Releases der Woche

Von Michael Kiwanuka bis Counterparts, von Underworld bis Charlie’s Angels

Michael Kiwanuka Kiwanuka

Es gleicht schon fast einer feierlichen Ansage, wenn Künstler ihre Alben nach sich selbst benennen. Oft ist sie verbunden mit dem Drang, der Welt zum ersten Mal das wahre Ich zu offenbaren. Die bisherige Kunstfigur hinter sich zu lassen und ganz unverschleiert ein neues Kapitel zu beginnen. Im Fall des britischen Musikers Michael Kiwanuka handelt es sich wohl um eine tiefere Geschichte. Nach eigenen Aussagen habe man ihm schon zu Beginn seiner Karriere geraten, den Nachnamen zu ändern und kommerzieller zu gestalten. Natürlich zu seinen Gunsten.

Glücklicherweise hat sich der Sänger dagegen entschieden und wurde trotz seinem vermeintlich „schwer verkäuflichen“ Namen zu einem globalen Star. KIWANUKA ist kein Neuanfang, sondern ein tieferer Einblick in die Seele, aber auch die Geschichte eines Mannes, der mehr als zuvor zu sich selbst steht. Ein psychedelisches, politisch-privates Kunstwerk voller Motown-Jazz, Blues, aber auch Elementen aus modernem R’n’B und Grunge – hoffnungsvoll, warm und stellenweise düster. Im Intro von „Hero“, wenn man sich bereits in der Mitte des Albums befindet, folgt schließlich die Ansage: „I won’t change my name, no matter what they call me.“ Namensspielchen sind ja generell nicht von Nöten, wenn man einzigartig ist.

Stray From The Path Internal Atomics

Wenn man beim Hören eines neuen Albums ab der ersten Minute den Kopf nicht mehr stillhalten kann, hat jemand irgendwas verdammt richtig gemacht – in diesem Fall Stray From The Path. Dass die New Yorker mit INTERNAL ATOMICS nicht weniger als ein alles umwälzendes Hardcore-Monstrum raushauen würden, war natürlich  klar, haben sie doch seit fast zwei Jahrzehnten ihren Ruf als nicht zu unterschätzende Mosh-Macht untermauert. Mit Album Nummer neun erfindet sich der Vierer nicht neu, aber die pure Wucht und Energie dieses Albums macht fast schon jede Innovation unnötig.

Besonders positiv fällt der 2016 zur Band gestoßene Drummer Craig Reynolds auf, dessen dynamische Power-Performance das perfekte Gerüst für metallische Riffs und Drew Dijorios Rap- und Shout-Parts bildet. Mit ihrem unwiderstehlichen Crossover-Groove und ihrer alles durchdringenden Sozialkritik können sich Stray From The Path nach wie vor nicht von ihrem Ruf als Erben Rage Against The Machines freischwimmen, aber in einer Zeit, in der Zack de la Rocha eine Reunion immer weiter hinausschiebt und Tim Commerford sich in wirren Verschwörungstheorien verliert, ist das ja vielleicht nicht das schlechteste.

Various Artists Charlie’s Angels (Original Motion Picture Soundtrack)

Nachdem Jay-Z 2013 mit dem Soundtrack zu Baz Luhrmanns Verfilmung von „The Great Gatsby“ die Tore öffnete für die Verschmelzung von Filmmusik und kommerziellem Pop, legt Hollywood nun nach und veröffentlicht mit CHARLIE’S ANGELS die neueste musikalische Ergänzung zu einem Blockbuster. So bunt und durchstilisiert wie der Film bereits im Trailer wirkt, klingt auch die dazugehörige Musik. Kein Wunder: Als ausführende Produzentin wurde Pop-Prinzessin Ariana Grande angeheuert. Und die hat gleich eine ganze Truppe an musikalischen Gästen mitgebracht. Neben der bereits bekannten Kollaboration mit Miley Cyrus und Lana Del Rey präsentiert Ariana mit „Bad To You“ ihre neuste Zusammenarbeit mit Superstar Nicki Minaj. Grusel-Queen Kim Petras und die finnische Elektropop-Sängerin ALMA sorgen gemeinsam mit den Rapperinnen Kash Doll und Stefflon Don für ein lautes Opening namens „How It’s Done“.

Etwas entspannter wird es erst auf „Pantera“ von Superstar Anitta. Die brasilianische Sängerin zeigt sich gewohnt von ihrer verspielten Seite. Mit einem Remix von Donna Summers Klassiker „Bad Girls“ ist dann wieder schnell für Stimmung auf der Tanzfläche gesorgt. Und damit wäre nur ein Teil des Soundtracks abgearbeitet. Ariana Grande hat ihre Aufgabe erfüllt und mit CHARLIE’S ANGELS eine glitzernde Pop-Sammlung kreiert, die durchweg „Frauenpower“ schreit. Die Inhalte orientieren sich an zeitgenössischen Trends im Mainstream, wirken aber weder erzwungen noch lieblos zusammengeworfen. Ein Soundtrack, der auch als alleinstehendes Album funktioniert, sollte der dazugehörige Film nicht allen Erwartungen gerecht werden.

Underworld Drift Series 1

Es ist schon eine echte Herausforderung, nach über dreißig Jahren gemeinsamer Bandgeschichte noch kreative Inspiration zu finden – gerade, wenn man in der öffentlichen Wahrnehmung sowieso auf immer und ewig hauptsächlich aufgrund des 1996 erschienenen Über-Hits „Born Slippy“ aus dem Trainspotting-Soundtrack in Erinnerung bleiben wird. Rick Smith und Karl Hyde von Underworld bedienten sich daher für ihr jüngstes Projekt DRIFT eines ebenso alten wie wirkungsvollen Tricks: Sie steckten sich einen konzeptuellen Rahmen, quasi Produktivität durch Reduktion. 52 Wochen lang veröffentlichten sie jeden Donnerstag episodische Musik-, Film- oder Textstücke und machten somit ihren fortlaufenden Schaffensprozess transparent.

Herausgekommen ist ein monolithisches Werk aus fünf in sich geschlossenen Episoden. Dieses wird nun als Box-Set mit sieben CDs, einer DVD und einem 80-seitigen Buch veröffentlicht, das die gesamte DRIFT-Reise von Anfang bis Ende in Interviews, Bildern, Gedichten, Kommentaren und Texten dokumentiert. Soundmäßig irgendwo zwischen Ambient, Noise-Experimenten, Intelligent Dance Music und natürlich melancholischen UK-Rave-Anleihen verortet, spiegelt DRIFT das farbenfrohe musikalische Kaleidoskop von Underworld perfekt und sollte jedem Fan die Angst nehmen, dass Underworld so schnell künstlerisch nichts mehr zu sagen haben – they are here to stay! Live sehen kann man die beiden übrigens auch: Underworld sind auf Tour und kommen für Konzerte nach Köln und Berlin. Weitere Infos findet ihr hier.

Counterparts Nothing Left To Love

So schließt sich der Kreis: Counterparts-Sänger Brendan Murphy hat nicht nur einen Gastauftritt auf dem ebenfalls heute erschienenen neuen Stray-From-The-Path-Album INTERNAL ATOMICS (s. oben), beide Bands haben außerdem für ihre neuen Releases Spitzenproduzent Will Putney (Thy Art Is Murder, Body Count, Knocked Loose) verpflichtet. So klingt NOTHING LEFT TO LOVE dann auch ganz schön mächtig und fast schon erdrückend depressiv. Von proggy Riffs, die den düsteren Soundmorast durchschneiden wie zaghafte Lichstrahlen, bis hin zu brutalen Breakdowns ist das sechste Album der Kanadier recht überraschungsarm (am ungewöhnlichsten sind wohl die hin und wieder eingestreuten Clean Vocals), vielmehr scheinen sie ihren Sound einfach weiter perfektioniert zu haben. Wer bei so verzweifelt rausgekotzten Zeilen wie „I should have let you die“ nicht wenigstens kurz Gänsehaut bekommt, werfe den ersten Stein.

Interview
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