Releases der Woche

Von Ider bis Antwood, von Deutsche Laichen bis Iggy Azalea

IDER: EMOTIONAL EDUCATION

POWER-POP GEGEN DEN WACHSTUMSSCHMERZ

Ider Emotional Education Album

Was?

Keine Ahnung, wer die Quaterlife-Crisis erfunden hat, IDER haben auf jeden Fall den Soundtrack dazu geschrieben. Megan Marwick und Lily Somerville sind beste Freundinnen und schreiben auf ihrem Debüt-Album Power-Pop-Songs gegen den Struggle des Erwachsenwerdens, die irgendwo zwischen R’nB, Electronics und Alternative-Pop oszillieren. Immer im Zentrum: Ihr harmonischer, zweistimmiger Gesang, der fast übernatürlich zu einer Stimme verschmilzt. Diese nennt das Duo „IDER“, quasi als das dritte mysteriöse Bandmitglied.

Woher?

Das Duo hat sich auf der Uni kennengelernt und lebt zusammen in einer WG in London. IDER teilen alles von Büchern und Musik über Inspirationen und Herzschmerz. Gute Kunst braucht bei ihnen keine Reibung, sondern bedingungslose Freundschaft. Mit ihrem Debüt-Release auf Glassnote Records sind sie mit ihrem Hybrid-Pop neben Phoenix, Jade Bird und CHVRCHES in bester Gesellschaft.

Warum?

IDER erfinden Pop nicht neu. Die Beats sind erwartbar, viel Hall auf verschleppten elektronischen Drums, wabernde Synthflächen, Claps und ein paar gängige Harmonieverläufe auf dem Klavier liefern den typisch verträumten Millennial-Sound. Besonders ist aber ihre Energie auf der Bühne und die symbiotische Verschmelzung ihres intensiven Gesangs, der niemanden emotional unberührt lässt. Zumindest solange er oder sie unter dreißig ist. (Laura Aha)


Iggy Azalea: IN MY DEFENSE

WENN PUSSIES, GELD UND WUT AUFEINANDER TREFFEN

Iggy Azalea In My Defense Album

Was?

IN MY DEFENSE provoziert schon alleine durch das Cover-Artwork. Mit blutüberströmtem Schädel liegt die australische Rapperin leblos an ihren Wagen angelehnt. Ein ideales Sinnbild für ihre Beziehung mit der Presse und Hatern über die letzten Jahre, die ihre Karriere bereits als tot erklärt haben. Doch auf ihrer zweiten Platte zeigt sie sich so selbstbewusst wie nie. Der Bass ist laut, die Produktionen fett, auch die Lines sitzen. Iggy trägt dick auf und macht ihre Vorliebe für Geldscheine und gleichzeitig Safer Sex deutlich.

Woher?

Mit gerade mal 16 Jahren verlässt Amethyst Amelia Kelly, wie Iggy Azalea bürgerlich heißt, ihre Heimat in Sydney und zieht nach Los Angeles, um einer Karriere als Rapperin nachzugehen. Weltbekannt wird sie durch Tracks wie „Fancy“ mit Charli XCX, oder „Problem“ an der Seite von Ariana Grande. Doch mit der Zeit löste sie sich zunehmend von dem stark Pop-orientierten HipHop, der noch auf ihrem ersten Major-Release 2013 dominierte. Jetzt veröffentlicht Iggy ihre Musik unabhängig und beweist, dass sie sich als Genre-Künstlerin versteht, auch ohne großen Pop-Wirbel. Fans von Nicki Minaj oder Cardi B werden auch hier sicher auf ihre Kosten kommen.

Warum?

Wer die Karriere der heute 29-jährigen Rapperin verfolgt, weiß, um was für eine Kämpferin es sich bei Iggy Azalea handelt. Während viele in ihrer Situation – von unveröffentlichten Alben bis hin zu abgesagten Tourneen – schon längst die Fahne gezuckt hätten, verarbeitete die Künstlerin ihren Frust lieber in der Musik. Und Wut hört sich gerade im HipHop gut an. Vermischt mit einer großen Portion Ironie, Sexpositivität und Empowerment, scheint Iggy mit IN MY DEFENSE endlich ihren Sound und ihre Nische gefunden zu haben. (Kai Hermann)


Deutsche Laichen: DEUTSCHE LAICHEN

PÖBELN GEGEN DAS PATRIARCHAT

Deutsche Laichen Album

Was?

Nötige Debatten über Gender, Sexualität und das gesellschaftliche System werden viel zu oft entweder nicht oder auf elitären intellektuellen Ebenen geführt. Deutsche Laichen machen da nicht mit: Die Band aus Göttingen bricht mit dem polternden Deutschpunk ihres Debütalbums den gesellschaftlichen Diskurs so weit runter, dass es auch wirklich jeder versteht. „My cunt, my fucking business“ – noch Fragen?

Woher?

Beim Wort „Zeitstrafe“ dürften schon einige Alarmglocken schrillen: Von Captain Planet über Rauchen bis hin zu Matula versammeln sich auf dem Hamburger Label einige der besten deutschsprachigen Bands aus dem Punkkosmos. Deutsche Laichen schreien dabei wie kaum eine zweite Asselpunk; erinnern an Slime, WIZO & Co. – nur eben zeitgemäßer und mit weniger Pimmel.

Warum?

„Wir dachten uns: Die Band, die wir gerne auf der Bühne sehen möchten, müssen wir vielleicht einfach selbst starten“, erklären Deutsche Laichen zum Release ihres Debütalbums. Auch wenn hier musikalische nichts Revolutionäres passiert, haben sie damit Recht: In einer Zeit von Horst Seehofers und AKKs braucht Deutschland feministische, queere und vor allem ziemlich angepisste Bands. Und wann warst du eigentlich das letzte Mal pogen? (Christina Wenig)


Beyoncé: THE LION KING: THE GIFT

WENN AFRIKANISCHE KULTUR AUF R’N’B TRIFFT

Beyoncé The Gift Album

Was?

Als bekannt wurde, dass Superstar Beyoncé als Teil der Neuverfilmung von „Der König der Löwen“ gecastet wurde, war die Begeisterung bereits groß. Zusammen mit unter anderem Donald Glover alias Childish Gambino bringen sie den Disney-Klassiker wieder auf die große Leinwand. Das hat Beyoncé gleich als Inspiration für ein neues Album genommen und mit THE LION KING: THE GIFT eine Mischung aus Hörbuch und Afro-R’n’B kreiert. Die afrikanischen Einflüsse sind dabei stark rauszuhören, auch dank vielfältiger Features wie den nigerianischen Musikern Tekno oder Burna Boy. Die Künstlerin lässt ihren Gästen Freiraum, indem sie sich selbst nicht auf jedes Stück packt. Auch Ehemann Jay-Z ist dabei. Atmosphärisch, dramatisch und zugänglich – ganz Beyoncé eben.

Woher?

Spätestens seit ihrem letzten visuellen Solo-Album LEMONADE hat sich Beyoncé politisch konkret positioniert – für die unterdrückte Kultur der PoCs in Amerika. Stolz präsentiert sie ihre Herkunft und fordert dort Respekt ein, wo er gar nicht hinterfragt werden sollte: bei der menschlichen Würde. Mit THE GIFT nimmt sie ihre Botschaft auf Reise nach Afrika. Dank dem Disney-Hintergrund sind die Stücke längst nicht so radikal wie auf dem Vorgänger, sondern hoffnungsvoller und leuchtender. Eine spirituelle Reise vermischt mit Popkultur.

Warum?

Beyoncé schafft es immer wieder aufs Neue zu überraschen. Unangekündigte Veröffentlichungen, Kurzfilme oder ein Live-Album ihres pompösen Coachella-Auftritts 2018: THE LION KING: THE GIFT reiht sich ideal ein in die Reihe unerwarteter Arbeiten der Künstlerin. Ein weiteres Mal gelingt es ihr, eine Fusion tiefgründiger, kultureller Traditionen mit zeitgenössichem Sound zu verbinden, ohne dass es nach westlicher Ausbeutung klingt. (Kai Hermann)


Antwood: DELPHI

DYSTOPISCHE ZUKUNFTSMUSIK IM BESTEN SINNE

Antwood Delphi Album

Was?

Medikament gegen Mulmig-Sein, ein Mitgliedsbändchen im „Club Dread“, daneben ein Handy mit geöffnetem Messenger und antike Münzen. „Delphi by Antwood“ steht auf dem  Roman in der Mitte. Anspielung auf Sci-Fi-Autorin Margaret Atwood – eh klar. Das Cover zum dritten Album des kanadischen Produzenten Tristan Douglas aka Antwood bietet als weirdes Moodboard Einblick in die Realität der fiktionalen Protagonisten DELPHI, die sich irgendwo zwischen griechischer Mythologie, Post-Internetzeitalter und hyperrealer Fantasywelt bewegt. 

Woher?

Es gibt im elektronischen Kosmos wohl kaum ein Label, das mehr „JETZT!” schreit als Planet Mu. Ob Ziúr, Hieroglyphic Being, Floating Points oder JLin – das britische Label von Mike Paradinas vereint seit 1995 alles, was sich unter den Genres Electronica, IDM, Breakcore, Dubstep und Grime versammeln lässt. Oder eben gerade auch nicht, so wie Antwoods Album ist dystopische Zukunftsmusik im besten Sinne.

Warum?

„Sci-Fi is reality motherf*ckers“, hat die apokalyptische Rapperin Moor Mother mal gesagt. Das Album DELPHI wirkt wie eine dystopische Soundcollage und ist die perfekte Geräuschkulisse zur melancholischen Endzeitstimmung unserer Gegenwart. Übernatürlich schöne Melodien schimmern auf, um im nächste Moment von heftigem Donnergrollen begraben zu werden. Trotzdem bleibt DELPHI dabei immer tanzbar – wie geht das? (Laura Aha)


Lingua Ignota: CALIGULA

DAS ÜBERSCHREITEN DER SCHMERZGRENZE

Lingua Ignota Caligula Album

Was?

Ihre Songs nennt sie „survivor anthems“, mit denen sie auch auf ihrem dritten Album CALIGULA sehr reale Erfahrungen häuslicher Gewalt verarbeitet: Mit so viel Schmerz und Leid wie Kristin Hayter a.k.a. Lingua Ignota in dieses Kaleidoskop der Extreme packt, wird man selten konfrontiert. Dabei geht es aber nicht um Resignation und Trauer, es geht um Rache – brutal, gnadenlos und über die eigenen Schmerzgrenzen hinaus. Auch musikalisch lässt sich CALIGULA nicht bändigen: Hayter spannt den Bogen gekonnt von klassischer und Kirchenmusik über Noise und Doom bis hin zu Extreme Metal.

Woher?

Kristin Hayter hat eine klassische musikalische Ausbildung und unter anderem mit The Body und Full Of Hell zusammengearbeitet, mit denen sie eine Leidenschaft für herausfordernde Experimente teilt. In ihrer düsteren Dramatik erinnert sie an Ausnahmekünstlerinnen wie Diamanda Galás, Puce Mary und Pharmakon, und mit ihrem in vielerlei Hinsicht extremen Schaffen hat sie im Qualitäsgaranten Profound Lore (Prurient, Bell Witch, Pissgrave) die perfekte Labelheimat gefunden.

Warum?

Wie oft kann man heutzutage wirklich noch behaupten, etwas wahrhaft Einzigartiges gefunden zu haben – ganz ohne Gimmicks und Kalkül? Das ist eine dieser seltenen Chancen: CALIGULA ist schmerzhaft aufrichtig und in seiner Verletzlichkeit unbezwingbar. Vielleicht ist es unangenehm, vielleicht ist es schmerzhaft, aber es lässt garantiert keinen kalt. (Christina Wenig)