. Es ging einfach darum, Spaß zu haben. Die erste Platte, die ich mir jemals gekauft habe war „The Hamsterdance“. Keine Ahnung, warum ich das gekauft habe! Es war so eine Trancenummer und auf dem Cover war ein Hamster, der dann über den Song gejodelt hat. Es lohnt sich nicht wirklich das nachzuhören. Da war ich so sieben oder acht und ich hab das von meinem Taschengeld gekauft – ich schätze, vor allem wegen des Hamsters auf dem Cover. Ansonsten hab ich mir viel Musik von meinem Großvater ausgeliehen, weil er eine große Kassettensammlung hatte. Die hab ich mir immer abgeholt und auf meinem Walkman gehört. Alben von Celine Dion und Whitney Houston. Auch Donna Summer fand ich als Kind toll.

Was denken deine Eltern über die Musik, die du heute machst?

Meine Mutter findet es super. Ich glaube, alle sind auf eine Art überrascht von der Musik, aber gleichzeitig sind sie sehr stolz auf mich. Mein Vater hat letztens mein neues Musikvideo auf dem Fernseher angeschaut. Mein Großvater schaut immer nach, wie viele Plays meine Songs haben und sagt dann: „Wusstest du, dass du schon so und so viele Plays hast?” Das ist wirklich süß.

Neben deiner Arbeit als Musikerin bist du auch Fotografin. Was kam zuerst: die Fotografie oder die Musik?

Ich war zuerst Fotografin. Ich war schon immer eine sehr kreative Person. Als ich klein war, habe ich viel gemalt, ich war besessen davon, die Beste zu sein. Deshalb hab ich viel geübt. Ich wollte hyperrealistisch malen können. Das war lange eine große Leidenschaft für mich. Irgendwann konnte ich das, ich wurde sehr gut darin. Deshalb hab ich mich dann auch für ein künstlerisches Fach an der Universität entschieden. Es gab einfach keine andere Option, ich war immer sehr unglücklich, wenn ich nichts kreiert habe. Mode hat mich außerdem sehr interessiert, Illustrationen, die ich fotorealistisch aus Modemagazinen abmalte. Als ich angefangen habe zu studieren, wollte ich Modezeichnerin werden. Aber ich war schnell gelangweilt davon, immer nur bestehende Fotos zu reproduzieren. Also fing ich an Fotos von mir selbst zu machen, um sie abzumalen. Ich hab etwa meine Hand fotografiert und die dann abgemalt. Fotografie kam also ganz natürlich in meine künstlerische Praxis. Irgendwann hat sie sie dominiert und wurde mein Hauptding. 

Hast du Vorbilder, die dich inspiriert haben?

Als ich anfing zu fotografieren war ich sehr inspiriert von den Kampagnen, die Nick Knight in den früher 2000ern für Dior gemacht hat. David LaChapelle hat mich fasziniert. Die meisten Künstler*innen, die mich inspirieren stammen aus derselben Ära, als ich so zehn oder elf war. Das ist ein sehr prägendes Alter. Die Bilder der frühen 2000er haben nachhaltig beeinflusst.

Es scheint, als hätte dein eigener Modegeschmack und dein Umgang mit Fashion auch seine Wurzeln in dieser Zeit. 

Ja, auf jeden Fall.

Du hast gerade dein Debütalbum REFLECTIONS veröffentlicht. Kannst du den Prozess dahinter etwas beschreiben, wie ist es entstanden und wovon handelt es?

Das Album umfasst ein paar Jahre. Es hat nicht so lange gedauert, es zu schreiben, wie es gedauert hat, es herauszubringen. Generell geht es um Selbstfindung. Es handelt von Beziehungen, Trennungen und solche Dinge. Vielmehr geht es aber darum, inwiefern diese Erlebnisse die Beziehung zu dir selbst verändern. Und die Meinung, die du von dir selbst hast. Es ist eine Reise. Sich verlieben und die erste Erfahrung davon, was du dachtest, wie sich wahre Liebe anfühlen müsste. Aber es war doch nicht so, wie du es dir vorgestellt hat. Es handelt vom Zusammenbruch danach und wie man sich wieder aufgebaut hat. Die eigene Kraft und Unabhängigkeit wiederzufinden. 

Wie entstehen deine Songs?

Ich habe da keine feste Vorgehensweise. Manchmal schreibe ich die Lyrics und finde eine Melodie dazu, arbeite am Backingtrack. Manchmal schickt mir auch Alex (A. G. Cook, der Labelchef von PC Music, Anm. der Redaktion) Demos von Sachen, an denen er gerade arbeitet und schreibt: „Oh, ich hab grade an ein paar Sachen gearbeitet und das ist dabei rausgekommen. Ich glaub, ich hab aus Versehen einen Hannah-Diamond-Track gemacht, gefällt er dir?“ Dann schreibe ich Lyrics dazu, wir gehen ins Studio und arbeiten zusammen daran. Es ist ziemlich willkürlich. 

Was meint er, wenn er sagt, das klingt nach einem “Hannah-Diamond-Track”?

A. G. und ich sind schon lange befreundet und kennen uns sehr gut. Dadurch haben wir diesen unausgesprochenen Dialog, bei dem wir gegenseitig genau verstehen, was der andere meint. Es ist schwer zu erklären. Es ist etwas, das nach all der Musik klingt, die ich liebe und höre. Das kann etwas trancy sein, ein bisschen Pop, UK Garage. Da ist immer etwas, das sich dabei dann nach Hannah Diamond anfühlt. Etwas Magisches. Sounds, die von tiefen Emotionen inspiriert sind. Es sind ganz viele Faktoren. Ich kann das nicht auf einen Punkt benennen. 

Wer ist Hannah Diamond, wie würdest du sie beschreiben?

Auf eine Art ist sie mein Alter Ego. Aber auf so viele Arten ist sie eher eine Erweiterung meiner Person. Es gab am Anfang viele Diskussionen darum, wer ich bin, was ich wirklich mache, wie viel davon echt oder fake ist. Das lag hauptsächlich an den Bildern, die ich zu meinen Releases produziere. Glossy bearbeitete Bilder werden meistens nicht mit dem*der klischeemäßig „authentischen Künstler*in“ assoziiert. Weil diese Bilder aber so sehr zu meiner Kunst und meinem Schaffen dazugehören, sind sie eher zu einer Art Erweiterung meiner eigenen Persönlichkeit geworden. Hannah Diamond ist eine Facette von mir, die wie durch eine Lupe vergrößert wird. Das alles existiert in mir drin. Es ist nur übertrieben. Ich glaube das ist oft bei Popstar-Images so, dass sie keine wirklichen Alter Egos sind, sondern einfach persönliche Eigenschaften unter dem Vergrößerungsglas.

Warum hast du dein Album REFLECTIONS genannt?

Der Titeltrack „Reflections“ ist sehr wichtig für mich. Ich ging durch eine besondere Phase in meinem Leben, als ich die Songs schrieb. Ich hänge emotional sehr an den Songs, weil da sehr viel von mir selbst drinsteckt. In dieser Zeit habe ich viel über mich selbst gelernt, durch die Beziehungen, in denen ich war. Ich hab festgestellt: Jede Beziehung, die du eingehst, kann zu einem Spiegel werden. Die Art und Weise wie wir Beziehungen mit anderen eingehen, ist ein Spiegel der Beziehung, die wir mit uns selbst haben und wie wir uns selbst gerade fühlen. Ich habe viele Muster erkannt und Reflexionen in allen möglichen Bereichen meines Lebens gesehen – und sie waren alle mit meinem Selbstwertgefühl verbunden. Ich hab mir selbst nicht viel Wert beigemessen. Gleichzeitig hab ich dadurch sehr viel über mich gelernt. Der Titeltrack ist eine Art Ratschlag an mich selbst. Ich fühlte mich sehr schlecht, hatte kaum Selbstbewusstsein und hab mit vielen Dingen gekämpft. Dann hab ich mir vorgestellt, wie ich reagieren würde, wenn ich einen meiner Freunde in meiner Situationen sehen würde. So konnte ich Mitgefühl mit mir selbst entwickeln. An diesem Tag hab ich die Lyrics zu „Reflections“ geschrieben. Der Song soll mich daran erinnern, dass ich gut genug bin, dass ich wertvoll bin und dass ich etwas Wichtiges zu tun habe.

Damit du lernen konntest, wieder gut zu dir zu sein?

Ja total! Selflove und all das. Es ist total einfach in solche selbstkritischen Verhaltensmuster zu fallen, sich selbst die Schuld dafür geben, wenn Beziehung zerbrechen. Das hab ich lange gemacht. 

In deiner visuellen Arbeit scheinst du stetig daran zu arbeiten, die perfekte Illusion zu kreieren. Was bedeutet für dich Perfektion?

Ich glaube, Perfektion existiert nicht. Deshalb macht es so viel Spaß, zu versuchen sie zu kreieren. Du wirst es nie schaffen. Es ist eine unlösbare Aufgabe. Einerseits bin ich total fasziniert von der Idee der Perfektion. Andererseits sehe ich das auch sehr kritisch. Es ist eine Hassliebe, die mich immer wieder dazu bringt es zu probieren.

Du spielst viel mit Werbeästhetiken. Kann man deine Arbeit auch als konsumkritischen Kommentar lesen?

Ich fahre zweigleisig mit meiner visuellen Arbeit. Es gibt die kommerzielle Seite, bei der ich tatsächlich für die Werbebranche arbeite. In meiner persönlichen Bildwelt und mit meinem Musikprojekt kommt die kritischere Seite hervor. Das kann ich ja offensichtlich in meiner kommerziellen Arbeit nicht tun. Im Video zu „Invisible“ sieht man viel Werbung. Ich hab diese Bilder selbst gemacht und setze mich darin auch mit der Propaganda der Beauty-Industrie auseinander. Mit der Sprache, die dich dazu bringen will, Dinge zu kaufen, die dir suggeriert, dass du nicht gut genug bist. Es geht viel darum, sich ungenügend zu fühlen und unsichtbar für jemanden zu sein, von dem du dir wünschst, dass er dich bemerkt. Ich laufe allein durch eine Gegend wie Piccadilly Circus in London und ich bin auf allen Plakaten. Trotzdem wird mir gesagt, dass ich nicht gut genug bin. Dort setze ich mich auf kritische Art mit der Wirkung von Werbung auseinander. Oder auch in der Parfümwerbung von „Fade Away“. Das Cover war wie eine Parfümwerbung gestaltet und der Slogan war „One spray and you fade away“. Die Vorstellung von Schönheit ist auf einem mikroskopischen Level angekommen, an einem Punkt, wo man nicht mal mehr Hautporen hat, sondern perfekt sein muss bis in den letzten Pixel.

Diese Entwicklungen werden ja von der Werbung auch auf Social Media fortgesetzt, wo du mit deinen Bildern auch sehr präsent bist. Wie beobachtest du die Entwicklungen in diesem Bereich?

Ich verbringe ehrlich gesagt gar nicht so viel Zeit auf Instagram. Ich poste da was, schreibe mit Leuten und logge mich wieder aus. Ich versuche, nicht zu viel dort zu sein. 

Hast du das Gefühl, du musst dich davor auch selbst beschützen? 

Ich versuche jeden Tag etwas Neues zu kreieren. Auf Instagram sieht man aber auch alles, was alle andere machen. Das ist ein großer Einfluss. Ich versuche das nicht aufzusaugen, weil ich ja nicht das machen will, was alle anderen machen. Ich möchte davon nicht beeinflusst werden und versuche bei meinen Einflüssen nicht nur auf meine Freund*innen oder meine Peergroup zu schauen. Es ist wichtig, neue Dinge zu kreieren. Außerdem ist Instagram echt ein schlechter Ort für das eigene Selbstbewusstsein. Man vergleicht die Erfolge anderer Leute mit dem eigenen Versagen. Man vergleicht ja nie Erfolg mit Erfolgen.

Mit welchem Künstler oder welcher Künstlerin würdest du gerne mal zusammenarbeiten? 

Mit Bladee wollte ich schon lange zusammenarbeiten, das ist ein schwedischer Künstler. Ich liebe seine Sachen, es wäre cool mit ihm zusammenzuarbeiten. Ich würde sehr gerne noch mal mit SOPHIE zusammenarbeiten. Sie ist eine meiner besten Freundinnen, das wäre super. 

Wenn du eine Zeitreise machen könntest, wohin würdest du reisen?

Das ist schwierig. Ich glaube es wäre lustig, in dem Alter in dem ich jetzt bin, in die Zeit um das Jahr 2000 zu reisen. Ich habe das damals zwar als Kind erlebt, aber die Perspektive als Erwachsene ist natürlich eine ganz andere. Der Anfang des Internets, zu dieser Zeit in Clubs zu gehen oder auch den Job zu machen, den ich heute mache.

Was fasziniert dich an dieser Zeit?

Mich fasziniert die Energie in der Welt um die Jahrtausendwende. Es war, als hätte die Zukunft die Gegenwart getroffen. Die Leute haben sehr futuristisch gedacht. Ich erinnere mich an das Weihnachtsfest vor der Jahrtausendwende. Die ganze Weihnachtsdeko war plötzlich total futuristisch, richtig komisch, alles war plötzlich pink und blau und total glitzernd. 2000er-Weihnachtskugeln. Aber auch die Mode und Musikvideos, alles wurde plötzlich futuristisch. Zum Beispiel das J-Lo-Video zu „If You Had My Love“. Darin ist dieser Typ in einem Internet-Chatroom und man sieht auf einmal das Innenleben des Computers, mit den ganzen Computercodes und J-Lo ist in diesem ganz sterilen Raum. Ich liebe dieses Video. Es war einfach eine sehr bizarre Energie um die Jahrtausendwende, die ganze Welt hat sich so gefühlt, als hätte sie endlich die Zukunft erreicht. Ich weiß nicht, ob das nochmal passieren wird in nächster Zukunft. 

Hannah Diamon spielt am 12. Oktober in der Berliner Berghain Kantine. Tickets findet ihr hier.

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