Releases der Woche

Von Brudi030 bis Swain, von Clark bis Chance The Rapper

NEUKÖLLN IST CHANTELOUP-LES-VIGNES

Alex empfiehlt:
AIWAAA von Brudi030 (SLS MUSIC)

Was?

Brudi030 Aiwaaa Cover Releases der Woche

Im Juni 2006 stieß ein damals aufstrebender Rapper aus Köln-Kalk mit der Line „Ihr habt alle reiche Eltern und sagt Deutschland hat kein Ghetto“ unverhofft eine Debatte an, die in den Folgemonaten weit über die Grenzen der Szene hinaus hitzig diskutiert wurde. Endgültig geklärt ist die Frage, ob es nun angemessen oder doch übertrieben ist, die sozialen Brennpunkte deutscher Metropolen als „Ghettos“ zu bezeichnen, bis heute nicht. Fakt ist aber, dass sich auch 13 Jahre später beinahe wöchentlich Künstler an der Spitze der deutschen Charts tummeln, die die Lebensumstände in ihren Vierteln durchaus als derartig ghettoesk und prekär empfinden, dass ihre Musik fast ausschließlich den nie endenden Kreislauf aus Armut, Gewalt und krummen Geschäften thematisiert. So authentisch wie Brudi030 haben das bislang allerdings nur Wenige geschafft. Sein Debütalbum AIWAAA beschreibt den tristen Alltag am Corner so greifbar und dramatisch, dass man sich beim Hören wieder und wieder fragt, warum Mathieu Kassovitz’ Film „La Haine“ von 1995 statt in Chanteloup-les-Vignes damals nicht einfach in Westberlin gedreht wurde.

Woher?

Brudi ist Ur-Neuköllner, hat nach deutschem Aufenthaltsrecht aber trotzdem lediglich einen befristeten Duldungsstatus. Seit seinem ersten öffentlichkeitswirksamen Lebenszeichen vor etwa zwei Jahren hat er einen steilen Aufstieg innerhalb der Szene hingelegt und kann auf etliche namhafte Features, Festival-Shows und solide Playlist-Platzierungen zurückblicken. Grundsätzlich macht er sich rar, gibt aus Prinzip keine Interviews. Wer seine Lebensgeschichte verstehen will, muss zwischen den Zeilen seiner Songs lesen. Brudis Texte sind in erster Linie deshalb so interessant und neuartig, weil sie häufig auf die scheinbar banale Aneinanderreihung von Substantiven und kurzen Wortgruppen beschränkt bleiben und trotzdem maximal präzise Stimmungen vermitteln. Ein Beispiel gefällig? „Zelle sitzen, hundertfünfzig Liegestützen. Thunfischnudeln, Baumwolle-Wintermütze. Kokainlieferant, Telegram. Duldung, Ausreise illegal“. Damit ist alles gesagt.

Warum?

Brudi verbindet etliche Trends der vergangenen Jahre stilbewusst und ist ein kredibiles Bindeglied zwischen alter und neuer Rap-Generation. Seine Art zu Reimen erinnert an Diloman und Gringo44, sein Sprachgebrauch an Haftbefehl oder Reda Rwena, seine dynamische Attitüde beinahe an den jungen Bushido … Womit wir wieder bei Ghettos wären: Wer AIWAAA aufmerksam hört, wird es in nächster Zeit schwer haben, ihre Existenz zu leugnen.

*Ein problematischer Moment auf der Platte ist – das ist uns durchaus bewusst – der auf dem ersten Track enthaltene Gast-Part von Jigzaw. Es bleibt zu hoffen, dass Brudi nach den Ereignissen der vergangenen Woche kein weiteres Feature mit dem Alpha-Music-Signing beabsichtigt und sich bestenfalls öffentlich distanziert.

90s-WORSHIP FÜR DIEJENIGEN, DIE ZU JUNG FÜR DIE 90ER SIND

Christina empfiehlt:
NEGATIVE SPACE von SWAIN (End Hits)

Was?

Swain Negative Space Cover Releases der Woche

Mit ihrem dritten Album könnten Swain mal eben die Alternative-Rock-Platte des Jahres rausgehauen haben. NEGATIVE SPACE ist wie ein Kissen, in das man sich sorgenlos fallenlassen und auch mal reinheulen oder -schreien kann. Schrammelige Gitarren haben da genauso Platz wie verspielte Melodien und ganz viel Introspektion – ein bisschen so, als würden Culture Abuse Radiohead covern.

Woher?

Swain hießen früher mal This Routine Is Hell und wurden schnell als vielversprechender niederländischer Hardcore-Punk-Export gefeiert. Das hat sie aber anscheinend nicht glücklich gemacht, also kam die Umbenennung samt Kurswechsel in Richtung Neo-Grunge und schließlich Alt-Rock. Läuft mindestens genauso gut.

Warum?

Swain verbinden gekonnt wie kaum eine andere aktuelle Band Nostalgie mit Originalität. Dabei versuchen sie, entgegen aktueller Trends, nicht krampfhaft, einen auf düster zu machen, sondern wagen sich vorsichtig an etwas Optimismus. Oh, und dann sind da noch Gastauftritte von zwei kleinen Künstlern namens Jeremy Bolm (Touché Amoré) und Casper.

Simon hätte gerne empfohlen:
THE BIG DAY von Chance The Rapper (self-release)

Was?

Chance The Rapper The Big Day Cover Releases der Woche

Eigentlich sollte an dieser Stelle eine sehr euphorische Einleitung für einen der größten Tage im HipHop-Release-Kalender 2019 folgen – tut sie aber nicht, denn Chance The Rapper ließ bis zur Veröffentlichung dieses Artikels mit dem Release seines wirklich sehr lang antizipierten und heiß ersehnten Debütalbums THE BIG DAY auf sich warten.

Woher?

Der 26-jährige Chancellor Johnathan Bennett, wie Chance The Rapper mit bürgerlichem Namen heißt, zählt zu einen der musikalischen Aushängeschilder Chicagos. Dabei begann die Rapkarriere des Chicago-Natives eher aus einem skurrilen Zufall heraus: 2010 wurde er an seiner High School beim Rauchen eines Joints ertappt und daraufhin zehn Tage vom Unterricht suspendiert, die Zeit, die er abzusitzen hatte, nutzte er, um sein erstes Free-Mixtape 10 DAYS zu recorden, das ihn von Null auf die „10 New Chicago Rappers to Watch Out For“ Liste des Complex Magazines katapultierte. Es folgten eine Tour mit Childish Gambino, das zweite Free-Mixtape ACID RAP und das mit einem Grammy ausgezeichnete Tape COLORING BOOK. Als Kirsche auf der Sahnehaube fehlt also nur noch eins in der erfolgreichen Diskografie von Chance the Rapper: das erste offizielle Album.

Warum?

Chance the Rappers Teasing-Game erinnert stark an das eines gewissen Herren aus Compton, der seine Fans ebenfalls seit Jahren auf ein Album warten lässt. Im Hinterkopf bahnt sich langsam aber sicher ein Horrorszenario seinen Weg: Ist THE BIG DAY Chances DETOX? Ein Album, das lange auf sich warten lässt und womöglich niemals erscheinen wird? „Chance please don’t do us like that!“ Wir verwerfen den Gedanken schnell wieder und beruhigen uns mit den bisherigen Fakten: Albumtitel, Cover, Tracklist und erste Singleauskopplung „GRoCERIES – iz da! Der Rest wird hoffentlich bald folgen. THE BIG DAY will wohl Weile haben. Wir nehmen es wie alle anderen Fans von Chance the Rapper mit Humor und versüßen uns die Wartezeit mit unterhaltsamen Tweets. 

DAS UNFASSBARE IN MUSIK ÜBERSETZEN

Laura empfiehlt:
KIRI VARIATIONS von CLARK (Throttle)

Was?

Clark Kiri Variations Cover Releases der Woche

Ausgangsmaterial zu KIRI VARIATIONS ist der ebenfalls von Clark komponierte Soundtrack zum britischen Seriendrama Kiri, das Anfang 2018 auf Channel 4 ausgestrahlt und 2019 für die BAFTAs nominiert wurde. Es erzählt die Geschichte von Kiri Akindele, einem 9-jährigen schwarzen Mädchen, das in Bristol bei weißen Pflegeeltern lebt, weil ihr Vater ein gewalttätiger Drogendealer ist. Bei einem unbeaufsichtigten Besuch bei ihren Großeltern wird sie entführt und später tot in einem Park aufgefunden.

Woher?

Wer neun Alben auf Warp Records rausgebracht hat, kann eigentlich fast nichts Schlechtes mehr produzieren. Der britische Produzent Chris Clark reiht sich daher mit seiner Intelligent Dance Music, irgendwo zwischen Club und Avantgarde, perfekt ein in die Reihe seiner bahnbrechenden Warp-Kollegen wie Aphex Twin, Boards of Canada, Flying Lotus und Kelela. Vielleicht war es aber für Clark auch mal an der Zeit, aus dem Schatten dieser Schwergewichte herauszutreten und auf seinem eigenen Label Throttle Records zu veröffentlichen.

Warum?

Man könnte die tragische Geschichte von Kiri musikalisch leicht zur Unerträglichkeit steigern. Clark hingegen schreibt ihr einen einfühlsamen, fast liebevollen Soundtrack, ohne die Drastik herunterzuspielen. Klagende Streicher, knarzige Blockflöten oder das leicht verstimmte Klavier schaffen akustische Störmomente in der melancholisch-sanften Grundstimmung. Unheimlich, wie ein plötzlicher Windstoß, der an einem warmen Sommertag die Fenster knallen lässt und einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Mit KIRI VARIATIONS beweist Clark seine Virtuosität als Komponist, fernab des Dancefloors. Außerdem fragt man sich, warum er so lange gewartet hat, bis er das erste Mal selbst über seiner Musik singt.

DIE HERRSCHAFT DER DYSTOPIE

Christina empfiehlt:
BROKEN IN REFRACTION von Sanction (Pure Noise)

Was?

Sanction Broken In Refrection Cover Releases der Woche

Wie feindselig kann ein Album eigentlich sein? Sanction verwandeln ihr Zweitwerk in einen Mahlstrom aus schrillenden Gitarren, erdrückenden Breakdowns und verstörenden Dissonanzen. Statt plumpem 08/15-Hardcore werden hier ab und an Noise- und Death-Elemente eingestreut, und nicht zuletzt wegen ihres etwas gehobenen technischen Anspruchs erinnern die Jungs auch gerne mal an frühen Metalcore.

Woher?

Sanction haben ihre Wurzeln in der fruchbaren Erde der Hardcore-Szene von Long Island. Schon mit ihrem ersten Album THE INFRINGEMENT OF GOD’S PLAN (2017) schlug die Gruppe ziemlich hohe Wellen im Untergrund, und eine bessere Labelheimat als Pure Noise (neben aktuellen Überfliegern wie Knocked Loose und Year Of The Knife) kann es für sie gar nicht geben.

Warum?

Weil es knallt, und zwar gewaltig. Sanctions Brutalität ist kein Selbstzweck, sondern ein Ausdruck tiefster, aufrichtiger Frustration über und Abscheu gegen eine Welt, die mehr und mehr aus den Fugen gerät. So düster und herausfordernd ist Hardcore (leider) nur selten.