Iggy Azalea: Im Verteidigungsmodus

In den Pop gedrängt und wieder rausgespuckt

Es ist schon eine seltsame Stellung, die die australische Rapperin Iggy Azalea im Musikgeschäft genießt. 2013 noch weltweit gefeiert für Hits wie „Fancy“ oder „Black Widow“, im selben Jahr auch noch eine Grammy-Nominierung in der Kategorie „Best HipHop Album“ für ihr Debüt THE NEW CLASSIC. Dann schon der große Crash: Ein riesen Backlash gegen besagte Nominierung, da ihre Musik doch mehr Pop als HipHop sei, außerdem ist sie weiß und obendrein gebürtige Australierin.

Gewonnen hat Iggy nicht, seitdem wurden geplante Tourneen abgesagt, die Hits blieben aus, das Internet erklärte ihre Karriere als gescheitert. Klingt ganz nach dem üblichen rapiden Fall eines Popsternchens. Die Ironie dabei? Iggy Azalea war nie ein gebügelter Popstar, sondern eine Rapperin, die aus ihrem Genre katapultiert wurde. Mit ihrem zweiten Album, IN MY DEFENSE, will sie die aufgezogene Popweste nun endgültig ablegen.

Größte Bekanntheit hat Iggy mit stark poppig-geprägten Stücken erlangt. Die oben genannten Hits fielen mehr durch schrille Videos und weniger durch starke, durchdachte Punchlines auf – sei es ein Kurztrip zurück zur High School mit „Clueless“-Vibe, oder eine nach Tarantino stilisierte „Kill Bill“-Kulisse. Features mit Charli XCX, Rita Ora oder Ariana Grande waren allesamt erfolgreich, doch bewegten auch sie sich streng in der Radiopop-Welt. Chartplatzierungen und kommerzieller Erfolg waren gesichert, eine Position im HipHop umso aussichtsloser. Dabei sind Iggys musikalischen Anfänge weitaus mehr dem HipHop zu zuordnen.

Es wirkte schon, als wollte man eine aufstrebende Genre-Künstlerin mit allen Mitteln in den Pop-Olymp stürzen. Nicht besonders verwunderlich – bei Nicki Minaj ging die Taktik auf. Tracks wie „Super Bass“ oder „Pound The Alarm“ schrien eher nach EDM-Moshpit als Bandenkampf, katapultierten sie jedoch letztendlich in den Mainstream. Heutzutage, nachdem sich Nickis Name in der Industrie gefestigt hat, bewegt sich die Rapperin mit Stücken wie „Chun-Li“ und „Barbie Tingz“ schon weitaus näher am angestrebten Genre.

Mit Hip-Pop also den Übergang zu HipHop meistern – eine Hürde, die Kollegin Cardi B nicht mehr überwinden musste. Vielleicht weil ihre Vorgängerinnen den direkten Weg dafür geebnet haben?

Und da ist sie schon wieder: diese Nische mit Frauen und HipHop, in der die Künstlerinnen irgendwie doch mit Pop assoziiert werden, weil eben alles bunter, übertriebener und kostümierter ist, als bei manch männlichem Kollegen. Eine Schublade, die man gar nicht mehr öffnen möchte, aber es aufgrund solcher Auffälligkeiten doch immer mal wieder muss. Schließlich ist das der Grund, weswegen sich Künstlerinnen im Rap ihre Credibility zunehmend erkämpfen müssen.

Doch zurück zu Iggy.

Nach einigen musikalischen Neuansätzen und einem abermals verschobenen Album standen die Sterne schlecht um ihre musikalische Zukunft. Mit DIGITAL DISTORTION hatte das zweite Album 2017 bereits einen Namen, mehrere Singles wurden dafür sogar im Vorfeld veröffentlicht. Allesamt solide, aber teils auch verwirrende Nummern. So wie das von Far East Movement maßlos überproduzierte „Mo Bounce“. Ein derart schriller, lauter Club-Banger, der mindestens genauso laut nach Identitätskrise klang. Der Nachfolger „Switch“ orientierte sich dann mit seinem Tropical-Sound an einem ganz anderen Genre und wirkte wie eine weitere, kurzfristige Neuerfindung.

Dank der üppigen Videos gelang es Iggy zwar immer wieder auf sich aufmerksam zu machen, für eine Chartplatzierung reichte es nie. Abgesehen von einem eventuellen Mangel an Hit-Potenzial, war der Misserfolg auch einer mangelnden Promotion verschuldet. Immer wieder habe es Auseinandersetzungen zwischen Iggy und ihrem Label Island Records gegeben. Via Twitter verkündete sie irgendwann selbst, dass jegliche große Bewerbung für die Platte seitens des Herausgebers unterbunden worden sei. Letztendlich wurde das gesamte Projekt eingestellt und die Platte gecancelt.

2018 meldet sich Iggy überraschenderweise zurück mit einer vielversprechenden, wenn auch kleinen Rückkehr in Form von SURVIVE THE SUMMER. Sechs Tracks kurz, alle mit einer durchschnittlichen Länge von unter drei Minuten, doch musikalisch so selbstsicher wie lange nicht mehr. Als Single-Auskopplung hat es lediglich „Kream“ an die Oberfläche geschafft – ein mit Tyga aufgenommener Track, inklusive Wu-Tang-Clan-Sample. Ihre Vorliebe für durchstilisierte, erotisch aufgeladene Videos hat die Rapperin nicht verloren und kann auch mit dem dazugehörigen Visual wieder binnen Stunden die Millionen-Klickzahl knacken. Die Twerk-Künste der Stripperinnen und Iggy selbst haben da sicher auch geholfen. Der virale Erfolg war Beweis dafür, dass immer noch Interesse an der Australierin bestand.

Der Sound auf SURVIVE THE SUMMER bleibt durchgehend düster, fast alle Tracks sind ein direkter Mittelfinger an ihre Hater, aber auch ihr Label. Die Punchlines werden härter, Beschimpfungen und Flüche sind in nahezu jeder Zeile vorhanden – Iggy Azalea klingt endlich nach HipHop. Sogar eine Verbesserung der Rap-Technik ist rauszuhören. Als dann noch die „Bad Girls Tour“ angekündigt wurde, die die EP auf die Bühne bringen sollte, schien Iggy endlich wieder Fuß gefasst zu haben im Business.

Den Halt hat sie jedoch schnell wieder verloren: Nur einige Wochen später wurde die Tour komplett abgesagt. Offiziell lag es an Fehlplanungen, inoffiziell an der Auswahl der Spielstätten, die viel zu groß waren und nicht gefüllt werden konnten. Ein weiteres gefundenes Fressen für Hater. Auch Stress mit dem Label soll es wieder gegeben haben, was Iggy schließlich zu der drastischen Maßnahme zwang, sich davon zu lösen und fortan als unabhängige Künstlerin weiterzuarbeiten.

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Von weltweiten Hits über misslungene Projekte bis hin zum Vertragsverlust – für die Künstlerin ging es stetig bergab. Ein zweites Album haben selbst Fans schon als utopisch erachtet, bis die Rapperin im November vergangenen Jahres mit einer großen Neuigkeit rausrückte: Sie unterzeichnete einen Vertrag über nahezu drei Millionen US-Dollar mit dem Vertriebsunternehmen und Label Empire. Spezialisiert auf reine HipHop-Veröffentlichungen, hat Iggy anscheinend endlich einen beruflichen Partner gefunden, der ihre künstlerischen Interessen widerspiegelt. Zum gängigen Klientel von Empire gehören unter anderem Snoop Dogg, Remy Ma und der bereits oben erwähnte Tyga. Ganz schlau: Die Firma bleibt lediglich der Distributor ihrer künftigen Musik, veröffentlicht wird diese über Iggys eigenes Label, Bad Dream Records. So behält sie komplette Autonomie darüber, wie und wann ihre Musik veröffentlicht wird.

Angekommen in 2019 wagt Iggy einen Neubeginn als unabhängige Künstlerin und verweist zum ersten Mal seit Jahren auf ein gefestigtes Konzept: ohne leere Versprechungen. Im März debütiert mit „Sally Walker“ die erste Single unter der neuen Business-Partnerschaft und gelangt in einigen Ländern in die Top 20 der iTunes-Charts. Der von J. White Did It produzierte Track orientiert sich am zeitgenössischen HipHop, mit starken Trap-Einflüssen, umrandet von einer strengen Klavier-Hook. Als Gaststars im Video sind unter anderem die Drag-Queens Miss Vanjie und Mayhem Miller zu sehen, bekannt aus RuPaul’s Drag Race. Auch mit dem Look der zweiten Vorab-Single „Started“ beweist Iggy ihr anhaltendes Talent für kreative Konzepte. Darin heiratet sie einen Sugar Daddy und wird stinkreich, macht in den Lyrics jedoch klar, dass sie ihre bisherigen Erfolge sich selbst zuzuschreiben hat.

Im Juni schließlich die Ankündigung für das zweite Album, das nach all den Hürden nun mit IN MY DEFENSE das Licht der Welt erblickt. Es wird die Charts nicht so beherrschen wie sein Vorgänger, doch das soll es auch nicht. Iggy Azalea ist nicht mehr das rappende Pop-Produkt von „Fancy“. Viele werden sie dafür immer als Versagerin ansehen, doch sie selbst ist dabei die größte Gewinnerin. Sie besitzt völlige Kontrolle über ihr künstlerisches Schaffen und kann sich immer weiter entfalten.

Ob man ihren Rap nun feiert oder nicht, eine Sache muss man Iggy Azalea definitiv anrechnen: ein unerbittliches Durchhaltevermögen. Eine Ausdauer, die ihre Kreativität anheizt, als Person künstlerisch wachsen lässt und gegen jeglichen Hass schützt. Selbstverteidigung in höchster Form.