Releases der Woche

Von Bon Iver bis Slipknot, von Ufo361 bis Electric Youth

Vorgezogene Überraschung: Erneute Jungs-Melancholie zum Abschalten

Kai empfiehlt:
I,I von Bon Iver (Jagjaguwar)

Was?

Bon Iver I,I Cover

Unangekündigte oder eben auch Überraschungs-Releases werden im Zeitalter von Streaming immer populärer. Das bekannteste Beispiel dafür ist und bleibt wohl Beyoncé mit ihrem selbstbetitelten Album von 2013. Dass nicht nur Pop-Acts sich dieses Schemas bedienen, sondern auch Indie-Größen, beweisen Bon Iver diese Woche mit I,I. Ursprünglich für Ende August angekündigt, durften sich Fans der Band bereits Donnerstagabend über acht Tracks des Albums freuen, seit Freitag kann man das komplette Album digital hören.

Woher?

Mastermind Justin Vernon veröffentlicht mit seinem Folk-Projekt seit mehr als zehn Jahren immer wieder Musik zum Träumen und Dahinvegetieren. Mit „Skinny Love“ ist der Band schon auf ihrem Debütalbum FOR EMMA, FOREVER AGO ein weltweiter Hit gelungen, der unumstritten als moderner Klassiker im Indie-Genre anerkannt werden darf. Einige Jahre später erlangte der Track nochmal große Aufmerksamkeit, als die britische Sängerin Birdy eine Cover-Version veröffentlichte. Mit der Zeit wurden Bon Iver experimentierfreudiger beim Klang ihrer Musik: Auf dem 2016 erschienenen Album 22, A MILLION vermischten sie ihren wohlbekannten, warmen Indie-Folk erstmals mit elektronischen Elementen und Industrial-Experimenten. Träumen konnte man dazu immer noch, auch wenn man öfter mal dabei wachgerüttelt wurde von Synthesizern und der Auto-Tune-verzerrten Stimme Vernons.

Warum?

I, I ist sowohl eine Rückkehr zu den Anfängen der Band, als auch eine Weiterführung des neueren, elektronischen DNA. Justin Vernon selbst bezeichnet die Platte als das „erwachsenste Album“ seiner Karriere: „Es fühlt sich an wie ein Sonnenuntergang. Man reflektiert das Leben, das man bisher gelebt hat und eröffnet sich so neue Perspektiven.“ Eine dieser Perspektiven war anscheinend die Findung einer Balance im Sound. Die elektronischen Elemente sind reduzierter und laden Hörer und Hörerinnen einmal mehr zum Abschalten vom Alltag ein – ohne laute Geräuschkulisse. Der ideale Feierabend-Soundtrack.

Brutale Maskenmänner zwischen Zukunft und Vergangenheit

Christina empfiehlt:
WE ARE NOT YOUR KIND von Slipknot (Roadrunner)

Was?

Slipknot We Are Not Your Kind Cover

Ein einstündiger, nicht enden wollender Albtraum: Das und nicht weniger haben Slipknot mit ihrem sechsten Studioalbum geschaffen. Nach fünfjähriger Wartezeit waren die Erwartungen hoch, und die Band antwortet darauf mit einem Level an Aggression, Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit, das selbst nach ihren Maßstäben beeindruckend ist. WE ARE NOT YOUR KIND ist eine Kampferklärung, die zwischendurch nur mal verheißungsvoll ruhig und melodisch ist, um hinterher noch härter draufhauen zu können.

Woher?

1995 gegründet, wurden Slipknot spätestens mit ihrem zweiten Album IOWA zu einer der prägendsten Bands für die Post-Nirvana-Generation – Wutmusik für frustrierte Teens; für viele die Band, die sie mit Metal in Berührung brachte. Sie surften neben Korn, Limp Bizkit und Linkin Park ganz oben auf der Nu-Metal-Welle, so heavy und brutal wie der maskierte Neuner aus Des Moines, Iowa, war jedoch keiner. Und anders als ihre damaligen Genre-Kollegen (mal abgesehen von Linkin Park, deren Erfolgskarriere tragisch durch den Tod von Sänger Chester Bennington beendet wurde), sind sie damit zu einer der größten Metal-Bands der Gegenwart aufgestiegen.

Warum?

Slipknot schaffen auf WE ARE NOT YOUR KIND den Spagat zwischen Weiterentwicklung und Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln. Songs wie „Orphan“ und „Solway Firth“ erinnern an die rohe Aggression der IOWA-Tage, das schizophrene „A Liar’s Funeral“ und das verstörend friedliche „Spiders“ zeigen uns wiederum neue Seiten der Band. Damit ist das Album keine reine Nostalgie-Nummer für die Ewiggestrigen, sondern ein intensives, wenn auch von Höhen und Tiefen durchzogenes Erlebnis. Mal ganz abgesehen davon, dass sich hier von Jay Weinbergs exzellentem Drumming über Sid Wilsons und Craig Jones’ elektronisch-verschrobene Klangexperimente bis hin zu Corey Taylors bestialischem Gesang jeder Musiker in Bestform zeigt.

Sanfter Wellengang statt Big Wave

Simon empfiehlt:
WAVE von Ufo361 (Stay High)

Was?

Ufo361 Wave Cover

Nach seinem letztjährigen Album VVS hatte Ufo361 eigentlich medienwirksam sein Karriereende angekündigt, aber wie schon des Öfteren im HipHop-Kosmos geschehen, lies der Rücktritt vom Rücktritt nicht lange auf sich warten, und Ufo meldete sich im März diesen Jahres mit der Single „Pass auf wen du liebst“ und der Ankündigung eines neuen Albums zurück. Nachdem sich WAVE nun ein knappes halbes Jahr aufgetürmt hat, trifft es also auf die Küste von Rapdeutschland. Die erwartete Tsunami-artige Verwüstung bleibt allerdings aus – es wird zwar ordentlich Welle gemacht, in ihrer Gesamtheit wirkt die Platte aber eher wie sanftes Meeresrauschen – inklusive Flipper-Zirpen.

Woher?

Ufuk Bayraktars Weg vom Mitglied der Graffiti-Crew THC bis zum gefeierten Rapsuperstar verlief über Umwege. Der Kreuzberger hatte lange Zeit das Image des talentierten, lustigen und verkifften HipHop-Heads, der zwar Szene-intern gehypt wurde, aber den man im Leben nicht zugetraut hätte, ein paar Jahre später zusammen mit Future auf der splash! MainStage vor tausenden Menschen zu performen. Ufo hatte offensichtlich andere Pläne. 2015 vollzog der Rapper einen radikalen Umbruch, tauschte Kick, Snare und Sample mit düsteren 808s und hypnotischen Synthies – „Ich bin ein Berliner“ war geboren. Ein veritabler Hit, dem noch zahlreiche folgen sollten.

Warum?

Der König ist tot, lang lebe der König! Im Fall von Ufo361: der Kaiser. WAVE sollte das fulminante Comback des Rappers aus Berlin werden, das ihm auch geglückt ist – zumindest stellenweise. Leider bleibt das Album etwas hinter den Erwartungen zurück. Nach der, für das Stay High-Oberhaupt, untypisch langen Schaffenspause und trotz Top-Producern und Feature-Gästen der Rap-Königsklasse, wirkt WAVE leider wie eine Verlängerung des Vorgängeralbums VVS. Klar, Ufo trifft damit den Nerv der Generation Moshpit, und die Dichte der Hits steht außer Frage, allerdings wäre inhaltliche Qualität statt Quantität wünschenswert gewesen. Die immer gleichen Themen: Models, Geld, Autos und Schmuck vermitteln teilweise Innovationslosigkeit und machen WAVE zu einem austauschbaren Album. Es gibt aber auch Lichtblicke, auf „Monster“ zeigt sich Ufo mit Unterstützung von Kontra K von seiner politischen Seite und reflektiert die Auswirkungen des Kapitalismus – mehr davon, bitte!

Retroverliebter Dream-Pop für die Generation „Stranger Things“

Laura empfiehlt:
MEMORY EMOTION von Electric Youth (Last Gang)

Was?

Electric Youth Memory Emotion Cover

Der melancholische Dream-Pop von Electric Youth ist wie eine Zeitmaschine in die 80er. Viel Hall, satt pluckernde Drumcomputer und sphärische Synthchöre lassen an „Blade Runner“ denken, oder an „Stranger Things“. Man fühlt sich direkt nach Twin Peaks versetzt, in das verrauchte Hinterzimmer mit dem roten Vorhang, in dem Julee Cruise das traurig-schöne „Falling“ ins Mikrofon haucht. MEMORY EMOTION ist ein musikalisches In-Erinnerung-Schwelgen. Melancholische Nostalgie, die sich so schön anfühlt, dass man weinen möchte.

Woher?

Die Filmassoziationen sind kein Zufall, hatte das kanadische Duo Austin Garrick und Bronwyn Griffin doch mit seinem Song „A Real Hero“ 2011 seinen Durchbruch, als der auf dem Filmsoundtrack zu „Drive“ eine Schlüsselszene untermalte. Seitdem haben sie weitere Filmscores geschrieben, mit Gesaffelstein kollaboriert und mit keinem Geringeren als Soundscape-Guru Ryuichi Sakamoto der japanischen Electro-Pionierband Yellow Magic Orchestra. 

Warum?

Die Musik von Electric Youth berührt auf eine so tiefe Art, weil ihre Entstehung der urromantischen Vorstellung des verliebten Künstlerpärchens so perfekt entspricht. Garrick und Griffin kennen sich seit der achten Klasse und sind seitdem ein Paar. Statt im Studio produzierten sie MEMORY EMOTION von zu Hause aus, umgaben sich mit Kinderzeichnungen und Gegenständen aus ihren gemeinsam verbrachten Jahren. Wenn sie Songs schreiben, suchen sie in ihnen nach dem, was sie „DHM“ nennen – deeper hidden meaning. Ein schwer zu beschreibendes Gefühl, eine körperliche Reaktion, die sich unbewusst beim Hören einstellt. MEMORY EMOTION ist 43 Minuten reinste DHM.