Joesef: Glasgows neues DIY-Wunder

Vom Schlafzimmer zum ausverkauften Gig – ganz ohne Musik

Wie begegnet man einem Künstler, der bisher nur drei Singles veröffentlicht hat, aber mit diesen bereits unsere Herzen erobern konnte? Jemand völlig Unbekanntem, dessen Musik unmittelbar abholt und von der man mehr möchte? Dem 24-jährigen Joesef ist das mit seiner bluesigen Mischung aus Motown-Soul, HipHop-Beats und jazziger Gitarre zweifellos gelungen.

Zugegeben: Besonders viel ist bis dato über das junge Talent nicht bekannt. Der geheimnisvolle Nebel einer frischen Neuentdeckung umhüllt Joesef noch. Der Mangel an Informationen erlaubt es daher, den Fokus auf die Musik zu legen, nicht auf die Person hinter ihr. Das ist auch gut so, denn sobald man die ersten Berichte über Joesef liest, wird schnell klar, dass man es wohl mit einem der vielversprechendsten Newcomer des Jahres zu tun hat.

In seiner Heimat Glasgow konnte der Schotte seinen allerersten Gig restlos ausverkaufen, noch bevor er überhaupt einen einzigen Song veröffentlicht hat. Noch dazu war es eine der bekanntesten Kult-Bars der Stadt, das King Tut’s Wah Wah Hut, in der schon Größen wie Radiohead, Oasis oder Beck auf der Bühne standen.

Als wir ihn am Telefon darauf ansprechen, gibt sich Joesef bescheiden. „Ja, wir haben die Venue tatsächlich schon einen Monat im Voraus ausverkaufen können“, erzählt er und muss sogar nervös auflachen. „Aber ich habe auch etwas Werbung dafür gemacht über meine Socials. Da konnte man zumindest etwas in meine Musik reinhören. Es fühlt sich immer noch surreal an.“

So realitätsfern es sich für den Sänger anfühlen mag, umso realer sind die Töne in seiner Musik. Die Strukturen sind eingängig, doch nicht vorhersehbar. Ebenso klingt der soulig-nüchterne Gesang, der auch mal Spontanität zuzulassen scheint. Eine Leichtigkeit zieht sich über den gesamten Verlauf der Lieder, die von nostalgischen Filtern umzogen sind. Textlich bedient sich Joesef dabei, wie so oft in den von ihm vermischten Genres, an der Liebe. In ihrer reinsten und ehrlichsten Form – wenn sie uns geistesgleich heimsucht. „Ich bin gerade aus einer Beziehung rausgekommen, aber konnte den Kerl nicht wirklich loslassen“, erklärt der Sänger, als wir nach dem Ursprung seiner Musik fragen. „Wir hatten über Chats immer noch Kontakt. In solchen Situationen durchdringen einen so viele Gefühle. Ich musste sie irgendwie verarbeiten und habe in den Liedern eine Möglichkeit dafür gesehen.“

Entdeckt wurde Joesefs künstlerisches Talent im engen Kreis während eines Karaoke-Auftritts. „Ich habe vorher immer mal wieder musiziert, ohne konkrete Vorstellungen oder Ziele. Ein Freund, übrigens mein heutiger Manager, hat mich singen gehört und dazu ermutigt, eigene Stücke zu schreiben“, erinnert er sich, konnte aber nicht umgehend von der Idee überzeugt werden. „Ich habe mich dann jedoch gegen die Musik, und für eine Beziehung entschieden. Als das schließlich in die Hose ging, überkam mich das Bedürfnis, mich auszudrücken.“

Sich auszudrücken und somit wiederzufinden, gehören zu den integralen Bestandteilen, wenn Musik als Medium zur Selbstheilung dient. Die Thematik ist nicht neu, vermag nicht mal mehr besonders originell zu sein, doch langweilig wird sie nie. Joesef erklärt sich dieses Phänomen ganz nüchtern: „Liebeskummer und gebrochene Herzen isolieren dich. Sie grenzen dich von deinem Umfeld ab und lassen dich in Einsamkeit verfallen. Die Wahrheit ist jedoch, dass wir alle dieses Gefühl kennen. Das wird einem vor allem oft durch Songs bewusst, mit denen man sich umgehend identifizieren kann. Als wäre das Lied persönlich auf dich zugeschnitten. Die Einsamkeit wird dadurch gemildert und Musik zu einem Ventil für unsere Gefühle. Sie verbindet und hilft bei der Verarbeitung eines gebrochenen Herzens.“

„Ich habe sowohl Mädchen als auch Jungs gedated. Definieren muss ich mich deswegen nicht.“

Doch was ist, wenn Musik mal nicht aus dem Selbstmitleid und Kummer raushilft? Auch dafür hat der Sänger ein Rezept und muss bei der Antwort kurz lachen: „Mein Vorschlag wäre, sich hart zu betrinken. Triff dich mit deinen Leuten, lenk dich ab! Und vor allem: Gib dir Zeit. Ich weiß, es klingt nach einem Klischee, aber Zeit heilt nun mal alle Wunden.”

Zeit, um den Liebeskummer zu überwinden, wird dem aufstrebenden Newcomer in Zukunft weniger bleiben. Die wird wohl dafür genutzt, um seine erste EP auf der Bühne zu promoten. Mit PLAY ME SOMETHING NICE präsentiert Joesef seine erste Kollektion an Songs. Entstanden ist das kompakte Werk im Alleingang in seinem Schlafzimmer. Mit Gitarre, Notizblock und Laptop gewappnet, übernahm er ganz DIY-mäßig das Schreiben, Produzieren und finale Mastern der EP.

Darauf findet sich die Geschichte eines heranwachsenden Mannes, der sich seiner Verletzlichkeit bewusst ist und sie nicht versteckt. Die erste Liebe kam, ging, und hat Spuren hinterlassen. Dass es sich dabei um einen Jungen handelt, ist nebensächlich, erzählt Joesef. „Ich gehöre einer Generation an, die sich in keine Schublade stecken lässt. Ich habe sowohl Mädchen als auch Jungs gedated, ohne groß darüber nachzudenken, wie ich mich definiere. Das ist auch nicht wichtig. Man soll das tun, was sich für einen natürlich anfühlt.“

So besingt der Künstler beispielsweise ganz offen auf „Don’t Give In“, wie sein ehemaliger Geliebter einem anderen verfällt, und thematisiert die Akzeptanz dieser Dinge dann auf dem Titelsong der EP. Konzeptartig teilt Joesef seine gefühlvollen Erfahrungen über seine Musik, doch beschreibt sein Erstlingswerk eher roh und weniger romantisch: „Es geht im Allgemeinen darum, dass eine Beziehung durch Scheiße gejagt wird und letztendlich nichts daraus wurde.“

Am Ende des Gesprächs überkommt einen das Gefühl, der mysteriöse Nebel um Joesef schwinde etwas und verdeutliche das Bild um seine Person. Vermutlich deswegen, weil man sich mit seiner Geschichte nur zu gut identifizieren kann. Und wenn Herzschmerz so schön klingt, wie auf PLAY ME SOMETHING NICE, darf der Heilungsprozess ruhig länger andauern.

Interview
Interview
Interview
Interview