Onkel Aykuts Insta-Story: Kann Haftbefehls neues Album überhaupt funktionieren?

Haftbefehl - vom Riesen mit Panzerfaust zum lustigen Onkel?

Haftbefehls neues Album steht langsam aber sicher an. Es gilt einen Klassiker zu toppen – aber ist Hafti überhaupt noch derselbe?

Haftbefehl ist seit nunmehr zehn Jahren eine der schillerndsten Figuren in der Deutschrap-Manege. Vom authentischen Straßen-Geheimtipp, der, laut abgespielt über gerippte Sony-Ericsson-Handys, für den ein oder anderen verprügelten Rentner gesorgt hatte, mauserte Baba Haft sich trotz des anfangs enormen Hates der Deutschrap-Bourgeoisie schnell zum Liebhaber-Thema für extravagante Nerds und Szenekenner. 

Auf dem 2012er (Re)-Mixtape THE NOTORIOUS HAFT versammelte sich gar eine Riege Deutscher Untergrund-Beatgeeks rund um Dexter, Suff Daddy, Torky Tork, Brenk und Konsorten, die Haftis größten Hits ein stilsicheres Bummtschack-Gewand überstülpte und seinen von Biggie inspirierten Signature-Flow in neuem Glanze erstrahlen ließ. Jetzt war klar: Haft ist kein exklusives Thema mehr für halbstarke Abzieher und Kleinticker – das ist was Großes! 

Spätestens im Folgejahr katapultierte sein Überraschungs-Gassenhauer “Chabos wissen wer der Babo ist” den Offenbacher unerwartet in die Ohren des Mainstreams. Fans wie Hater mussten gleichermaßen anerkennen, dass Haftbefehl ein Ausnahmerapper war, der durch sein markantes Sprach-Potpourri, das er bereits per Albumtitel KANACKIŞ getauft hatte, 2013 erstmals zum Superstar mit Memepotenzial avancierte. 

Selbst Lokalpolitiker warben augenzwinkernd mit Haftis Catchphrase um die Gunst junger Wähler – dabei war Haftbefehl 2010 bekannt geworden, weil er als besonders kredibler Gangster galt. Mit fast zwei Metern Körpergröße, den vom Schlägereien gezeichneten Gesichtszügen und seinem unnachahmlich bösen Blick war der kurdischsstämmige Rapper eine imposante Erscheinung. Der mit dem echten Raketenwerfer im HDF-Clip, so erzählte man sich damals ehrfürchtig auf der Straße. 

Dieser bedrohliche Hüne sollte schon bald die Clubs füllen. RUSSISCH ROULETTE wurde von Fans und Presse instant zum Deutschrap-Klassiker erklärt, vielleicht dem letzten seiner Art. Das 2014 erschienene Album machte buchstäblich alles richtig und brachte ausschließlich Hits hervor, wenn es nicht gerade einen seiner ruhigeren Gänsehaut-Momente hatte. Die Präsentation des Hessen wich zwar einer weniger grimmigen und gewalttätigen Selbstdarstellung, doch RUSSISCH ROULETTE war durch und durch Straße. 

Mit seinem persönlichen Magnum Opus hatte Haftbefehl die eigene Messlatte in schwindelerregende Höhen gehängt, das schien auch er zu wissen.

Statt verzweifelt zu versuchen, an seine Siegessträhne anzuknüpfen, veröffentlichte er Ende 2015 beinahe schon schüchtern das Digital-only-Mixtape UNZENSIERT, auf dem es wieder deutlich rauer zuging. Das Cover zierte eine Reminiszenz an den radikalen Bürgerrechtler Malcolm X, Haftbefehls Selbstverständnis nahm wieder martialische, bedrohliche und kriminelle Züge an. Mit der Bodycount-Referenz „CopKKKilla” beschwor er im Vorfeld sogar einen waschechten Skandal herauf, der in einer zig-millionenfach geklickten Böhmermann-Parodie gipfelte. Dazu gab es einige Nebenkriegsschauplätze, an denen besonders die antisemitische „Rothschild-Theorie” diskutiert wurde, die Haft auf UNZENSIERT in gefühlt jedem einzelnen Song erwähnt. Trotzdem verhallt das Mixtape, das einige wirklich gute Songs zu bieten hatte, gemessen an RUSSISCH ROULETTE recht flott.

Noch schneller geriet nur die im Folgejahr announcte Xatar-Kollabo, Coup, in Vergessenheit, die nie aus dem Schatten ihrer cringy-megalomanischen Promophase treten konnte und so schneller wieder weg war als sie gekommen war. Danach wurde es ruhig um Haftbefehl. Zumindest musikalisch. Mit Kalauern wie der vermeintlichen Eröffnung eines Restaurants des aus Breaking Bad bekannten Fried-Chicken-Franchises Los Pollos Hermanos machte Haftbefehl 2017 sympathisch Welle und die wohl denkbar gelungenste Guerilla Promo, die das Spin-Off Better Call Saul, das tatsächlich durch diese Aktion beworben wurde, hätte haben können. Baba Haft war kein schlimmer Messerstecher – zumindest nicht mehr.

2018 begann er dann, lose Ankündigungen und Gerüchte zu streuen – er würde bald RUSSISCH ROULETTE 2 releasen, hieß es. Das erste derartige Versprechen ist zwar schon auf Dezember 2016 zu datieren, von nun an rührte er aber immer wieder unverbindlich die Werbetrommel. Ein Releasedate bleibt Haftbefehl uns bis heute schuldig. „Im Winter”, so vermuten Fans referenziell. „Weil das ist Räubermusik und da wird’s früher dunkel”, wie Haft 2015 rappte. Aber kann Haftbefehl überhaupt noch glaubhafte Räubermusik machen?

Seit ein paar Monaten hat der Azzlackz-Chef Instagram für sich entdeckt. Klar, durch etliche Interviews, Vlogs und Videos wurde der Mythos des Zwei-Meter-Gangsters mit der Bazooka ohnehin schon entzaubert, spätestens die unfassbar lustige Los-Pollos-Aktion zeigte, was für ein humorvoller und sympathischer Typ Hafti eigentlich ist. Doch der Insta-Grind fügt eine noch ungeahnte Facette hinzu: Haftbefehl als Meme. Haftbefehl als lustig aussehender Onkel-Typ. Aus Baba Haft wird Amca Haft, der mit Scheitelfrisur und Wohlstandsplauze Grimassen schneidet. Der in absurder Pose einen leuchtenden Pfropfen bewirbt, mit dem er sich die Zähne bleacht. Der auf unzähligen Handys als lustiger Sticker in diversen Posen umhergeschickt wird.

Haftbefehls neues Album

Haftbefehl ist alles, aber nicht mehr angsteinflößend. Klar, wenn ein wütender Aykut Anhan vor einem steht, könnte sich das schnell ändern, aber die öffentliche Figur des Haftbefehl ist 2019 ein dicker, lustiger und gemütlicher Onkel, der jede Woche eine andere spaßige Frisur trägt, Dentalprodukte und verrückte Klamotten bewirbt, während er in seiner Insta-Story gut gelaunt Angela Merkel und Gregor Gysi grüßt. Das ist unterhaltsam und sympathisch, aber es könnte durchaus sein, dass diese Selbstdarstellung einem neuen Haftbefehl-Album so sehr anhaftet, dass der bedrohliche, aufbrausende Charakter, den der lustige Onkel Aykut in seiner Musik verkörpert, schlichtweg nicht mehr funktioniert.

Dabei geht es gar nicht um die Frage nach Authentizität, sondern um Attitüde: Dass ein Bushido sich seit Ewigkeiten in seiner dörflichen Villa versteckt und per Anwältin Unterlassungserklärungen und Abmahnungen am Fließband raus ballert, ist kein Geheimnis. Bushidos Kunstfigur funktioniert aber noch immer als grimmiger Gangster, weil er diese Außendarstellung pflegt und trotz einiger Einblicke in sein Privatleben und Guilty Pleasures wie einer langjährigen WoW-Karriere nie wirklich selbstironisch wurde und sich in lustigen Posen oder Outfits präsentiert hat. Okay, es gibt da dieses alte Foto mit der Damenstrumpfhose, aber …

Haftbefehl jedenfalls muss sein eigenes Selbstverständnis neu definieren und es schaffen, das musikalisch und visuell so greifbar zu gestalten, dass ein kommendes Album als autarkes Werk funktionieren kann, statt sich an vergangenen Erfolgen, Hits – und vor allem: Charakteristika – zu messen. Dann darf Haftbefehls neues Album gerne sofort kommen! Oder halt im Winter.

Haftbefehls neues Album