Rema: „Ich verspüre keinen Druck, sondern Seelenruhe“

Nigerias jüngster Star im Interview


Nigerias jüngster Star über die aufstrebende Musikszene in seiner Heimat und eine etwas überraschende Zusammenarbeit mit OVO Sound.

Next man up: Im Laufe des Jahres Zwanzichneunzehn machte sich Rema, ein Teenager aus Benin City daran, die nächste nigerianische Generation anzuführen und dafür zu sorgen, dass sich Größen wie Wizkid oder Burna Boy keine Sorgen um ihr Erbe machen müssen. Während die genannten Veteranen nämlich schon seit Jahren die nigerianische Flagge in der Musikwelt hochhalten, aus den hiesigen Tanzlokalen kaum mehr wegzudenken sind und – abgesehen von ihren eigenen Projekten – auf der einen oder anderen prägenden Platte ihrer internationalen Kollegen unlängst Spuren hinterließen (beispielhaft wären Drakes Views, Skeptas Ignorance is Bliss oder Daves Psychodrama zu nennen), releaste der 19-jährige Rema innerhalb der letzten zwölf Monate drei EPs, landete mit Dumebi einen ersten Hit, den selbst Männer mittleren Alters in Baden-Württemberg auf dem Weg zur Arbeit pumpten (S/o Uwe Baltner ) und mit Iron Man einen Song, der im Sommer im Hause des coolsten Präsidenten in der Geschichte der Vereinigten Staaten auf Dauerschleife lief (S/o Barack und Michelle Obama ).

Ähnlich divers wie Remas Fans ist auch sein Sound selbst, der sich zwar meist irgendwo zwischen Afrobeat und Reggae bewegt, aber nur schwer beschrieben werden kann, wie so oft aber auch gar nicht zwingend beschrieben werden muss. „Manchmal sagen die Leute: ‚Du bist ein Afrobeat-Künstler‘, dann heißt es wieder, dass ich Alté oder Reggae mache. Man kann mich aber einfach nicht in eine Schublade stecken“, meint so auch der Künstler selbst. „Ich möchte die Leute mit Hilfe meiner Musik zusammenbringen – auch wenn der Großteil der Menschen meine Lyrics nicht komplett verstehen kann, weil sie eine andere Sprache sprechen.“

Im Interview spricht der Nigerianer über die aufstrebende Musikszene in seiner Heimat, eine etwas überraschende Zusammenarbeit mit OVO-Co-Gründer Oliver El-Khatib und ein hypothetisches Treffen mit Michael Jackson.

Rema, wenn du entweder Barack Obama oder Muhammadu Buhari, den nigerianischen Präsidenten, persönlich kennen lernen dürftest – für wen würdest du dich entscheiden?

Obama!

Was würdest du ihm sagen?
Wenn ich ihn zum ersten Mal treffen würde? Ich würde ihm dafür danken, dass er sich meine Musik anhört und dass er meinen Sound und meine Vision unterstützt.

Du hast dich in der Vergangenheit kritisch über die nigerianische Regierung geäußert. In einem Interview mit Pitchfork meintest du beispielsweise, dass eure Regierung das ganze Volk, insbesondere aber die Jugendlichen ausnutzen und größtenteils ignorieren würde – dass sie sich allenfalls um euch kümmern würde, wenn sie gerade mal wieder eure Stimmen benötige. Wenn du also auch mal die Möglichkeit haben solltest, dich mit dem nigerianischen Präsidenten Buhari zu unterhalten, was würdest du ihm mit auf den Weg geben?

Ich würde ihn darum bitten, den Leuten wieder mehr Gehör zu schenken als seinen Freunden, Beratern oder Senatoren. Es scheint so, als würden diese Leute alles nur für ihre eigenen Brieftaschen tun. Dabei sind es gerade wir, die sich als Heranwachsende den Problemen stellen müssen. Wir sind diejenigen, die auf den Straßen sind und die Probleme und Gefahren hautnah erleben, während der Präsident in seinem Büro sitzt und sein Leben genießt. Wir sind im Ghetto und wissen, was in der Gesellschaft abgeht. Er hat zwar vielleicht seine Leute, die ihm berichten, was draußen auf den Straßen passiert – ich bin aber der Meinung, dass er mehr den direkten Kontakt zu uns Bürgern suchen sollte.

Im Jahr 2000 bist du in Benin City auf die Welt gekommen. Bis heute lebst du in Nigeria. Es scheint also nicht vermessen zu sein, dich als ersten afrikanischen Star zu bezeichnen, der in diesem Jahrtausend geboren wurde. Wie gehst du damit um?

Es gibt da dieses eine Sprichwort: „To whom much is given, much is expected.” Und die Erwartungen an mich sind groß! Ich lasse das aber gar nicht zu nah an mich herankommen. Ich lehne mich nie zurück und habe mich nie ausgeruht, bis ich mit meiner Musik endlich eine Plattform bekommen habe. Aber auch jetzt, wo mir eine gewisse Akzeptanz widerfährt, ist es meine Angewohnheit, mich nie auszuruhen und immer weiter zu arbeiten. Bevor Druck überhaupt an mich herankommt, habe ich ihn schon überwunden. Ich verspüre also keinen Druck, sondern Seelenruhe. Ich bin fokussiert und habe eine klare Vision.

Wie sieht diese Vision genau aus? Im Laufe des Jahres 2019 hast du drei EPs veröffentlicht und mit Dumebi einen ersten Hit gelandet. Dein erster Langspieler steht indes noch aus.

Wir haben unsere Pläne. Ich möchte meinen Sound mit der ganzen Welt teilen und die Leute mit Hilfe meiner Musik zusammenbringen – auch wenn der Großteil der Menschen meine Lyrics nicht komplett verstehen kann, weil sie eine andere Sprache sprechen. Trotzdem können sie aber Gefallen an meiner Musik finden.

Genauso geht es mir zum Beispiel.
(Lacht) Das ist alles, was ich erreichen will. Und zu diesem Zweck neige ich dazu, die Leute langsam mit meiner Musik zu füttern und sie Stück für Stück an meinen Sound heranzuführen, der sehr stark variiert. Aus diesem Grund habe ich bisher auch nur EPs veröffentlicht und keine längeren Projekte. Dadurch haben die Leute einen leichteren Zugang zu meiner Musik.

Bei Drakes Camp – OVO Sound – scheint deine Musik ebenfalls gut anzukommen. Oliver El-Khatib, einer der Gründer von OVO, hat…

(Unterbricht) … meinen Song Rewind mitproduziert, das stimmt. Es ist echt irre, dass mein Sound selbst den Leuten bei OVO gefällt.

Wie kam der Kontakt zu Oliver zustande?

Er hat einen meiner Tracks auf Instagram geteilt und mich markiert. Dafür habe ich mich bei ihm bedankt, denn das war nun mal eine große Ehre, ein Privileg für mich. Und dann bat er mich darum, dass ich ihm mehr von meiner Musik schicke. Er verstand meine Vision und schickte mir im Gegenzug einige Beats. So ist Rewind entstanden – noch dazu in Zusammenarbeit mit 1Mind, der übrigens auch Unforgettable von French Montana und Swae Lee mitproduziert hat. Das ist also echt big! (Lacht)

Abgesehen von deiner persönlichen Entwicklung tut sich in Nigeria gerade musikalisch enorm viel. Einerseits wären da Zugpferde wie Wizkid oder Burna Boy zu nennen, die schon seit einigen Jahren sehr erfolgreich sind. Andererseits erscheinen immer mehr neue Künstler wie du oder beispielsweise Santi auf der Bildfläche, die sich nach und nach auch in Europa oder in den USA eine Anhängerschaft aufbauen. Wie schätzt du diese Entwicklung ein?

Jeder Künstler gehört einer bestimmten Generation an. Wizkid ist ein großartiger Musiker, der eine wichtige Rolle in der Musikindustrie gespielt hat und das auch immer noch tut. Das Gleiche gilt natürlich für Fela Kuti (der gemeinhin als ‚Begründer‘ des Afrobeat gilt, Anm. d. Verf.) und viele, viele andere. Santi und ich sind Teil der neuen Generation. Wir wollen genauso unsere Rolle spielen und etwas Neues auftafeln. Santi hat seinen ganz eigenen Stil, auch wenn manche Leute mich in eine ähnliche Schublade stecken wollen und meine Musik ebenfalls als Teil der Alté-Szene bezeichnen würden, der Santi angehört. Wenn ich meine Musik kreiere, gehe ich einfach nur mit meinem Vibe. Manchmal sagen die Leute dann: „Du bist ein Afrobeat-Künstler“, dann heißt es wieder, dass ich Alté oder Reggae mache. Man kann mich aber einfach nicht in eine Schublade stecken. Ich möchte Musik für alle Menschen machen. An Santi sieht man ebenfalls, dass Musik immer besser wird, wenn der Sound Grenzen überschreitet. Das ist dope. Ich habe großen Respekt vor seiner Arbeit und seinem Bemühen, uns – als neue Generation – weiter zu pushen.

Du hast gerade Fela Kuti angesprochen, der im Jahr 1997 – also noch vor deiner Geburt – verstorben ist. Wenn du in der Zeit zurückreisen könntest, um eine Musikerin oder einen Musiker zu treffen, die oder der bereits verstorben ist – wen würdest du am liebsten kennen lernen?

Michael Jackson. Ich würde mich mit ihm unterhalten, um zu verstehen, wie er die Welt gesehen hat und wie es ihm gelungen ist, seinen Seelenfrieden zu bewahren. Er hat sich im Laufe seines Lebens ja in vielerlei Hinsicht verändert und dafür auch viel Gegenwind bekommen. Außerdem würde ich mit ihm über seine Arbeitsweise, seinen Schaffensprozess sprechen.

Gibt es abschließend noch Künstlerinnen oder Künstler aus Nigeria, die du den Leuten da draußen, die Fans von deiner Musik sind, gerne ans Herz legen würdest?

Mein Stil ist einzigartig. Niemand kann tun, was ich tue. Es sei denn, du bist ‚The chosen one‘! (Lacht) Ich möchte euch aber Crayon empfehlen, ‚The colorful boy‘. Er ist ein sehr talentierter Künstler.