ILIRA: „Sei dein eigener 'Prince Charming'!“

Die schweizer Sängerin über Selbstreflexion und den harten Pop-Business

ILIRA macht Musik, die man im wahrsten Sinne des Wortes als Pop bezeichnen kann. Ihre Songs sind eingängige, laute Hymnen und erzählen universelle Geschichten, in denen sich viele von uns wiederfinden. Mit einer Durchschnittslänge von drei Minuten befolgen ihre Songs außerdem die Regel des schnellen Vergnügens. Klingt alles zu glatt poliert, um noch authentisch zu sein, oder?

Doch wer glaubt, die gebürtige Schweizerin wäre eine vom Popgeschäft inszenierte Plastikpuppe, der täuscht sich. ILIRA weiß, was sie singen, wie sie klingen, aussehen und sich präsentieren möchte. Ihr Image hat sie fest im Griff, ohne darin zu erstarren. Trotz makellosem Aussehen auf der Bühne und in ihren Videos, beweist sie über ihre sozialen Netzwerke immer wieder eine gesunde Portion Selbstironie. Dort macht sie sich nebenbei auch für die queere Community stark und proklamiert feministische Denkweisen.

Wir haben das Vier-Oktaven-Stimmwunder in ihrer Wahlheimat Berlin getroffen und uns in einem ausgiebigen Gespräch über den harten Entstehungsprozess eines Popstücks unterhalten und darüber, warum man sich gerade bei so genanntem „Bubblegum-Pop“ mehr mit dessen Hintergründen auseinandersetzen sollte.

Um mal mit den harten Fakten anzufangen: HipHop ist seit einiger Zeit auf der Überholspur, auch in Deutschland. Wo früher noch Pop an erster Stelle in den internationalen Charts war, findet sich heute Rap. Er ist schon fast zum Garant für Erfolg geworden. Wo steht deiner Ansicht nach Popmusik gerade?

Für mich steht sie immer noch an erster Stelle. Es ist aber definitiv ein spannendes Thema. Wie du bereits sagst, finden sich in den Charts momentan auf den ersten zehn Plätzen meistens HipHoper, sowohl in Deutschland, als auch in den USA. Urban Music ist gerade omnipräsent. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass deutschsprachige Musik hierzulande noch gut funktioniert. Mark Foster ist dafür ein gutes Beispiel. Englischsprachiger Pop aus Deutschland ist dagegen eine ganz andere Baustelle. Es ist ein echt harter Brocken, sich damit international zu etablieren. Leute wie Kim Petras, Lena, vielleicht sogar ich – wir arbeiten sehr hart, um außerhalb der Heimat Aufmerksamkeit zu bekommen.

Dennoch hast du dich dafür entschieden, englischsprachigen Pop zu machen.

Ich liebe einfach Musik aus den späten 90ern und den frühen 2000ern. Britney Spears, JoJo. Damit bin ich aufgewachsen. Diese Art von Popmusik fühle ich am intensivsten. Natürlich könnte ich mit dem Strom mitschwimmen – meine Anfänge habe ich sogar im urbanen Bereich. Trap-Beats, düstere Melodien, ich kenne das alles. Einen deutschen Song habe ich auch schon mal aufgenommen. Das alles war aber letztendlich nicht die beste Version von mir. Ich möchte den Leuten nunmal gerne die Qualität von Popmusik nochmal näher bringen. Meine Nische darin habe ich mittlerweile gefunden und da fühle ich mich zuhause. Vielleicht wäre es einfacher, in den englischsprachigen Raum auszuwandern und es dort zu versuchen. Ich möchte jedoch das Eis brechen und zeigen, dass man auch von hier aus international durchstarten kann.

Es gab also Stimmen um dich herum, die wollten, dass du den vermeintlich einfacheren Weg gehst und dich der Masse anpasst?

Als ich mit der Musik gestartet habe, da gab es ein paar Leute, die mich „beraten“ wollten, ja. Aus dieser Frustration ist dann tatsächlich der Song „GET OFF MY D!CK“ entstanden. Ein musikalischer Mittelfinger an alle, die mir was vorschreiben wollen. Ich kenne meinen Weg seit Jahren, da braucht sich niemand einzumischen. Mittlerweile merken diese Leute auch, dass sich da was bewegt. Was ich vorhabe, funktioniert langsam aber sicher. Seitdem halten sie sich auch immer mehr zurück.

Du hast eben davon gesprochen, deine eigene Nische im Popuniversum gefunden zu haben. In einem Interview habe ich mal gehört, dass du deine Musik gerne als „Glittery Urban-Pop“ bezeichnest. Wie kommt es zu dem Begriff?

„Glittery“ ist für mich sehr offensichtlich. Ich bin sehr farbig unterwegs, es glitzert auch immer was. Alles ist sehr „bubblegum“ und „poppig“. Pop ist es ja sowieso. Ich liebe, lebe und konsumiere Pop, seit ich denken kann. Popmusik ist unfassbar anspruchsvoll. Sie hat viele Regeln. Im Pop Bereich folgt man gerne mal bestimmten Vocal-Guides und das verstehe ich. Manchmal möchte man eben nicht unendlich viele Melodien haben und sofort den richtigen Mood finden. Ich hingegen mag es, anspruchsvollen Pop zu hören und das versuche ich auch in meinen Liedern widerzuspiegeln. Krasse Melodien, krasse Auf- und Abgänge, die ideale Akkordabfolge. Darin besteht meine Leidenschaft und deswegen sehe ich mich da auch eher in der urbanen Szene. Ich liebe Urban, aber immer vermischt mit Pop. Ariana Grande ist da ein tolles Beispiel für gut gelungene Popmusik, finde ich.

“Pop ist mit mehr Arbeit verbunden als viele andere Genres. Da bin ich mir sicher.”

Es herrscht eben immer dieses Vorurteil, dass ein Popsong quasi einer Fließbandproduktion gleicht und schnell auf den Tisch gehauen wird. Du hälst nun stark dagegen. Ich würde dich gerne darum bitten, mir mal deinen Prozess zu erklären, wenn du einen Popsong kreierst.

Bei Popmusik hinterfrage ich erstmal das Thema, von dem der Song handeln soll. Was ist die Botschaft, was möchte man darin ausdrücken? Dann denke ich über den Titel nach, gemeinsam mit meinem Songwriter. „GET OFF MY D!ICK“, „DO IT YOURSELF“ – es kommt auf meine generelle Stimmung an oder an welchem Ort ich mich emotional gerade befinde. Dann baut man um diese Idee herum. Man findet Akkorde, die aufeinander abgestimmt ein gutes Konstrukt ergeben. Meistens sind sie nicht durchgängig, wie beispielsweise im HipHop. Im Pop hat man den Verse, Pre-Chorus, Chorus, ab und an eine Bridge – da muss alles passen. Dann kommen die Hook und die Lyrics. Es sind viele einzelne Prozesse innerhalb eines Prozesses. Es ist in jedem Fall sehr kompliziert.

Das klingt nach sehr viel Struktur für ein Produkt, das sich am Ende locker und leicht anhören soll. Würdest du denn sagen, dass es einen zeitlichen Richtwert oder eine Dauer für diesen Prozess gibt, an denen man sich orientieren kann?

Es ist sehr unterschiedlich. „DO IT YOURSELF“ hat fast ein Jahr gedauert. An dem Song habe ich bisher am längsten gearbeitet. Wir wollten damit eine Pop-Perfektion kreieren. Ich weiß noch, dass mein Songwriter und ich nach München gefahren sind, um uns dort mit den Produzenten zu treffen. Der Song wurde fertiggestellt, was auch schon lange gedauert hat, und danach immer und immer wieder angehört. Zu dem Zeitpunkt stand auch noch kein Release fest und wir waren sehr kritisch mit dem Lied. Ursprünglich war das Thema einfach nur Sex, dementsprechend waren auch die Lyrics durchsexualisiert. Irgendwann kam dann der Punkt an dem ich mir gesagt habe, dass das nicht die Botschaft des Songs sein sollte.

Ihr habt nochmal komplett bei null angefangen?

Nicht ganz. Aber ändere erstmal den Text, wenn das gesamte Lied schon steht! (lacht) Die einzelnen Worte müssen ja doch noch irgendwo ähnlich klingeln. Es war wirklich der längste Song, an dem ich mit meinem Songwriter saß und ein richtiges Abenteuer.

Klingt nach einem steinigen Weg. Wie sieht es bei Stücken aus, die nicht dermaßen Nerven aufreibend sind?

Im besten Fall, wenn alle Bedingungen stimmen und du den Song wirklich fühlst, an dem du arbeitest, wird er schon mal innerhalb eines Tages geschrieben. Eine feste Regel gibt es aber meiner Ansicht nach nicht.

Du hast mehrere Male von „deinem Songwriter“ gesprochen. Gleichzeitig hört man heraus, dass du in dem Schreibprozess deiner Songs ebenfalls involviert bist. Vielen Pop-Acts, vor allem Frauen, wirft man gerne mal vor, sich von sogenannten „Ghostwritern“ ihre Texte schreiben zu lassen. Der Credit geht dann am Ende dennoch an die Interpretin.

Ich sollte ihn vielleicht besser meinen Co-Writer nennen. Wir schreiben alles zusammen. Vor ihm kann ich mich öffnen. Er ist mein bester Freund, mein Seelenverwandter, mein Psychiater. Alles in einem. Seit neuestem ist er auch mein Manager. Er ist komplett in mein Leben und mein Projekt involviert, deswegen funktioniert diese ganze Sache auch so gut. Er kennt mich als Person und Künstlerin.

Um nochmal auf „DO IT YOURSELF“ zurückzukommen: Aus einem übersexualisiertem Song hast du einen Appell für Unabhängigkeit und Selbstliebe geschaffen. Themen, die sich in deinen Liedern immer wieder herauskristallisieren. Empowerment wird bei dir, wie die Songtitel, groß geschrieben. Deine Fanbase besteht dabei größtenteils aus jungen Mädchen und sicherlich genauso vielen homosexuellen Jungs. Glaubst du, sie haben es satt, einem „Prince Charming“ hinterher zu jagen, der sowieso nicht existiert?

Auf jeden Fall. Ich komme selbst aus einer langen Beziehung und fühle die Bedeutung von „DO IT YOURSELF“ immer noch stark. Heute vermutlich mehr als damals. Menschen projizieren ihr Glück gerne auf eine andere Person. Ich habe das eine Zeit lang auch gemacht. Dabei kann man sich gerade heutzutage so gut selbstverwirklichen. Ich möchte einfach Mut machen, nach den eigenen Träumen zu greifen. Sei es ein Projekt oder ein Job. Sucht euer Glück, aber bitte niemals bei jemand anderem. Bleibt euch selbst treu. Sobald man sich von einer Person abhängig macht, kann es nur schief gehen. Egal, um welche Bindung es sich handelt. Das muss man mit der Zeit lernen, indem man sich selbst reflektiert. Liebe ist unberechenbar, ebenso wie Beziehungen. Warte nicht auf Rettung, sei dein eigener „Prince Charming“.

Deine Fans hören die Botschaften in deiner Musik und nehmen sie sich sicher zu Herzen. Popmusik bekommt dadurch die Macht, etwas in dir zu verändern. Sie kann eine Stütze sein. Trotzdem gibt es immer wieder Leute, die Popmusik, wie du sie machst, als seichte und plumpe Unterhaltung sehen. Gibt es etwas, was du Pop-Verleugnern gerne mitteilen würdest?

Ich denke, dass diese Leute die Entstehung der Musik nicht kennen. Sie haben keine Ahnung davon, was eine Session ist, welche Vorbereitungen dafür zu treffen sind. Alles, was ich eben schon geschildert habe. Man urteilt vermutlich aus Mangel an Wissen. Popmusik ist mit mehr Arbeit verbunden, als viele andere Genres. Da bin ich mir sicher.
Wir Popkünstler und -künstlerinnen haben hohe Ansprüche an unsere Musik und nehmen unsere Arbeit sehr ernst. Das Ergebnis mag am Ende vielleicht eher einfach klingen, aber da steckt enorm viel Fleiß dahinter. Du kannst etliche Akkorde um die vielseitigsten Melodien bauen und damit etwas sehr Komplexes schaffen, klar. Dann jedoch genug auszufiltern, um es für die Masse zugänglich zu machen, das ist die Herausforderung. Die Konsumenten sollen sich daher ruhig mal mehr damit beschäftigen, wie Songs entstehen, bevor sie über sie herziehen. Bei der Auswahl der Kleidung oder Ernährung wird das mittlerweile immer öfter gemacht. Warum also nicht bei der Musik, die man hört? Es ist doch schön, sich mit den Hintergründen der Dinge zu beschäftigen, die man mag.

Da du gerade Ernährung erwähnt hast, eine Frage noch zum Schluss: Lagst du auf dem Cover deiner letzten Single „EXTRA FRIES“ wirklich in einem Berg von Pommes?

Echte Fritten, absolut.

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