Releases der Woche

Von Snoop Dogg bis Shura, von Snoh Aalegra bis Press Club

Power-Punk zwischen Sonnenschein und Teenage Angst

Christina empfiehlt:
WASTED ENERGY von Press Club (Hassle)

Was?

Press Club WASTED ENERGY Cover

The Distillers meets Paramore, anyone? Press Club tänzeln auf ihrem zweiten Album mühelos zwischen grungig-rauem Alt-Rock und energischem Indie-Punk hin und her – mal verträumt und zart, mal aggressiv und wild, aber in jedem Moment mitreißend. Dabei muss man fast schon zweimal hinhören, um neben den fuzzy Gitarren und catchy Hooks die bittersüß ehrlichen Texte über innere und äußere Tumulte wirklich sinken lassen zu können. „I keep saying I’m fine, I hate it“, heißt es bereits im Opener „Separate Housesviel optimistischer wird es anschließend nicht mehr.

Woher?

Im März 2018 haben Press Club ihr Debüt LATE TEENS veröffentlicht, doch erst Anfang des Jahres machte Hassle Records das Album auch in Europa verfügbar – die Wartepause zum Nachfolger war für heimische Fans also denkbar kurz. In seiner Heimat gilt der Vierer aus Melbourne, da am südlichsten Zipfel Australiens, bereits als das next big thing – und ihre Herkunft hört man der Band an, trägt ihre Musik doch selbst in den härtesten Moment eine Leichtigkeit in sich, die sofort an Sonne und Strand erinnert.

Warum?

Auf WASTED ENERGY findet sich kaum ein Refrain, bei dem man nicht sofort die Faust emporstrecken und mitgrölen will. Für diese Eingängigkeit opfern Press Club jedoch nicht ihre Ecken und Kanten und klingen niemals stumpf. Die Band hat es geschafft, die Live-Energie eines schwitzigen Kellerclub-Konzerts auf Platte zu bannen. Das größte Ass im Ärmel ist dabei ganz klar Sängerin Natalie Foster, deren emotionale Power-Darbietung in der heutigen Punkszene ihresgleichen sucht.

Ein Soundtrack für zeitgenössische Romantiker

Kai empfiehlt:
FOREVHER von Shura (Secretly Canadian)

Was?

Shura FOREVHER Cover

Die Londoner Singer/Songwriterin erzählt ihre ganz persönliche Liebesgeschichte, die moderner nicht sein könnte: Online lernt sie eine ganz besondere Person kennen, woraus mit der Zeit eine tiefe, ehrliche Beziehung entsteht. Die emotionale Reise lässt sich laut Shura in Farben erklären – besser gesagt: in einer – einem sich immer verändernden Blau. Der finale Farbton wurde schließlich auf dem Cover von FOREVHER verewigt. Wie das klingt? Nach warmem, reduziertem und wohltuendem Indie-Pop. Eine ideale Begleitung für den anrückenden Spätsommer.

Woher?

Aufgewachsen ist Aleksandra Denton, wie Shura bürgerlich heißt, in einem Stadtteil im Südwesten von London. Die Einflüsse von Brit-Pop und Alternative Rock der Indie-Hauptstadt sind in ihrer Musik deutlich rauszuhören. Als Inspirationsquellen nennt sie aber auch Größen wie Madonna, Mariah Carey oder Phil Collins. Diese Mischung verhilft Shura recht gut zu einem individuellen Sound, der heraussticht innerhalb des Indie-Genres. Drei Jahre nach ihrem Debüt NOTHING’S REAL bleibt sie ihrem leichten, verspielten Sound treu, ohne langweilig zu werden.

Warum?

Shura lebt seit Beginn ihrer musikalischen Karriere offen queer, ohne es als offensichtlicher Bestandteil ihres Images zu tun. Ersichtlich wird das erst, wenn man ihren Liedern, dabei vor allem den Texten, aufmerksam zuhört. Steckt da die Angst vor einer festgestampften Kategorisierung als queere Künstlerin dahinter? Nein. Shura selbst möchte Hörer und Hörerinnen gezielt erst beim zweiten oder dritten Hören auf die queere Thematik aufmerksam machen. Für sie ist Liebe universell und nicht an Geschlechter gebunden. So einfach ist es nämlich. Ein reflektierter Ansatz, der hoffentlich bei vielen Menschen wirken wird!

Mentale Zerreißprobe mit Ohrwurmpotential

Christina empfiehlt:
EVERYTHING THAT DIES SOMEDAY COMES BACK von Uniform & The Body (Sacred Bones)

Was?

Uniform & The Body EVERYTHING THAT DIES SOMEDAY COMES BACK Cover

Was passiert, wenn man zwei der herausforderndsten Bands im Reich extremer, experimenteller Musik zusammensperrt? Genau das hier. Uniform & The Body erschaffen zusammen einen Irrgarten im Spannungsfeld von Noise, Industrial und Post-Everything-Wahnsinn. Stampfende Beats werden durchfahren vom markerschütternden Gequieke von The Bodys Chip King, dazwischen speit Uniforms Michael Berdan angewidert seine Texte hervor. Bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Gitarren dröhnen überlagert von Reverb und Distortion, während aus den düstersten Untiefen dieses Krachs immer wieder verschrobene Melodien hervorkriechen und das Ganze nur noch schizophrener klingen lassen.

Woher?

Hier handelt es sich um Wiederholungstäter: Bereits 2016 haben Uniform & The Body ihr gemeinsames Debüt MENTAL WOUNDS NOT HEALING veröffentlicht, nun geht die Kollab also in die zweite Runde. Dabei werden beide Bands auch alleine mächtig gehypet – und das zurecht. Während Uniform raue Post-Punk-Vibes versprühen, sind The Body gemeinhin eher in Sludge- und Doom-Kreisen zuhause. Eine Vorliebe für krasse Noise-Experimente ist ihnen jedoch gemein.

Warum?

Keine Hoffnung, kein Licht, kein Happy End: EVERYTHING THAT DIES SOMEDAY COMES BACK ist eine kalkulierte Zerreißprobe für die Nerven. Aber wer durchhält, wird belohnt mit alles vernichtenden Songs wie „Vacancy“ und „Penance“, die es auf mysteriöse Weise schaffen, echt catchy zu sein. Und da zeigt sich, dass hier eben nicht nur wild Krach produziert wurde, sondern noch viel mehr hinter der ziemlich fiesen Fassade steckt. Außerdem: Dass Uniform & The Body mit diesem Album ausgerechnet Bruce Springsteens NEBRASKA zitieren (vgl. „Atlantic City“) ist so skurril, dass man nur noch beeindruckt den Kopf schütteln kann.

Energischer Herzschmerz-Pop ohne Klebegefahr

Kai empfiehlt:
YOU RUINED NEW YORK CITY FOR ME EP von FLETCHER (Capitol)

Was?

Fletcher YOU RUINED NEW YORK CITY FOR ME Cover

FLETCHER bedient sich schon immer der Themen, die im Pop wieder und wieder durchgekaut werden: Lust, Verlangen, Enttäuschung – ja, Liebe. Auf YOU RUINED NEW YORK CITY FOR ME macht sie keine Ausnahme. Interessant ist dabei, dass die Musik der Sängerin erwachsener wird, ohne an der gewohnten Dramaturgie zu verlieren. FLETCHERs Texte werden persönlicher und damit stärker, die Melodien neigen zu einem hymnenhaften Aufbau. Damit kommt Pop auch ohne Einflüsse von HipHop oder EDM aus. 

Woher?

Die US-Amerikanerin startete als Schauspielerin und erlangte 2011 durch die Castingshow „The X Factor“ erste nationale Aufmerksamkeit. Gewonnen hat sie nicht und besuchte erstmal eine Akademie mit Schwerpunkt Musik an der New York University. Daraufhin verschlug es das junge Talent für eine kreative Schaffensphase nach Nashville, wo die Musikerin an ihrem ersten eigenen Material arbeitete. Die Ergebnisse reflektierten den Standort: FLETCHER veröffentlichte Pop-Stücke mit starken Country-Elementen. Über die Zeit reduzierten sich diese Teile jedoch und formten den heutigen Sound der Sängerin: eingängige, groß produzierte Power-Balladen mit Herz, ohne klebrigen Schnulzeffekt.

Warum?

Der Wandel von Country zu Pop ist bei FLETCHER keinesfalls mit der 360-Grad-Wende von Taylor Swift zu vergleichen. FLETCHER arbeitete von der ersten Stunde an mit klassischen Elementen des Instrumental-Pop, wo sich ab und an das eine oder andere Banjo raushören ließ. Anscheinend hat New York City die Sängerin dann doch wieder eingeholt, denn Nashville wurde als musikalische Inspiration hinaus befördert. Das trifft sich gut, wenn man auf dem internationalen Musikmarkt Fuß fassen möchte. Die neue EP könnte sich als der nächste große Schritt in diese Richtung erweisen. 

Zeitreise durch eine Erfolgsgeschichte

TILL EMPFIEHLT:
I WANNA THANK ME VON SNOOP DOGG (DOGGYSTYLE / EMPIRE)

WAS?

Releases der Woche Snoop Dogg

Snoop Dogg blickt auf 17 Alben und über 25 Jahre Karriere zurück. Dafür klopft er sich selbst auf die Schulter und kredenzt nicht nur einen wilden Mix aus jenen Genres, an denen er sich im Laufe der Jahre versucht hat, sondern trommelt auch eine illustre Feature-Riege beisammen, sodass I WANNA THANK ME anmutet wie eine 22 Songs umfassende Jam-Session durch die Zeit und die eigene Historie. 

Woher?

Der Doggfather begrüßt auf einem überwältigenden Gros der Songs Gäste, deren Beiträge meist in irgendeinem näheren Zusammenhang mit Snoops bisherigem Schaffen stehen. Selbst der verstorbene Nate Dogg ist zu hören, außerdem tummeln sich Veteranen wie Slick Rick neben der brasilianischen Sängerin Anitta oder Rae-Sremmurd-Hälfte Slim Jxmmi. Leider geben sich auch Frauenschläger Chris Brown und Ober-Arschloch Russ die Klinke in die Hand. Ebenso bunt wie die Besetzung ist die musikalische Aufmachung ausgefallen, die einem zum Abschluss sogar einen in Nostalgie schwelgenden Snoop Dogg auf ratternden 808’s vorsetzt. I WANNA THANK YOU klappert Snoops Einflüsse und Höhepunkte ab, fügt sich aber schlüssig zusammen. Da prallt dann halt mal eine 808-Cowbell straight outta Memphis auf klassische Bay-Area-Basslines und wohlig vertraute G-Funk-Synthies. Zum Glück wird nicht wirklich alles abgefrühstückt, wo die Long-Beach-Ikone schon ihre Schnüffelnase reingesteckt hat – ein Reggae-Bezug bleibt beispielsweise aus, dafür gibt es haufenweise Jazz-, RnB und Gospeleinflüsse.

Warum?

Snoop Dogg kann es sich erlauben, ein Album nur für sich selbst zu machen. Und das ist I WANNA THANK ME geworden. Dabei beschränkt die Laudatio in Albumform sich aber nicht nur auf Flexerei und Egogewichse. Zuweilen wird Snoop sogar politisch und beschäftigt sich neben mit der eigenen auch mit der Amerikanischen Geschichte und Themen wie Sklaverei und Ungleichheit. Trotzdem will er natürlich den Rest seines Lebens kiffen und schlussendlich bewaffnet beerdigt werden. Was auch sonst? Ist halt nach wie vor ein gottverdammter OG, der Snoop Doggy Dogg.

Authentischer R’n’B zwischen rosaroter Brille und Rosenkrieg

Simon empfiehlt
– UGH, THOSE FEELS AGAIN Von Snoh Aalegra (Artrium & AWAL)

Was?

Release der Woche Snoh Aalegra

Für alle, die der Aufforderung: „Lass uns über Gefühle reden!“ gerne aus dem Weg gehen, gibt es jetzt den passenden Albumtitel: – UGH, THOSE FEELS AGAIN. Doch Snoh Aalegras zweites Album ist alles andere als eine Ode an die Ekpathie, wie schon auf dem Vorgänger FEELS offenbart die schwedische Sängerin kompromisslos ihre Emotionen. Keine aufgeblasenen Produktionen, kein unnötiger Kitsch – die samtweiche Stimme der Sängerin entzieht sich dem engen Korsett üblicher Herzschmerz-Konzept-Alben und hüllt den Hörer stattdessen in eine wohlige Kaschmirdecke für eine Achterbahnfahrt der Gefühle rund um das Thema Liebe.

Woher?

Hierzulande gilt Snoh Aalegra noch als echter Geheimtipp, wenn es um authentische Soulmusik mit einer Stimmgewalt geht, die jeden noch so großen Eisblock zum Schmelzen bringt. Blickt man aber über den großen Teich Richtung USA, wird die gebürtige Schwedin mit persischen Wurzeln bereits als kommender Stern am R’n’B Himmel gehandelt. Hohe Erwartungen, doch Snoh bringt auch die optimalen Voraussetzungen mit, um dieser Rolle gerecht zu werden: Erster Plattenvertrag mit 14 Jahren, divenhaftes Aussehen und als i-Tüpfelchen war niemand Geringeres als Prince (RIP) ihr Mentor. Mit ihrem neuen Album – UGH, THOSE FEELS AGAIN erklimmt Snoh Aalegra die nächste Sprosse in Richtung R’n’B-Olymp.

Warum?

– UGH, THOSE FEELS AGAIN ist eine Liebesgeschichte gegliedert in zwei Akten. Der erste Akt handelt von dem wohl schönsten Abschnitt einer jeden Beziehung: der Honeymoon-Phase. Auf seichten souligen Produktionen liefert Aalegra den perfekten Soundtrack für alle frisch Verliebten mit Schmetterlingen im Bauch. Im zweiten Akt ziehen allerdings Gewitterwolken am Horizont auf und die anfängliche Happiness vollzieht eine 180-Grad-Wende. Der Klangteppich wird ruppiger, auch die BPM erhöhen sich und die schwedische Sängerin zieht emotionale Lehren aus vergangenen gescheiterten Beziehungen. R’n’B wie er leibt und lebt.