Releases der Woche

Von Gucci Mane bis Joesef, von Refused bis Floating Points

Gucci Mane Woptober II

Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass uns Gucci Mane eines Tages auf einem Album-Cover gesund, glücklich und auf eine Massageliege gebettet mit einem Zahnpastalächeln angrinsen wird? Nicht nur das Artwork von WOPTOBER II spricht Bände für die Verwandlung des Guwop vom Saulus zum Paulus, auch inhaltlich bekommt man den „neuen“, reflektierenden Radric Davis zu hören, der positiv in die Zukunft blickt. Erfolgreiches Reflektieren bedarf aber auch der Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit und so nimmt Gucci kein Blatt vor den Mund, wenn er beispielsweise auf „Came From Scratch“ zu seinem ehemaligen und legendären Ice-Cream-Gesichts-Tattoo Stellung bezieht. Mit der Line: „I’m changing the climate like global warming“ überrascht uns La Flare auch mit einem Hauch von Sozialkritik. Den Blick Richtung Zukunft gerichtet, hat sich Gucci auch die Frau und den Mann der Stunde als Feature-Gäste auf das Album geholt: Megan The Stallion & DaBaby, dazu gesellt sich eine illustre Runde aus Atlantas Rap-Elite. Insgesamt ist WOPTOBER II ein solides Album, das zwar wenig Überraschungen bereithält, aber der Optimismus und die Postivity von Gucci sind fast schon ansteckend und machen gute Laune.

Refused War Music

Missverstanden, implodiert, vergöttert, in Ungnade gefallen: Refused blicken auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Mit ihrem Reunion-Album FREEDOM (2015) haben die schwedischen Hardcore-Punk-Grenzgänger der Neunziger so manch alteingesessenen Fan verschreckt – es war eben das Album, „das die Band für sich machen musste“, wie sie kürzlich im Interview erklärten. WAR MUSIC schlägt nun wieder etwas mehr die Töne an, die man von Refused erwarten würde, wenn mitunter auch deutlich rockiger. Klar, die stilistische Vorreiter-Rolle, die sie vor 20 Jahren ihr Eigen nennen durften, haben die Musiker verloren. An Dringlichkeit und Aggression fehlt es dem Album dennoch nicht, und das nicht zuletzt wegen der akuten weltpolitischen Schräglage. Statt grenzgenialen Sound-Experimenten besticht WAR MUSIC durch eine klare politische Kante, wie man sie sich aktuell von soch manch anderem wünschen würde, und Moshpit-Hits wie „Economy Of Death“ prügeln diese mit Nachdruck ins Bewusstsein. „I’m a violent reaction to a world that’s gone to shit“ heißt es in einem Song. Eine bessere Selbstbeschreibung kann es nicht geben.

Joesef Tell Me Something Nice EP

Der 24-jährige Newcomer aus dem schottischen Glasgow ist in seiner Heimat bereits ein aufsteigendes Sternchen. Sein melancholischer Alt-Pop-Mix aus Motown-Soul, HipHop-Beats und Jazzgitarre überzeugte so sehr, dass seine erste Show ausverkauft war, als man lediglich Ausschnitte seiner Musik auf Instagram hören konnte. Joesef kreiert alles im Alleingang – von der Komposition über das Verfassen seiner Texte, bis hin zum finalen Abmischen. Ein Studio? Braucht der aufstrebende Künstler nicht, da reichen ein Laptop und sein Schlafzimmer. PLAY ME SOMETHING NICE ist das ideale Debüt als EP, um in die Welt des Wunderkindes einzutauchen. Ehrlich, verträumt, verletzlich. Ein musikalisches Vergnügen, welches das regnerische Wetter mit Wärme füllt.

Floating Points Crush

Das Schöne an Sam Shepherd aka Floating Points ist, dass man nie weiß, was man kriegt: Sein 2015 erschienenes Debüt ELAENIA schaffte es trotz sperrigem Jazz House in alle Jahresbestenlisten. Als DJ verwandelt er sich in einen passionierten Disco-Digger, der schon mal ein 20-minütiges Spiritual-Jazz-Instrumental im Berghain laufen lässt. Und Ambient kann er natürlich auch, wie er kürzlich mit seiner Late-Night-Tales-Compilation bewies. CRUSH ist nun eine Rückbesinnung auf seine Wurzeln in der UK-Bass-Szene und sein treibendstes und härtestes Release bislang. Im Spannungsfeld zwischen hyperaktiven Breaks und sphärischen Modulationen auf dem Buchla-Synth scheint die Liebe zum Jazz durch, wie die schillernde Reflexion auf der Seifenblase, die das Cover im Close-up ziert. Definitives Highlight: „LesAlpx“ – ein intelligenter Peaktime-Banger Floatig-Points-Style und Anwärter auf einen der Clubtracks des Jahres.

1349 The Infernal Pathway

Auf der Suche nach gutem Old School Black Metal richten sich die Blicke traditionell gen Norwegen. Etwas später als Mayhem, Darkthrone & Co. aus den tiefsten Abgründen des Szene-Hotspots Oslo emporgekrochen, aber nicht minder mit der DNA des Genres verbunden, sind 1349. Mit ihrem siebten Album THE INFERNAL PATHWAY gelingt den Skandinaviern der Spagat zwischen moderner Produktion und klassischem Old-School-Geschrammel ohne große Experimente und mit sehr wenigen atmosphärischen Verschnaufpausen. Dass das nicht nur was für dezidierte Kuttenträger ist, ist spätestens seit der Edvard-Munch-Interpretation „Dødskamp“ klar, die 2018 im Auftrag des Osloer Munch Museums von dem Vierer geschaffen wurde. Auf THE INFERNAL PATHWAY geht es 1349 nun einfach nur darum, mit fiesen, rasenden Klangattacken Chaos über die Welt zu bringen. Damit ist es kein Meilenstein-Album des Genres, sondern einfach nur ganz schön gut.