Releases der Woche

Von Kummer bis 808 State, von Binho bis Blut aus Nord

Kummer KIOX

Felix Kummer – bis dato in erster Linie als Stimme und Gesicht der Band Kraftklub bekannt – galt vielen bisher lediglich als gut gelaunter Entertainer. Auf seinem ersten Soloalbum zeigt der Chemnitzer nun ein völlig anderes Gesicht: KIOX ist eine düstere Spiegelung persönlicher und gesellschaftlicher Sackgassen, ist rührende Heimathymne und entschiedenes Anti-Alpha-Manifest in einem. Zwölf Songs mit zwölf gänzlich unterschiedlichen Themenschwerpunkten haben am Ende doch stets eines gemeinsam: Jedes einzelne Werk im Kosmos KIOX verbindet kluge und hochpolitische Zeitgeistanalyse mit bedrückend ehrlicher Selbstbetrachtung. Kummer hat Rap am heutigen Freitag ein bisschen trauriger gemacht. Dafür aber auch ein ganzes Stück besser.

808 State Transmission Suite

Jede Wette: Selbst wenn man keine Ahnung von Acid House hat und glaubt, nichts von 808 State zu kennen: Irgendwas klingelt, wenn man das cheesy Saxophon-Solo von „Pacific State“ über dem im Rave-Kontext ikonisch gewordenen Sample des Seetaucher-Vogelrufs hört. Ende der 80er in Manchester gegründet, bildeten sie quasi die Brücke zwischen New Wave und Clubkultur. Sie prägten nach The Smiths und New Order gemeinsam mit Bands wie den Happy Mondays den Sound ihrer Heimatstadt und erfanden den aufgekratzten Rave-Sound der MDMA-affinen „Madchester“-Kids rund um den legendären Club Haçienda. 17 Jahre sind seit ihrem letzten Album vergangen. Nun melden sich die verbliebenen Mitglieder Graham Massey und Andy Barker zurück. Statt Nostalgie spürt man hier erfreulicherweise erstaunlich viel Aufbruch, Frischheit, Energie. Breakbeats, paranoide Synths und natürlich die typisch giftenden Acid-Sounds passen perfekt ins momentane Rave-Revival einer neuen Generation, die den Sound von damals entdeckt und für sich neu interpretiert.

Blut aus Nord Hallucinogen

Seit einem Vierteljahrhundert loten Blut aus Nord die Grenzen dessen aus, was Metal sein kann, sein darf – und überschreiten sie dann mit wehenden Fahnen. Nachdem das mysteriöse Studioprojekt um Mastermind Vindsval zuletzt mehr und mehr in karge Industrial-Landschaften abgedriftet war, folgt nun mit HALLUCINOGEN der krasse Kurswechsel: Mit progressiven Strukturen, erhabenen Melodien und ausuferndem Riffing sowie dichten, vielseitigen Kompositionen erfinden sich die Franzosen einmal mehr neu. Der Trve-Elite der Szene wird angesichts dieser Farbenfreude wohl vor Schreck das Corpsepaint aus den Gesichtern fallen, alle anderen können sich über ein transzendentes und freigeistiges Metal-Erlebnis abseits aller Plattitüden freuen.

Binho Segen oder Fluch

Auf OG Keemo kann sich 2019 jeder einigen. Der Shootingstar hat aber eine ganze Gang hinter sich: den Zonkeymobb, kurz ZNK, dem neben Keemos kongenialem Hausproduzenten Funkvater Frank auch der Beatbastler ZNKMO, Rapper Inu und eben Binho angehören. Letzterer debütiert nun mit seiner sieben Songs starken EP SEGEN ODER FLUCH und beweist, dass er sich nicht im Schatten von Senkrechtstarter Keemo verstecken muss. Klar, der Mobb wird durch sein Faible für düster-wuchtige Produktionen, die irgendwo zwischen Trap und Bummtschack zu verorten sind und natürlich aus den Maschinen von Frank und Mo stammen, zusammengehalten. Die verschwurbelte, A$AP-inspirierte Kleingauner-Ästhetik zieht sich auch durch Binhos Schaffen. Der ist aber ein völlig eigenständiger Charakter, rappt außerdem deutlich schnörkelloser als Keemo es tut und spielt mit seiner rauen Stimmfarbe. Dank „Diplomatenstatus“ darf Binho nicht nur kiffen, wo er will, auch darüber hinaus dreht es sich in erster Linie ums Drehen diverser Dinger (hehe). Das wird zwar nie detailliert auserzählt, sondern eher in griffigen Punchlines verpackt, lässt aber auch nicht an krimineller Expertise vermissen. Ganz schlimmer Finger, der Binho. Ganz starker Rapper aber auch und mit Sicherheit nicht nur irgendein Sidekick!