Releases der Woche

Von Apache 207 bis King Princess, von Mayhem bis Lxandra

Apache 207 Platte EP

Der Hype der Stunde hat einen Namen: Apache 207 ist im Zeitraffer vom No-Name zum Shooting-Star avanciert – und das nicht ohne Grund. Die Stimmgewalt des Mannheimer Hünen scheint keine Grenzen zu kennen. Anspruchsvolle Gesangs-Abfahrten, die weit über den üblichen Autotune-Singsang herkömmlicher Deutschrapper hinausgehen, zeugen nicht nur von einer klassischen Gesangsausbildung, sondern vor allem von einem Wahnsinnstalent. Dazu gibt es Beats verschiedenster Couleur, mal durchzogen von traditionell westafrikanischer Rhythmik, wie sie heute allzu beliebt ist, mal in authentischem 80er-Synthie-Gewand, und gerne auch auf frechem Electro-Eurodance-Unterboden. Für den farbenfrohen Sound wurde eine Vielzahl an A-Liga-Produzenten in die Pflicht genommen, für die unglaublich eingängigen Hooks und alle anderen Vocals zeichnet niemand außer Apache selbst verantwortlich.

Als eine Single nach der anderen kam, ließ der TwoSides-Künstler einem immerhin noch Zeit, den jeweiligen Ohrwurm zu verdauen – die acht Songs starke EP überfordert anfangs beinahe schon mit ihrer schieren Vielzahl an markanten und einzigartigen Songs. Abnutzungserscheinungen zeigt Apaches einprägsamer Stil noch keine, jeder Song klingt frisch und eigenständig. Inhaltlich kommt dabei zwar nie viel rum – Apaches Frauengeschichten sind nicht nur öde; wenn der junge Rapper zum x-ten Mal darüber rumheult, dass er seine Frau nicht fair oder mit dem gebührenden Respekt behandelt, dann kann das schon mal anfangen zu nerven. Auf musikalischer Seite überzeugt PLATTE aber dafür dermaßen eindeutig, dass selbst dieser Makel höchstens wie ein kleiner Schönheitsfehler anmutet und letztlich kaum ins Gewicht fällt.

King Princess Cheap Queen

Mikaela Straus, besser bekannt als King Princess, ist der lebende Beweis dafür, dass aus unserer Gesellschaft doch noch was werden könnte. In ihrer Welt existieren Vorurteile gegenüber Geschlechterrollen oder sexueller Orientierung einfach nicht. Das beweist sie vor allem in ihren sehr unterhaltsamen, authentischen und ebenso liebevollen Videos. Auf ihrem Debüt-Album CHEAP QUEEN lädt die Multi-Instrumentalistin hingegen zu einem Fest voller Triumph, Freude und vor allem Herzschmerz ein. Wie sexy Selbstmitleid und Obsession klingen können, lässt sich auf Stücken wie „Tough On Myself“ oder „Prophet“ innerhalb der ersten Sekunden raushören. Mit „Hit The Back“ schenkt uns die Künstlerin sogar eine der aufregendsten Sex-Hymnen des Jahres (ja, der Song erzählt von Analverkehr). CHEAP QUEEN erweitert die bisherige Bedeutung von jungem, queeren Pop. Das Album verzichtet komplett auf Bubblegum-Produktion oder EDM-Elemente und schafft Raum für Alternativen im Genre. Damit wird sich King Princess ganz schnell in der A-Liste renommierter queerer Acts einreihen können. Und hoffentlich darüber hinaus.

Mayhem Daemon

Es ist ein großer Tag im Metal: The Great Old Ones entlassen mit COSMICISM ein neues Stück Lovecraft’schen Post-Black-Metals in die Welt, die Blackgaze-Pioniere Alcest erforschen mit SPIRITUAL INSTINCT einmal mehr die atmosphärischen Weiten des Genres und Sunn O))) bleiben auf PYROCLASTS die absoluten Meister den Drone Metal. Doch selbst bei dieser Konkurrenz führt in dieser Woche kein Weg an Mayhem vorbei. Die norwegischen Black-Metal-Ikonen, die für ihre klanglichen Grenzüberschreitungen bekannt sind, veröffentlichen mit DAEMON eines ihrer am wenigsten experimentellen Alben, durch das dafür hin und wieder der süß-modrige Wind ihres Meilenstein-Debütalbums DE MYSTERIIS DOM SATHANAS weht. Finster, lebensfeindlich und druckvoll überrollt einen dieses Höllen-Epos, zeigt sich mal sperrig und unzugänglich, mal eingängig-groovend. Von Necrobutchers bedrohlichem Bassspiel über die Attila-typische gesangliche Ausnahmeperformance bis hin zum furiosen Gitarren-Doppel von Teloch und Ghul klingt an DAEMON jede Sekunde, jedes Detail erstklassig. Das muss man erstmal nachmachen.

Lxandra Another Lesson Learned EP

Dass Lxandra in ihrer Musik gerne mal in verschiedene Rollen schlüpft, hat sie uns bereits verraten. Sie genießt es, ihr Publikum mit ihrer Mischung aus elektronischen Elementen und klassischem Klavierspiel in andere Welten mitzunehmen. Auf ihrer Debüt-EP rückt die finnische Newcomerin den Fokus auch mal auf ihr wahres Ich. ANOTHER LESSON LEARNED ist die Reflexion einer jungen Künstlerin, die sich über die Zeit immer mehr gefunden hat, deren Suche aber noch nicht beendet ist. Das kommt vor allem in den Stücken durch, die zuvor nicht zu hören waren. So konfrontiert sie im Song „Too Young To Grow Old“ den ständig wachsenden Drang, in jungen Jahren nur nach Effizienz im Leben zu suchen, und dabei die Leichtigkeit des Seins beiseite zu schieben. Höhepunkt der Kollektion bleibt der Titeltrack: eine Powerballade über das Eingestehen der eigenen Fehler, ohne auf sie zurückzuschauen. Hinfallen, aufstehen, wieder hinfallen. Man lernt eben nie aus.

The Düsseldorf Düsterboys Nenn mich Musik

Ironie und Ernsthaftkeit – das ist das Spannungsfeld, in dem sich The Düsseldorf Düsterboys stets bewegen. Drei Jahre nach ihren Indie-Hit „Teneriffa“ und nur anderthalb Jahre nach ihrem Erfolgsalbum DIE BESTEN JAHRE als International Music liefern Pedro Goncalves Crescenti und Peter Rubel nun ihr Düsterboys-Debüt. Lakonisch besingen sie Kaffee, Kippen und das Leben als Möchtegern-Bohemien. Soundmäßig knistert und rauscht alles so wohlig nostalgisch wie das Video zur Single „Oh Mama“ – schließlich haben The Düsseldorf Düsterboys zum Mischen den alten Kassettenrekorder von Pedros Vater benutzt. Ein Album wie eine warme Wolldecke und damit perfekt für den grauen Herbst.

Dawn Ray’d Behold Sedition Plainsong

So klingt es, wenn Medium und Message eins werden: Die anarchistische Black-Metal-Band Dawn Ray’d macht Protestsongs in einem Genre, in dem das weder üblich und noch immer gern gesehen ist. Auf seinem zweiten Album BEHOLD SEDITION PLAINSONG zeigt sich das britische Trio aggressiver und rauer als je zuvor. Durch das Zusammenspiel brutaler Riffs und melancholischer Folk-Melodien auf der Geige ist die Ambivalenz von Wut und Trauer über den Status Quo der Gesellschaft omnipräsent. Songs wie „To All, To All, To All“ knallen mächtig – das sollen sie auch, sind sie doch nichts Geringeres als ein Aufruf zur Revolution. Und tatsächlich kommt man nicht umhin, beim Hören ganz schön Bock auf Rebellion zu verspüren.

Interview
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