Releases der Woche

Von Flying Lotus bis Ama Lou, von Vandalismus bis Lionheart

Vandalismus Freunde lügen nicht

(Destroy) Degenhardt hat ernsthaft schon wieder einen neuen Namen: Vandalismus heißt der gute Mann jetzt. Was diese Verwirrspielchen sollen, ist zwar noch immer nicht ganz klar, aber eigentlich auch egal. Hauptsache jede Umbenennung ist auch mit einem neuen Album verbunden: FREUNDE LÜGEN NICHT kommt zwar unter neuer Flagge angesegelt, bleibt aber gewohnt roh, nihilistisch und ungeschönt. Dege-, pardon, Vandalismus gibt sich sogar etwas rappiger als es bei seinen letzten Releases der Fall war. Dafür bieten die charmant maroden Produktionen auch jede Menge Raum: Die Drums wummern und scheppern, die Bässe drücken, die Melodien und Samples sind zurückhaltend aber effektvoll eingesetzt. Dazu lässt Vanda (können wir das etablieren?) seiner schlechten Laune freien Lauf. Dein „Zalando-Swagger“ nervt ihn, Social Media belastet ihn und gesellschaftliche Konventionen scheinen generell eher ein Gefängnis für ihn zu sein.

Vandalismus ist noch immer ein spannender Protagonist mit mehr Ecken und Kanten als ein Zauberwürfel. Oft macht ihn das zwar arg ungreifbar und viele Songs hinterlassen auch nach mehrfachem Hören ratlos, was jetzt eigentlich genau die Aussage des Songs war, aber genau das soll das Songwriting des Düsseldorfers wohl bezwecken. Denn ebenso kryptisch, wie die letzten Zeilen gerade noch gewesen sein mögen, genau so erschütternd direkt können die darauffolgenden plötzlich sein. Durch die zahlreichen Nerd-Referenzen wird das ganze nicht unbedingt zugänglicher. Klar, die vielen Filmzitate und -Samples muss man nicht unbedingt zuordnen können und greifbare Nerd-Hymnen wie „She-Hulk“ funktionieren auf Anhieb, sind in seinem Falle sogar so etwas wie Fan-Service, an anderer Stelle muss man aber Google zu Rate ziehen, um die nischigen und verklausulierten Referenzen und Zitate zu verstehen, hinter denen der Audiolith-Künstler seine Gedankenwelt gerne versteckt. Vandalismus macht es einem eben nicht leicht, aber genau das macht es so spannend.

Flying Lotus Presents Infinity "Infinitum" - Maida Vale Session 19/08/10 EP

INFINITY „INFINITUM“ – MAIDA VALE SESSION 19/08/10 EP – ein Plattenname, der so schön verkopft und kompliziert ist, dass er Flying Lotus wie auf den Leib geschneidert ist. Das Beat-Genie aus L.A. veröffentlicht eine atemberaubende Live-Session, geteilt in vier Akte/Tracks, die zur Zeit des COSMOGRAMMA-Albums, mit dem ihm der Durchbruch gelang, entstanden ist. Wenn man die Namen der Mitglieder liest, die Teil der Live-Band waren, mit der das Projekt eingespielt wurde, erstarrt man fast vor Ehrfurcht und wünschte, man wäre bei der Aufnahme mit vor Ort gewesen: Thundercat, Miguel-Ferguson und Ravi Coltrane. Wie nicht anders von diesen großartigen Musikern zu erwarten, ergibt sich eine harmonische Symbiose aus Klängen und Geräuschen, die in musikalische Sphären entführen, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen. Gesamtfazit: Eargasm.

Ama Lou Ama Who?

Mit nur 21 Jahren konnte sich Ama Lou bereits ein sicheres Standbein in der Musikindustrie verschaffen. 2016 wurde kein geringerer als Drake auf die Londoner DIY-Künstlerin aufmerksam und verschaffte ihr somit die Möglichkeit, ihr musikalisches Handwerk in L.A. zu verfeinern. Nicht gerade der ideale Ort, um sich als Newcomerin selbst zu finden. Schließlich benennt sie ihre neue EP AMA WHO? und lässt damit vermuten, die Selbstfindung ginge mächtig daneben.

Doch Ama Lou weiß, wer sie ist und woher sie kommt. Spätestens beim Hören von „Northside“ wird das klar, einer Ode an den Teil Londons, in dem die Sängerin aufgewachsen ist. Die Fünf-Track-Kollektion strotzt vor innerer Kraft und Stolz. Stilistisch bewegt sich AMA WHO? zwischen Soul, R’n’B und greift stellenweise auf Elemente des Old School HipHop zurück, wie in dem Late-90’s-orientierten „We Tried, We Tried, We Tried“. Der Einfluss der frühen Werke von Destiny’s Child wird so manches Herz sicherlich auch schneller schlagen lassen. Da hat uns der gute Drake mal wieder mit einem echten Talent versorgt. Wir sind jetzt schon gespannt auf mehr.

Lionheart Valley Of Death

So düster kann Kalifornien klingen: Mit ihrem siebten Album führen uns Lionheart ins Tal des Todes, blicken dort in die eigenen Abgründe – und haben dabei mal ganz nebenbei ein Paradestück des West Coast Hardcore abgeliefert. VALLEY OF DEATH besticht durch kompromisslose Härte, metallische Riffs und brutale Breakdowns, aber eben auch durch diesen ganz speziellen Groove, der sofort zum Mitnicken anregt. Im thematischen Spannungsfeld von psychischen Problemen, Szene-Kodizes, Outlaw-Posertum und Fighter-Attitüde kann die ganze Sache schonmal in die Stumpfheit abdriften, aber irgendwie ist VALLEY OF DEATH dann doch viel zu mitreißend, um sich lange darüber ärgern zu können. Lionheart widmen sich hier dem  klassischen Sound, ohne altbacken zu wirken. Vielmehr hören wir eine Band, die ihre Essenz und ihre Stärken genau verstanden hat.

Interview
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