Releases der Woche

Von den Orsons bis Miss Platnum, von Morlockk Dilemma bis Flume

Reif für die Insel

Alex empfiehlt:
ORSONS ISLAND von Die Orsons (Vertigo Berlin)

Was?

Releases der Woche Die Orsons Orsons Island

Die Orsons haben Zeit auf einsamen Inseln verbracht und – klingt kitschig, ist aber so – sehr intensiv nachgedacht. Jeder für sich allein und alle zusammen im Lagerfeuer-Plenum. Und obwohl (oder gerade weil) ihr Reflexionsprozess über die tiefsten Sorgen und Sehnsüchte jedes einzelnen Band-Mitglieds das Kollektiv um ein Haar gesprengt hätten, ist das auf Platte gepresste Ergebnis ihrer Reisen unheimlich ergreifend, authentisch und spannend.

Woher?

Tua, Maeckes, Kaas und Bartek sind inzwischen seit über elf Jahren in Team-Formation unterwegs. Die veritable Boyband, die sie zu mancher Zeit gemimt haben, sind sie bis heute trotzdem nicht. Vielmehr waren, sind und bleiben die Orsons ein Konstrukt aus vier genialen Solokünstlern. Was alle eint, ist lediglich der Umstand, dass sie sich stets lieber selbst geißeln und jeden einzelnen Schritt eher dreimal anzweifeln, bevor sie auf die Idee kämen, mit sich, ihrer Band oder dem Weltgefüge im Ganzen halbwegs im Reinen sein zu können.

Warum?

ORSONS ISLAND ist ein in vier Kapitel gegliedertes und bis zum Rand mit originellen Einfällen gespicktes Reisetagebuch. So sind die Orsons – um nur ein Beispiel für ihren unerschöpflichen Ideenreichtum zu nennen – die erste Formation der Deutschrap-Geschichte, die Wolfgang Amadeus Mozart einen Song widmet und der philosophischen Frage nachgeht, was das Wunderkind wohl von Hip-Hop gehalten hätte. ORSONS ISLAND ist das bis dato beste Orsons-Album, weil die Jungs endlich die Waage zwischen kindischen Insider-Gags und intellektuellen Gedankenspielen gefunden haben.

Massive Überproduktionen zum Träumen

Kai empfiehlt:
THE OPERA von Miss Platnum & Bazzazian (Universal)

Was?

Releases der Woche Miss Platnum & Bazzazian The Opera

Die deutsch-rumänische Sängerin und Komponistin beweist mit THE OPERA, dass man auf dem nationalen Musikmarkt keine Angst haben sollte, neue Wege einzuschlagen und sich künstlerisch auszuprobieren. Für ihr neustes Projekt holte sich Miss Platnum Unterstützung von dem Kölner Produzenten Bazzazian, der die Hälfte des Produzentenduos Die Achse darstellt und bereits mit Größen wie Haftbefehl oder Samy Deluxe gearbeitet hat. Eine durchaus unvorhersehbare Kollaboration, bei der ein Werk voller Synthesizer und Orgelklängen entstanden ist, vermischt mit zeitgenössischen HipHop-Elementen und souligem Gesang. Wie das funktioniert? Sehr gut sogar.  

Woher?

Ihre Anfänge hat Miss Platnum im Balkan-Pop. Ein erster kommerzieller Erfolg gelang ihr 2007 in Rumänien mit „Give Me The Food“, einer satirischen Hymne über Body-Positivity. In Deutschland erlangte die Sängerin dann kurze Zeit später Aufmerksamkeit durch Zusammenarbeiten mit Peter Fox. Der Durchbruch folgte 2012 mit dem Song „Lila Wolken“, welcher gemeinsam mit Marteria und Yasha aufgenommen und zu einem deutschlandweiten Hit wurde. Daraufhin nahm die Künstlerin zwei deutschsprachige Platten auf, orientiert an Pop und Soul.

Warum?

Wenn eine Platte von stetiger Über-Produktion genauso dominiert wird wie von verzerrtem Auto-Tune, wird Hörern schnell die Luft zum Atmen entrissen. THE OPERA lässt kurz vorm Ersticken nochmal nach Luft schnappen. Klassische, instrumentale Einsätze und eine durchgehende Ruhe in allen neun Tracks erlauben es, die fetten Bässe zu inhalieren und sich auch mal auf die Lyrics zu konzentrieren. Die werden außerdem wieder in englischer Sprache gesungen, wodurch Miss Platnum zu ihren musikalischen Wurzeln zurückzukehren scheint. THE OPERA ist laut, experimentell und geprägt von einer musikalischen Schwere, die man erstmal begreifen muss. Lässt man sich auf sie ein, lädt die Sängerin zu einer spirituellen Reise ein, auf der Suche nach der eigenen Identität, Frieden und Freiheit.

Von rot nach weiß: Brainfeeder-Beats aus Österreich

Laura empfiehlt:
TOOTHBRUSH EP von Dorian Concept (Brainfeeder)

Was?

Releases der Woche Dorian Concept Toothbrush EP Cover

Ja, ganz richtig gelesen: Dorian Concept hat hier tatsächlich den schrubbenden Sound einer Handzahnbürste gesampelt. Von der hört man allerdings nur zu Beginn etwas, geht sie doch schnell unter in den polyrhythmischen Improvisationen des Keyboard-Masters. Ist „Toothbrush“ eine einzige hyperaktive Steigerung in zackigen Wellenbewegungen, kommt die B-Seite „Booth Thrust“ wesentlich grooviger daher. Computermusik meets Electro-Funk meets Jazz – typisch Brainfeeder, nur halt aus Österreich.

Woher?

Der österreichische Produzent und begnadete Keyboarder Oliver T. Johnson aka Dorian Concept ist vor allem bekannt für seine Live-Sets, bei denen er in schwindelerregender Geschwindigkeit gerne mal auf drei Synthesizern gleichzeitig in die Tasten haut. Stets fester Bestandteil davon: Der um 2012 entstandene Track „Toothbrush“. Von Kollegen wie Rustie, Mark Prichtard und Modeselektor weiterentwickelt landete etwas später eine Demoversion auf Soundcloud. Streng limitiert veröffentlicht das Flying-Lotus-Label Brainfeeder die beiden Tracks nun erstmals auf Vinyl.

Warum?

Dorian Concepts Musik ist unbändiger Bewegungsdrang in Sound gegossen. TOOTHBRUSH lässt einen unweigerlich half-time mit dem Kopf nicken, ihn bald im Vierteltakt nach links und rechts werfen und nach spätestens dreißig Sekunden wild umherspringen. Man hört förmlich die Freude an der Improvisation, die Virtuosität und den kreativen Umgang mit begrenzten Mitteln. Bevor er sich einen Laptop leisten konnte, spielte Dorian Concept schließlich lediglich mit zwei MiniDisc-Playern und einem Keyboard, das er an den DJ-Mixer anschloss. TOOTHBRUSH ist wie ein Wurmloch in diese frühe Phase seines Schaffens – eine Zeitreise, die es definitiv wert ist.

Die Virtuosität der Eckkneipen-Romantik

Skinny empfiehlt:
HERZBUBE von Morlockk Dilemma (MOFO Airlines)

Was?

Releases der Woche Morlockk Dilemma Herzbube Cover

Der eiserne Besen steht in der Kammer, während Morlockk Dilemma verrauchte Kneipenszenarien zeichnet, die Gewalt in der Ostplatte beschreibt und dem Liebesakt in all seiner schwitzig-klebrigen Pracht huldigt. Auf rumpelige Eigenproduktionen, die durchzogen von exzentrischen Retro-Sci-Fi- und Library-Samples den schnapsgetränkten Swagger monochrom untermalen, kostet der HERZBUBE das Spiel mit der deutschen Sprache voll aus und legt wie immer eine technisch atemberaubend flotte Sohle aufs Parkett.

Woher?

HERZBUBE ist die logische Konsequenz der 2017er Doppel-EP HEXENKESSEL mit Beatbastler Brenk Sinatra. Weiterhin prägt eine muffige Herrengedeck-Romantik das Bild, Morlockk gibt sich aber trotz ähnlich präsenter Plattenbau-Tristesse deutlich unbeschwerter und wirbelt unbeflissen von Song zu Song.

Warum?

Wenn der Leipziger Kinderschreck mit seiner virtuosen Wortmalerei beginnt, gilt es, die Ohren zu spitzen. Elegant beschreibt er zum Greifen lebendige Szenarien, die dem Hörer zwar einiges abverlangen, ihn aber mit einer im Deutschrap unerreichten Sprachgewalt belohnen. Die Komplexität der Reime, die flamboyante Wortwahl, die beinahe schon pedantische Detailversessenheit – HERZBUBE besticht nicht durch Hits, sondern durch Handwerk.

Drahtseilakt zwischen Frickeligkeit und Bigroom-Sound

Laura empfiehlt:
QUITS EP von Flume & Reo Cragun (Future Classics)

Was?

Releases der Woche Flume & Reo Cragun Quits EP Cover

Der australische Produzent Flume hat sich mit dem Rapper Reo Cragun für eine sommerliche EP zusammengetan – Vogelgezwitscher-Sample inklusive. Reo Cragun singt und rappt darauf, meist mit viel Autotune, über bouncigen Beats, irgendwo zwischen Dubstep, Electronica und Future Bass. Währenddessen pitcht Flume seine Stimme hoch und runter, schichtet sie zu Chören auf und lässt sie durch das gesamte Raumspektrum schweben. Dazu dreht er an den Filtern, schraubt die Energie bis zum bigroommäßigen Drop hoch, um im nächsten Moment Reo Craguns klagenden Gesang auf einem sphärischen Synthbett dramatisch in Szene zu setzen.

Woher?

Flume kennt man wahrscheinlich am ehesten aus der Klammer hinter dem Songnamen und dem Wörtchen „Remix“. Er hat schon Songs von Lorde, Sam Smith und Arcade Fire gemixt. Sein bekanntester bleibt aber Disclosures „You & Me“ aus dem Jahr 2013. Seine Produktionen sind poppig und setzen auf fette Bässe – weshalb er auch zu den Pionieren des Future Bass gerechnet wird; einem Genre, das sich auf Burial bezieht, von Künstlern wie Hudson Mohawke und RL Grime weiterentwickelt wurde und dank Musikern wie den Chainsmokers leider ziemlich schnell hässlich wurde. Mit seinem Disclosure-Remix hat Flume maßgeblich dazu beigetragen, dass dieser Sound im Mainstream ankam.

Warum?

Der ewige Balanceakt zwischen komplexen Beats und Radiotauglichkeit, Keller und Bigroom, Mainstream und Underground – Flume meistert ihn meist ganz gut. Er arbeitet mit kredibilen Künstlerinnen und Künstlern wie SOPHIE und Slowthai zusammen und muss nicht mehr beweisen, dass er ein großartiger Produzent ist. In den leisen Stellen klingt QUITS dann auch herrlich frickelig und lässt stellenweise sogar an das Brainfeeder-Umfeld um Flying Lotus denken. Sobald aber der Gesang einsetzt, wirkt die EP leider erstaunlich monochrom, die Lyrics generisch und die Produktionen mit zu viel Nachdruck etwas gewollt. Schade!