Releases der Woche

Von Danny Brown bis Kim Petras, von Summer Walker bis GosT

Danny Brown uknowhatimsayin¿

Bei Danny Brown hat sich einiges verändert: Wo einst eine ungezähmte, filzig-strubbelige Mähne war, thront heute eine akkurat getrimmte Kurzhaarfrisur. Die markante Zahnlücke weicht einem strahlenden Zahnpastalächeln. Doch nicht nur an der optischen Front hat sich einiges getan: Offenbar haben zwei Alben voller trippiger Drogenausflüge und Weirdo-Eskapaden dem chaotischen Detroiter erstmal gereicht.  Auf UKNOWWHATIMSAYIN¿ wirkt Danny Brown aufgeräumt und strukturiert, weiß genau, was er erzählen und wie er klingen will – letzteres nicht zuletzt dank der Zuarbeit von Tribe-Called-Quest-Ikone Q-Tip, der für ein Gros der Tracks die Schirmherrschaft über die Produktion innehatte. Die klingt aber noch immer überdreht, exzentrisch und durchweg synthetisch, Danny rappt noch immer manisch-überdreht und bleibt trotz ehrlicher Reflexionen und autobiographischer Aufarbeitungen, etwa in „Dirty Laundry“, ein exzentrischer Paradiesvogel – nur eben bereichert um einige spannende Facetten.

Kim Petras Turn Off The Light

Die ersten Spekulatiuspäckchen stehen bereits in den Supermarktregalen, auch der ein oder andere Schoko-Weihnachtsmann lässt sich schon erwerben. Ja, langsam aber sicher rückt die Weihnachtssaison näher. Daran scheint Kim Petras nicht besonders interessiert und veröffentlicht ein Album, das sich ganz dem Gruselwahn von Halloween widmet. Bereits letztes Jahr erschien der erste Teil des Werks, TURN OFF THE LIGHT, VOL. 1. Nun präsentiert die Kölner Künstlerin, die schon seit mehreren Jahren in Los Angeles lebt und arbeitet, die gesamte Kollektion ihrer furchteinflößenden Tracks. Titel wie „There Will Be Blood“ oder „Massacre“ halten, was sie versprechen: monströse Lyrics, die kannibalistischen Wahnsinn mit Liebe vereinen und sich dabei verdammt spaßig anfühlen. All die unter uns, die mit Disney-Klassikern wie „Hocus Pocus“ und „Halloween Town“ aufgewachsen sind, oder „Sabrina: Total verhext“ genauso gefeiert haben wie „Scooby-Doo“, werden sich in die düster-verspielten Bubblegum-Hymnen von Kim Petras sofort verlieben. Eine Pop-Ode an die wohl unheimlichste Zeit im Jahr.

GosT Valediction

Seit sechs Jahren bringt der mysteriöse Amerikaner Baalberith hinter dem Ein-Mann-Projekt GosT nun schon mit seiner düsteren Synthwave-Inkarnation die Hüften geneigter Satanisten zum Schwingen. Sein Major-Debüt VALEDICTION beweist, dass dieser grenzüberschreitende Style spätestens jetzt aus den finstersten Ecken des Undergrounds in den Metal-Mainstream übergeschwappt ist. Wie schon der Vorgänger POSSESSOR andeutete, verschmilzt GosT hier mehr denn je tanzbare, catchy Synth-Melodien mit rauer Metal-Aggression. Von Blastbeats und Gitarren bis hin zu Shrieks und Goth-Gesang zeigt sich der Produzent so vielseitig wie nie zuvor. Das Ergebnis ist auf jeder Ebene blasphemisch; ein absoluter Horror-Trip durch die Achtziger – im besten Sinne.

Summer Walker Over It

Die 23-jährige Multi-Instrumentalistin Summer Walker wurde von keinem Geringeren als Drake auf Instagram entdeckt und konnte bereits einen vielversprechenden Karrierestart hinlegen. Erst im Oktober 2018 veröffentlichte die Sängerin und Songschreiberin ihr Debüt LAST DAYS OF SUMMER, heute folgt mit OVER IT ihr neuestes Werk. Die Stimmung darauf schreitet zwischen lasziv-verführerisch („Tonight“, „Stretch You Out“) und bittersüß verliebt („Potential“, „Nobody Else“). Die Produktion orientiert sich dabei stark am kontemporären R’n’B, vermischt mit Elementen aus HipHop und Soul, letzteres wird vor allem durch die verträumte Stimme von Summer untermalt. Mit „Fun Girl“ findet sich sogar ein kurzer, starker akustischer Song, bei dem die Sängerin sich lediglich von einer Gitarre begleiten lässt. Gastbeiträge von Usher und 6LACK sorgen dazu für eine gelungene Abwechslung. Wer sich bei Künstlerinnen wie Kehlani oder Jorja Smith zuhause fühlt, sollte sich OVER IT nicht entgehen lassen.

Carla dal Forno Look Up Sharp

Drei Jahre nach ihrem Debütalbum YOU KNOW WHAT IT’S LIKE meldet sich die australische Klangforscherin mit einem Album auf ihrem neugegründeten Label Kallista Records zurück. Wie der Vorgänger hat LOOK UP SHARP nichts von dem hypnotischen Sog eingebüßt, mit dem Carla dal Forno in ihren Bann zu ziehen weiß. Ihre geisterhaften Vocals verbinden sich mit sphärischen Synths, Dream Pop trifft auf Post-Punk und melancholische Schwere, die gleichzeitig federleicht über allem zu schweben scheint. Wie ihr Debüt-Hit „Fast Moving Cars“ scheint auch hier alles in Bewegung, getrieben, in schlaflosen Nächten geschrieben. Die gewisse Trägheit, die man auf dem ersten Album noch zu hören glaubte, hat sich in der chaotischen Stadt aufgelöst. Von ihrer Wahlheimat Berlin, wo ihr erstes Album entstand, ist Carla da Forno ins hektische London gezogen. LOOK UP SHARP erzählt von diesem Leben im Wandel, von der Sehnsucht nach dem Ankommen, nach Intimität, aber auch vom Sich-Einlassen, vom Unbekannten und der Schönheit des Unsteten.