Releases der Woche

Von FKA twigs bis Max Herre, von Bishop Briggs bis Yung Hurn

FKA twigs Magdalene

Warum scheint Schmerz die ultimative Inspirationsquelle für großartige Kunst zu sein? In Zeiten, in denen die Diskussion um Mental Health bei Künstlerinnen und Künstlern endlich Einzug in den öffentlichen Diskurs gehalten hat, sollte das glorifizierte Narrativ des leidenden Künstlers eigentlich langsam mal überholt sein. Und doch berührt nichts so sehr, wie der zerbrechliche Flüstergesang von FKA twigs: „It’s a sad day, for sure.“ Ihr Herz war gebrochen, ihr Körper war es auch – zahlreiche Operationen musste die englische Künstlerin Tahliah Barnett in den letzten Jahren über sich ergehen lassen.

Trost fand sie in MAGDALENE, nach der nun auch ihr Album benannt ist. Zwischen R’n’B, Experimental Pop und düsteren Electronics oszillieren die Tracks zwischen Erschöpfung, Trauer, Wut und unnachgiebigem Lebenswillen. Für MAGADALENE  – das FKA twigs wie seine Vorgänger selbst produzierte – holte sie sich Hochkaräter wie Nicolas Jaar, Future, Skrillex und Jack Anthonohoff an Bord. Trotzdem klingt das Album so unbedingt nach FKA twigs: ungreifbar, kraftvoll und überirdisch schön.

Max Herre Athen

Am Versuch, sich inhaltlich oder musikalisch an den Puls neuer Epochen anzupassen, sind in den letzten Jahren so einige Rap-Veteranen sensationell gescheitert. Auch Max Herre war, zumindest fühlte es sich phasenweise so an, auf dem besten Weg, zu einer grotesken Parodie zu verkommen. Immer häufiger war er zwischenzeitlich zur Zielscheibe der neuen Rap-Generation geworden, deren Respekt gegenüber seiner beispiellosen Pionierarbeit mit jedem bizarren Fernsehauftritt weiter in den Keller absackte.

Umso überraschender ist es jetzt, dass der ehemalige Freundeskreis-Routinier dieses so rundum stilsichere, überraschend futuristische, irgendwie hoheitsvoll anmutende Album aus dem Boden gestampft hat. ATHEN ist feinfühlige Zeitgeist-Inspektion. Ist ein in sich geschlossener, dramatischer Spannungsbogen, der so ziemlich jede Gefühlsebene zwischen Euphorie und Schmerz zu triggern weiß. Ist die unverstellte und knallharte Eigenanalyse eines gestandenen Mannes in fünfzehn ausnahmslos unentbehrlichen Takten. Ist ein Reisebericht. Ist ein Familienfest, auch ein Zusammenkommen der Generationen und Genres. Mit sechsundvierzig Jahren schreiben andere mitteilungsbedürftige Menschen Bücher. Max Herre schreibt – Gott sei Dank – immer noch Rapalben.

Bishop Briggs Champion

Bishop Briggs ist auf Rennspurt. Erst im April 2018 erschien mit CHURCH OF SCARS das Debütalbum der britischen Sängerin, die seit ihrem 18. Lebensjahr von L.A. aus stetig an ihrer Karriere arbeitet. Darauf präsentierte sie eine wilde Mischung aus schwerem Pop-Rock und Gospel. Heute veröffentlicht die Künstlerin bereits ihr zweites Werk, CHAMPION, und darauf führt sie ihre laute, von Schmerz und innerer Kraft geprägte Reise fort. Im Opener „I Still Love You“ gibt die Sängerin bereits Einblick in die universelle Geschichte hinter dem Werk: eine schmerzvolle, hässliche Trennung. Die Flamme ist erloschen, doch die Asche ist noch heiß.

Stücke wie „Can You Hear Me Now“ und „Lonely“ reflektieren eine zerstörte Beziehung als lehrreiche Zeit, während man in „Wild“ nochmal deren Ende hinterfragt. Einen der Höhepunkte des Albums stellt dabei der bereits bekannte Titeltrack dar. „Champion“ ist die Hymne für all die Menschen, die sich von ihren Unsicherheiten nicht mehr unterkriegen lassen wollen.Dank der markanten Stimme der Künstlerin und den eingängigen, aber niemals einfallslosen Strukturen überzeugt CHAMPION sowohl mit seinen lauten, als auch ruhigeren Momenten. Konzeptartig führt uns Bishop Briggs durch die Tiefen ihrer Gefühlswelt. Zum Schluss kommt sie in „I Tried“  zum tragischen Fazit: Ja, man hat alles gegeben, doch alles ist manchmal nicht genug. Wenigstens wurde es versucht.

Yung Hurn Y

Hat Yung Hurn bewusst Stagnation als Stilmittel eingesetzt, um unserer Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten? Diese Frage könnte man sich stellen, wenn man das neue Album Y des Wieners von der Metaebene aus interpretieren würden. Fokussiert man sich allerdings auf die Fakten ergibt sich folgendes Bild: Wer hohe Erwartungen an den lang antizipierten Nachfolger von 1220 hatte wird leider enttäuscht. Man könnte getrost argumentieren, dass doch genau darin die Stärke von Yung Hurns Musik liegt, wie es einst schon in der „Juice“ hieß. Aber das wäre zu einfach, denn zum x-ten Mal die Wiederholung der gleichen Themen und verschluckten Silben über: Liebe, Leiden, Drogen, Sex und Party sind dann auch irgendwann mal durchgekaut und langweilig.

Natürlich darf man auf einem Yung Hurn Album keine komplexen Reimketten mit viel Tiefgang erwarten. Die vermeintliche Unantastbarkeit und gelangweilte Coolness sind Markenzeichen des Wieners und haben zu seinem Erfolg beigetragen. Doch auch unter anderen Gesichtspunkten betrachtet ist alles andere als „ok cool“. Sorgen sexistische Lines von anderen Rappern für einen Aufschrei in den öffentlichen Medien, zeigt sich der Feuilleton im Falle von Herrn Hurn moralisch flexibel und stellt Lines wie: „Sie hat Wichse auf ihrem G’sicht, sie braucht Zewa. Wisch weg, weil da klebt was.“ auf der Single „Ponny“ unter den Schutzmantel der Kunstfreiheit und überhäuft sich mit Lobesbekundungen für die Kunstfigur Yung Hurn. Metaebenen hin oder her: Sexismus bleibt Sexismus, ob man jetzt Yung Hurn oder Gzuz heißt.

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