Releases der Woche

Von Tua bis Hannah Diamond, von OG Keemo bis Abest

Tua Fort

Normalerweise bewege ich mich bei den Releases im Bereich von Popmusik oder R’n’B. Bei Tua mache ich diese Woche gerne mal eine Ausnahme und tauche ein in deutschen HipHop. Im Vorfeld hat man mich darüber informiert, dass Tuas selbstbenanntes Album im März veröffentlicht wurde und mittlerweile schon als Klassiker innerhalb des Genres gilt. Einige Songs schafften es damals nicht auf die Platte, heute werden sie gesammelt präsentiert in Form von FORT.

Vier Lieder umfasst die EP, jedes davon erzählt seine eigene Geschichte. So dankt der Künstler auf „System“ all denen, die nicht an ihn geglaubt haben. Dank ihnen befindet er sich nun da, wo er ist: immer fester verankert in der deutschen Musiklandschaft. „Früh genug“ zeigt die sensible, schon fast romantische Seite des Sängers auf, was nicht nur an der reduzierten, akustischen Produktion liegt, sondern auch an Tuas gefühlvoller Stimme. Damit schafft er gleichzeitig den Höhepunkt seiner kleinen Kollektion und beweist: Das Bild vom harten, emotionsarmen Kerl ist veraltet. Für mich die schönste Überraschung auf FORT. Zum Abschluss verarbeitet der Künstler seine Bisherigen in „Legenden“, da darf es dann auch wieder etwas härter werden. Musikalisch orientiert sich die EP neben HipHop stark an kontemporären R’n’B. Stellenweise finden sich auch elektronische Elemente und sanfter Garage-Sound, vor allem im Outro des Titeltracks.

Aufmerksam wurde ich auf Tua übrigens so richtig durch sein politisch aufgeladenes Video zu „Wenn ich gehen muss“ – eines der wohl wichtigsten Musikstücke der Stunde. Sehr empfehlenswert.

Hannah Diamond Reflections

Die Britin Hannah Diamond definiert das Verhältnis von Pop und Oberfläche noch einmal komplett neu. Als Fotografin retuschiert sie ihre Bilder zur hyperrealistischen Perfektion, ihr eigenes visuelles Image konstruiert sie auf Instagram mit derselben Akribie, sodass man sich stellenweise fragt, ob dahinter wirklich ein Mensch oder ein künstlicher Avatar steckt. Ihr Sound spiegelt diese überirdische Ästhetik. Dass REFLECTIONS tatsächlich erst das Debütalbum von Hannah Diamond ist, ist kaum zu fassen, so ausgefeilt und eigenständig sind die Songs. In Kollaboration mit PC-Music-Labelchef A. G. Cook hat sie ein emotionales Werk zwischen Bubblegum-Pop, brachialem EDM und experimentellem Future-Pop geschaffen, das, sobald man sich grade in altbekannten Popsicherheiten wähnt, mit dem nächsten massiven Stilbruch um die Ecke kommt. Nicht ganz unanstrengend – die makellosen Musikvideos entschädigen aber für alle ins Trommelfell schneidenden Pitcheffekte. Hannah Diamond spielt am 12. Dezember im Fitzroy in Berlin.

OG Keemo Geist

OG Keemo und Funkvater Frank haben eine Sache, die vielen Deutschrappern abgeht: Swag. Kein #Burr #Scurr Leansipper-Swag, sondern einfach eine ureigene Coolness. Das macht so einiges möglich: eine lässige Ästhetik irgendwo zwischen A$AP Mobb und freshem Newcomer, Punchlines mit markanter Handschrift und einen ganz eigenen Themenkosmos, der sich nicht um den üblichen Guntalk dreht, sondern von Einbrüchen, Autodiebstählen und dem Hoodlife des jungen Zonkeymobbs dreht. Die mächtigen Beats von Funkvater Frank sind zwar nicht leicht zu zähmen, Keemos einnehmender Vortrag bahnt sich aber unbeflissen seinen Weg durch übersteuerte Synthies, dröhnende Bässe und chaotische Drum-Arrangements. An anderer Stelle geht es aber auch ruhiger zu – da hat GEIST seine stärksten Momente. Wenn Keemo direkt zu Beginn einige Stationen seiner Lebensgeschichte erzählt, klebt man an seinen Lippen. Wenn er auf „216“ emotional, ergreifend und beinahe schon verstörend, vor allem aber unnachgiebig, über Rassismus sinniert, dann bleiben keine Zweifel, dass OG Keemo und Funkvater Frank erst am Anfang einer herausragenden Diskografie stehen.

Abest Bonds Of Euphoria

Fünf Jahre haben sich Abest mit ihrem zweiten Album Zeit gelasssen – eine Zeitspanne, die unüberhörbar ist. Wo die Göttinger Band (mittlerweile zu dritt statt zu fünft) auf ihrem Debütalbum ASYLUM noch atmosphärische, weitläufige Post-Metal-Landschaften zeichnete, sieht die Szenerie auf ihrem neuen Langspieler BONDS OF EUPHORIA deutlich karger aus. Die Gesamtspielzeit der Songs hat sich mal eben auf knackige 22 Minuten halbiert, alles kommt deutlich schneller und härter auf den Punkt. Schon der Opener „Endure“ ist eine klare Ansage, wie er  sich aus einem verhaltenen Riff emporhievt, sich immer weiter aufbaut und in einen mitreißenden Groove verfällt, der alles niederwalzt, bevor er schließlich in einem exzessiven Finale gipfelt. Und das ist erst der Anfang. BONDS OF EUPHORIA ist dicht und dynamisch, wuchtig und düster. Mehr kann man sich nicht wünschen.

Rilla Platte

Was ein Comeback: Rilla legt seinen bürgerlichen Namen wieder ab, entledigt sich auch des Vornamens seines Alter Egos und legt ein Comeback-Album vor, das sich gewaschen hat. PLATTE ist ein lose zusammenhängendes Konzeptalbum, das den harten Alltag im Ostberliner Plattenbau thematisiert. „Erstes Geschoss“ heißt der Opener, „Elftes Geschoss“ der letzte Song – auch dazwischen sind alle Tracks nach Etagen der Platte durchnummeriert, wobei die Doppeldeutigkeit von Stockwerken und Projektilen kein Zufall ist. PLATTE ist ein kompromissloses Album, das kalt, düster und bedrohlich klingt und genau solche Geschichten erzählt. Keine Selbstironie, kein überzogener Guntalk und keine Prahlerei: Wenn Rilla erzählt, wie er einem Abgestochenen die Finger in die Wunden steckt, um die verletzte Lunge abzudichten, der aber in seinen Armen stirbt, dann ist das verdammt harter Tobak, der denkbar weit weg von aktuellem Shisha-Straßenrap zu verorten ist. Alte Schule eben. Eine alte Schule, für die Rilla noch jede Menge Liebe hat.

Selbst das „Achte Geschoss“, das vergangenen Tagen der HipHop-Kultur huldigt, kommt dunkel und übellaunig daher, schafft es aber trotz aus der Zeit gefallener Nostalgie stets unpeinlich zu klingen – dafür ist Rilla einfach ein zu imposanter Charakter, der seine Aussagen geradlinig und schnörkellos formuliert. Die Harter-Kerl-Attitüde ist insgesamt dermaßen glaubhaft und einnehmend, dass die fiesen Blockgeschichten noch glaubhafter anmuten als sie es ohnehin schon sind. Hinzu kommt, dass Rilla nicht vor aktuellen Sounds scheut und trotz Liebäugelei mit der alten Schule und Antipathie für viele neumodische Entwicklungen einen eigenständigen Sound voller kühl-wuchtiger Synthies und 808s gefunden hat. Einzig auf sein „Neuntes Geschoss“ hätte Rilla verzichten können – mit schwarz-rot-gold zu kokettieren, war schon damals nicht cool, ist 2019 aber trotz ausdrücklicher Distanzierung von rechten Tendenzen ein absolut falsches Signal. Ansonsten dürfte PLATTE das wohl härteste und kompromissloseste Album des Jahres sein.

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