HipHop & Gaming: vom Außenseiter zum Anführer

Zwei Kulturen, eine Geschichte


Es sind zwei Subkulturen, zwei Fragmente der Unterhaltungsbranche, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten: Rapmusik und Videospiele. Das eine sind die prolligen Rapper, das andere die pickligen Nerds – zwei verschiedene Welten. Befasst man sich jedoch tiefgreifender mit beiden Medien, wird klar: Sie teilen eine ähnliche Geschichte, stoßen bei älteren Generationen auf Unverständnis und sind seit jeher miteinander verwoben. Ach, und natürlich werden sie nicht nur von pickligen oder prolligen Menschen konsumiert. 

Um die Gemeinsamkeiten beider Kulturen aufzuzeigen, muss man bis in die frühen 70er-Jahre zurückblicken, denn beide Phänomene wurden fast zeitgleich aus der Taufe gehoben: 1972 schickt Atari mit „Pong“ den Urvater der Videospiele ins Rennen. Es handelt sich zwar nicht per Definition ums erste Game überhaupt, gilt aber als Anbeginn der Gamingkultur und macht Videospiele für jeden zugänglich. Nur ein Jahr später soll DJ Kool Herc in New York eine DJ-Technik entwickeln, die die Geburtsstunde der HipHop-Kultur markiert: Das sogenannte Beatjuggling, also das Auflegen mit zwei Turntables, ermöglicht es, die Melodie eines Stückes – meistens werden Funk-, Jazz- und Soulplatten verwendet – mit den Drums eines anderen Songs zu kombinieren und so eigene Beats zu erschaffen. Diese so entstandenen Breakbeats stellen eine rohe Urform des Samplings dar und bilden das Zentrum der sogenannten Block Partys, bei denen, meist in ärmeren Stadtvierteln und Vororten, der Strom einer Straßenlaterne oder eines Verteilerkastens angezapft wird, um auf offener Straße zu feiern und zu tanzen. Die reinen Tanzveranstaltungen der B-Boys, also Breakdancer, werden bald um die heute als Rapper bekannten MCs, also Masters of Ceremony, erweitert, die das Ganze weiterhin aufpeppen. Anfangs noch schmückendes Beiwerk, werden MCs bald zur Hauptattraktion und Rap als Kunstform immer anerkannter – allerdings geschieht all das in einer kleinen Blase.

Während die sozial abgehängten Teile der New Yorker Bevölkerung also ihre eigenen Partys an den Start bringen, statt vor überteuerten Clubs schon an der Tür abgewiesen zu werden, entdeckt eine andere Randgruppe die Welt der Spielhallen für sich. Anfangs noch simpel, beinahe primitiv, werden die Games schnell komplexer. In den 80er-Jahren beginnt dann der Vormarsch der Konsolen für den Heimgebrauch. Firmen wie Commodore, Atari, Sega und Nintendo erschließen einen noch ungewissen Markt, während die Sugarhill Gang mit ihrem Achtungserfolg „Rapper’s Delight” sogar die US-Billboard-Charts erklimmt. Beide Kulturen stecken noch in den Kinderschuhen, haben mittlerweile aber eine klare Form angenommen.

Die sieht allerdings nicht besonders rosig aus: Rap ist in den 80ern eine absolute Nischenkultur, Musik für sozial Abgehängte, für eine Parallelgesellschaft. In den frühen 90ern bringen Künstler wie NWA und später Ikonen wie 2Pac, Biggie und viele andere die mittlerweile florierende HipHop-Kultur auf eine größere Bildfläche, im sozialen Mainstream gilt HipHop jedoch als absolutes Schmuddelkind. Ebenso stiefmütterlich werden Gamer in der breiten Masse betrachtet. Außenseiter und Einzelgänger flüchten sich in virtuelle Welten, die immer ausgereifter programmiert sind und mittlerweile den Sprung in die dritte Dimension geschafft haben. Das heute beinahe schon positiv besetzte Wort „Nerd” ist damals allerdings kein liebevoll-anerkennender Terminus für jemanden mit Fachkenntnis und dem Vermögen, sich umfassend mit bestimmten Themen zu befassen, sondern ein abwertendes Schimpfwort für Gamer, Comicfans, Pen-and-Paper-Spieler und all das, was heute durch Serien wie „Stranger Things” höchstens noch als sympathisch-kauzig gilt.

Natürlich war nicht jeder Rapfan sozial abgehängt und nicht jeder Zocker ein Außenseiter – aber vom heutigen Mainstream hätten beide Medien kaum weiter entfernt sein können. Dass Rapmusik heute den größten Marktanteil der Musikindustrie ausmacht, war ebenso undenkbar wie die Tatsache, dass die Videospielindustrie mittlerweile zur umsatzstärksten Branche des Unterhaltungsgeschäftes avanciert ist. Rap läuft ungehemmt im Radio, es wird über E-Sports bei der Olympiade debattiert – beide Leidenschaften könnte man heutzutage ohne Probleme in seinem Bewerbungsschreiben offenlegen.

Dabei teilen die HipHop- und die Gamingkultur nicht nur zufällig Parallelen in der Geschichte: Schon früh sind sie miteinander verwoben, haben große Überschneidungen in den vorurteilsbehafteten Communitys. 1999 bringt der Wu-Tang-Clan sogar ein eigenes Playstation-Spiel auf den Markt: „Wu-Tang: Shaolin Style” ist ein vollwertiger Blockbuster-Titel und verfrachtet die MCs des schon immer Kung-Fu-affinen Klans in einen edlen Brawler. 50 Cent lässt sich sogar gleich zweimal in Pixel gießen: 2005 erscheint „50 Cent: Bulletproof”, in dem 50 und seine G-Unit-Kumpanen sich durch die New Yorker Unterwelt ballern. Im Gegensatz zum Wu-Tang-Prügler kann die plumpe Schießbude sich aber nicht mit der Genrekonkurrenz messen und wird trotz saftigem Exklusiv-Soundtrack mit einem Metascore von 47 abgestraft. Dennoch können die Spielemacher 1,2 Millionen Einheiten absetzen – der Lizenzblender ist ein voller Erfolg. Also schickt der Rapper 2009 den Nachfolger „50 Cent: Blood on the Sand” ins Rennen, kann trotz deutlich besserer Rezeption aber keine 100.000 Exemplare mehr an den Mann bringen.

Doch Rapper brauchen nicht zwingend eigene Spiele, um in Polygonen über den Bildschirm zu flimmern: Die „Def Jam”-Reihe lässt den hauseigenen Labelkader in einem unterhaltsamen, wenn auch anspruchslosen 3D-Prügler aufeinander los. In „Tony Hawk’s American Wasteland” kann man als Crunk-Ikone Lil Jon aufs Board steigen, der bis Dato letzte Teil lässt einen als Tyler, the Creator ran. In „GTA San Andreas” haben einige Charaktere verblüffende Ähnlichkeiten mit realen Persönlichkeiten: Das von MC Eiht synchronisierte Eazy-E-Look-a-Like „Ryder” etwa, oder der The-Game-Klon „B Dup”, der von seinem Vorbild selbst gesprochen wird. Dass die spielinternen Radiosender von Gucci Mane bis Snoop Dogg HipHop jeder Couleur bedienen, ist mittlerweile ohnehin obligatorisches Merkmal der Kultserie. 

Die Liste ließe sich noch ewig fortsetzen: Rapper in „NBA”-Spielen, exklusive Eminem-Songs als Theme für „Call Of Duty”-Ableger, der komplette „Watch Dogs”-Soundtrack von Hudson Mohawke – doch auch deutsche Rapper mischen mit. Kool Savas und Melbeatz liefern 2004 den exklusiven Song „Grind On” für „Tony Hawk’s Pro Skater 2”, im Folgejahr kommentiert Harris die Matches in „Fifa Street 2”. Tony D hält lange als Testimonial für den Second-Hand-Gamestore „Regame” hin, Kollegah verdingt sich in „Battlefield: Hardline” als Voiceactor für – richtig – den „Boss”, Farid Bang und KC Rebell drehen ein exklusives Musikvideo für die Promo zu „Ghost Recon: Wildlands”, und Bushido, der sich schon in „Eine Kugel reicht” als Tekken-Pro outet, streamt mittlerweile unverhohlen seine „WoW”-Raids.

Als Außenseiter haben sie einander gefunden, als Platzhirsche bleiben sie in ihrer Synergie verwoben. Rapmusik klingt mittlerweile beinahe absurd facettenreich und dominiert die Musikindustrie in der breiten Masse, Games sehen beinahe fotorealistisch aus, futuristische VR-Technologien sind auf dem Vormarsch – was 2019 Status Quo ist, hätte man sich vor einigen Jahren nicht träumen lassen. Statt für seine Leidenschaft verlacht oder gemieden zu werden, ist man als Gamer und Rapfan nicht mehr nur Teil einer nischigen Bewegung, sondern der größten Popkulturen der Welt.

Übrigens trat nicht nur Gaming-Rapper Dame beim splash! 21 auf, es gibt sogar beim Melt!-Festival mittlerweile Futter für Gamer: Dieses Jahr wurde in Ferropolis die erste „cmd+N”-Konferenz veranstaltet. Mehr Infos gibt’s in diesem Video: