Releases der Woche

Von Deichkind bis JuJu Rogers, von Telefon Tel Aviv bis LockeNumma19

Deichkind Wer sagt denn das?

Tausendmal (nicht zuletzt aus den eigenen Reihen) totgesagt, tausendmal wieder auferstanden: Das selbsternannte „gewinnorientierte Unterhaltungsunternehmen, das unter Verwendung verschiedener künstlerischer Strategien am Austausch über die bestehenden Verhältnisse teilnimmt“ Deichkind beweist am heutigen Freitag einmal mehr, dass es bei Weitem nicht unmöglich ist, hochkomplexe und politische Sachverhalte in maximal clubtaugliche musikalische Produktionen zu verweben. Nach dem Weggang von Ferris MC im vergangenen Herbst trumpft das Hamburger Kollektiv mit einer Platte auf, die den momentanen Zeitgeist fast noch präziser zu Fassen kriegt als Greta Thunberg und Rezo im Tagteam. So kompakt, vielseitig, kritisch und zugleich deutungsoffen hat man das Krawall-Kommando auf Album-Länge nie zuvor erlebt. Chapeau!

JuJu Rogers 40 Acres N Sum Mula

Alle suchen ja immer nach dem deutschen Kendrick Lamar. Ich zwar nicht, aber meinetwegen: Hier habt ihr ihn. JuJu Rogers rappt zwar auf Englisch, kommt aber aus Schweinfurt und lebt ihn Berlin – von seinen Wohnsitzen abgesehen, ist er aber auch ein begnadeter Musiker, der Beats verschiedenster Couleur, meist beruhigend boombapig und durchzogen von Jazz-Einflüssen nicht nur berappt, sondern auch darüber singt, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Das hört sich nicht nur wunderbar an, sondern erzählt auch noch von Sklaverei und Unterdrückung, von Wünschen und Träumen und letztlich von der großen Freiheit. Die Themen werden zwar nicht besonders tiefschürfend behandelt, sind aber an glaubhafte Emotionen gekoppelt – und außerdem klingt 40 ACRES N SUM MULA schlichtweg grandios.

Telefon Tel Aviv Dreams Are Not Enough

Wie soll man künstlerisch weitermachen, wenn der eigene musikalische Partner und Bandkollege plötzlich stirbt? Josh Eustis, eine Hälfte des US-amerikanischen Ambient-IDM-Duos Telefon Tel Aviv, musste sich in den vergangenen zehn Jahren mit genau dieser Frage auseinandersetzen, nachdem sein Kollege Charles Cooper 2009 überraschend gestorben war. Eustis arbeitete seitdem als Produzent mit Größen wie Nine Inch Nails , Vatican Shadow und Apparat zusammen. DREAMS ARE NOT ENOUGH ist nun das erste Album seit Coopers Tod unter dem Moniker Telefon Tel Aviv. Entsprechend düster und nachdenklich ist es ausgefallen: Leftfield-Soundscapes erinnern an Boards of Canada, Eustis Gesang schwirrt hauntologisch durch riesige Klangräume, in denen die verschleppten Beats wie geisterhafte Schritte verhallen.

LockeNumma19 059

Neue Ware aus dem Hause Hutmacher Entertainment– dieses Mal vom Spieler LockeNumma19. Der jüngste Schützling aus dem Memphis-Rap-Kollektiv gibt mit 059 sein Solodebüt unter dem schützenden Schirm des Hutes. Den Tonträger gibt es, wie bei HME üblich, nicht nur digital, sondern auch für alle Haptik-Liebhaber in Zellophan vakuumiert auf Tape. Auf den insgesamt neun Tracks zeigt sich der echte Eins-Neuner hungrig, angriffslustig, und liefert Charlottenburger Hood-Tales par excellence. Die dafür passende rabiate und düstere Soundkulisse wird überwiegend vom hausinternen Engineer Al Majeed bereitgestellt, aber auch Kevdunk und DJ Creep steuern Bretter bei, deren Bässe die Heckklappen von tiefergelegten Opel Astras scheppern lassen. Mit Klapse Mane, Big Toe und den Saftboys (allesamt Hutmacher Label-Kollegen) bleibt auch der Kreis an Feature-Gästen klein – HME ist die Gang.
059 ist alles andere als peinlicher Lokalpatriotismus, sondern Locke liefert echte Zeilen aus dem Alltag im Danckelmannkiez.