Rico Nasty: „Wir Frauen killen die Rap-Industrie!“

Warum man die edgy Rapperin jetzt kennen muss

Rico Nasty ist der Prototyp der jungen, starken Frau im Rapgame anno 2019. Mal glänzt die 22-Jährige mit In-Die-Fresse-Rap, mal mit Seelenstriptease – zuletzt auf ihrem Mixtape ANGER MANAGEMENT (2019). Doch erst ihr extravaganter Style, der repräsentativ für ihr emanzipiertes Wesen und ihre Attitüde steht, vollendet ihre Kunstfigur. Eine Kunstfigur, der es dennoch problemlos gelingt, authentisch und relatable zu sein. Dass sich Rico Nasty kürzlich einen Platz auf der Schulbank in der „XXL Freshman Class Of 2019“ sicherte, war fast schon die logische Folge. Genauso wenig überraschte es, dass in diesem Jahr zum ersten Mal überhaupt drei Frauen den Sprung auf das berühmt-berüchtigte XXL-Cover schafften – neben Rico sowohl Tierra Whack als auch Megan Thee Stallion. Ein längst überfälliger Beleg dafür, dass nicht nur Rico, sondern auch viele andere rappende Frauen seit einiger Zeit Einiges richtig machen.

Am bislang heißesten Tag des Jahres treffen wir Rico Nasty zum Interview in Berlin. In den vergangenen 24 Stunden hat sie das übliche Hauptstadtprogramm hinter sich gebracht: Sexshop, Soho House, Shopping. Mit uns spricht Ms. Maria-Cecilia Simone Kelly über ihre außergewöhnliche Freundschaft mit dem Produzenten und „Big Brother“ Kenny Beats. Fast schon beiläufig erzählt sie von gemeinsamer Musik mit A$AP Rocky und erklärt, warum ebenjene möglicherweise nie erscheinen wird. Am längsten über eine Antwort nachdenken muss Rico dann allerdings, als es – logisch – um Perücken geht.

Rico Nasty Promfoto
Foto: Nina Nagele

Im Forbes Magazine hast du es auf die „30 unter 30“-Liste für das Musikjahr 2019 geschafft. Du tauchst dort zwischen Namen wie Billie Eilish, Camila Cabello, Post Malone, 21 Savage und Juice WRLD auf. Besonders bemerkenswert finde ich, dass du die einzige Rapperin auf dieser Liste bist.

Das bedeutet mir auf jeden Fall etwas, wir sprechen hier schließlich von Forbes! Ich bin glücklich darüber, dass sie mein Potenzial anerkennen. Im Prinzip haben sie es vorausgesagt. Dieses Jahr war bis jetzt ziemlich verrückt! Meine Karriere bewegt sich in eine Business-Richtung, die ich mir nie hätte erträumen können. Erst vor Kurzem waren wir in Kalifornien, um an meiner eigenen Weedsorte zu arbeiten: „Nasty OG“. Ich baue meine Marke auf, die Merch-Verkäufe gehen durch die Decke, und ich arbeite mit der App „Depop“ zusammen.

Diese App sagt mir ehrlich gesagt nichts.

Auf „Depop“ kann man Klamotten kaufen und verkaufen. Wenn ich bei einem Konzert ein Outfit trage, das zu heftig ist, um es nochmal zu tragen, verkaufe ich es dort einfach. Ohrringe, Brillen – alles Mögliche. Meine Fans fahren total darauf ab.

Das kann ich mir vorstellen. Auf Instagram gibt es ganze Fanseiten, die sich ausschließlich mit den Outfits von Künstlern befassen. @asaprockyscloset zum Beispiel.

Ja, genau! Meine Seite funktioniert ganz genauso: @riconastycloset.

Kurz bevor du auf Tour gegangen bist, hast du getwittert: „I usually have goals and shit that I’ve set before tour, but I don’t have any goals for this one … Just don’t wanna get a cold and I wanna eat good food and not lose things that I bought to bring back home.“ Hat das bis hierhin geklappt?

Ja! Ich habe mich noch nicht erkältet. Dafür ist Malik (Ricos Freund und Manager – Anm. d. Red.) krank – es hat uns also doch wieder erwischt. Wenigstens habe ich diesmal keine Erkältung. Aber: Ich habe mein Handy vor der Sicherheitskontrolle am Flughafen verloren, bevor die Tour überhaupt losgegangen ist.

Apropos Tour: Wer passt gerade eigentlich auf deinen Sohn Cam auf?

Meine Mom. Der Rest der Familie reißt sich auch immer darum, Zeit mit ihm zu verbringen: mein Vater, meine Großeltern, meine Tanten. Unter der Woche ist er allerdings tagsüber sowieso beschäftigt, weil er schon im Kindergarten ist.

Ende November wird Cam vier Jahre alt, du selbst hast erst vor wenigen Monaten deinen 22. Geburtstag gefeiert. Inwiefern hast du dich verändert, seitdem du im Alter von 18 Jahren Mutter geworden bist?

Die eine Hälfte von mir ist seit seiner Geburt selbst wieder ein kleines Kind, die andere Hälfte ist super schnell erwachsen geworden. Ich musste in kürzester Zeit Vieles lernen: Zeitmanagement, Rechnungen bezahlen, Abendessen kochen. Dieser Prozess hat sich aber sehr natürlich angefühlt. Klar, als ich schwanger war und wusste, dass ich bald Mutter werde, hatte ich Angst. Als das Baby dann aber da war, hatte ich gar keine andere Wahl, als die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen.

Wenn man Rico Nasty dabei zuhört, wie sie über ihre Schwangerschaft und ihre ersten Jahre als Mutter spricht, wird einmal mehr deutlich, wie tough und erwachsen sie ist. Als wären die natürlichen Sorgen, die jede Frau während der Schwangerschaft durchmacht, nicht genug, kam bei ihr noch eine größere, ganz existenzielle Angst hinzu: Noch während sie das Baby im Bauch hatte, starb ihr damaliger, langjähriger Freund Brandon – der Vater ihres Sohnes – an einer schweren Asthmaattacke. Ein Verlust, der sie geprägt und den sie in der Vergangenheit immer wieder thematisiert hat. Auf ihrem Mixtape TALES OF TACOBELLA (2017) hat sie Brandon etwa einen eigenen Song gewidmet. Noch als sie schwanger war, lernte sie dann jedoch ihren Manager Malik kennen, mit dem sie bis heute zusammen ist.

Auf „Again“, einem der Tracks auf ANGER MANAGEMENT, deinem aktuellen Tape mit Kenny Beats, sagst du: „Thought I fell in love, but I found out that it was lust / I felt like something was missing, it must have been trust / Don’t like to talk about growing up, because I had it rough.“

Ich bin oft umgezogen. Ich glaube, bis auf die High School gab es keine Schule, die ich länger als drei Jahre am Stück besucht habe. Ab der fünften oder sechsten Klasse habe ich jedes Jahr die Schule gewechselt, manchmal sogar mitten im Schuljahr. Irgendwann hat es keine Rolle mehr gespielt, wo ich war: Ich wusste, dass ich eine Außenseiterin und „die aus der fremden Gegend“ sein werde. Mit dem Songzitat meine ich aber auch, dass wir nie wirklich unser Zuhause hatten. Meine Mom hatte nie ein eigenes Haus. Als ich auf die High School ging, haben wir mit vielen Familienmitgliedern zusammengewohnt. Mein Vater war im Gefängnis. Nichts in meinem Leben war geordnet. Meine Mom hat sich aber sehr viel Mühe gegeben, das habe ich immer gespürt. Ich will mich also auch nicht hier hinsetzen und aufzählen, was in meinem Leben alles schief gelaufen ist. Viele Leute müssen viel Scheiße durchmachen. Das merke ich vor allem, wenn ich mit meinen Fans spreche.

Durch deinen offenen Umgang können sich viele Menschen mit dir und deinen Erfahrungen identifizieren. Bestenfalls fühlen sie sich verstanden und nicht mehr allein. Für mich ist deine Musik deshalb auch eine gewisse Form von Therapie. Ist sie das für dich selbst auch?

Ich will auf jeden Fall, dass sich die Leute besser fühlen – ich will aber auch, dass es mir besser geht. Ich versuche, Musik zu machen, die zu dieser Win-Win-Situation führt. Ich fühle mich besser, nachdem ich die Musik aufgenommen und mir etwas von der Seele geredet habe. Ich fühle mich aber auch besser, weil ich den Leuten etwas Substanzielles gebe; etwas, das sie sich anhören können, wenn es nicht so rund läuft, aber auch dann, wenn es gut läuft.

Wie bereits angesprochen, wurde ANGER MANAGEMENT komplett von Kenny Beats produziert …

Er hat alle Songs produziert! Baauer und Harry Fraud haben aber auch an dem Tape mitgearbeitet.

Das stimmt. Trotzdem war es in erster Linie Kenny Beats, der auch schon auf deinem vorherigen Mixtape NASTY (2018) seine Spuren hinterließ, indem er unter anderem die Beats für „Countin Up“ und „Trust Issues“ produziert hat. Was macht euer musikalisches Verhältnis so besonders?

Als ich Kenny zum ersten Mal getroffen habe, fing meine Musik gerade an, Wellen zu schlagen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich Songs wie „Poppin’“ und „Key Lime OG“ bereits veröffentlicht, es lief gut …

Wann bist du erstmals auf ihn gestoßen?

Auf der Mixtape-Release-Party von SUGAR TRAP 2. Das war in derselben Woche, in der wir das Musikvideo für „Rojo“ gedreht haben (Oktober 2017 – Anm. d. Red.). Zu der Zeit habe ich viel Musik aufgenommen, war viel im Studio und habe viel mit verschiedenen Produzenten zusammenarbeitet, mit denen ich nicht vertraut war – und anders herum. Und dann habe ich endlich jemanden gefunden, mit dem ich zwar zunächst auch nichts zu tun hatte, der aber down war, das zu ändern und neuen Scheiß zu machen. Kenny war der erste Typ, der nicht davor zurückgeschreckt ist, mich unter seine Fittiche zu nehmen. Ich habe das Gefühl, dass viele Typen Female-Rap nicht unterstützen wollen. Das ist scheiße. Und genau das ist der Grund, warum ich so gut mit Kenny klarkomme: Er hat mich nie in die Schublade gesteckt, ein weiblicher Rapper zu sein. Er hat nie im Studio auf mich gewartet und gesagt: „Ich habe hier ein paar girly Beats und etwas Softes für dich.“ Stattdessen hat er mir gesagt: „Go hard and be that bitch!“

Wahrscheinlich muss man als Frau wirklich stärker sein, um es in dieser Industrie ganz nach oben zu schaffen.

Auf jeden Fall! Man muss willensstark und zielstrebig sein und eine ganz klare Idee davon haben, welches Image man haben möchte. Ansonsten werden die Leute versuchen, dich dazu zu bringen, mehr von dem zu tun, was du eigentlich nicht gerne machst. Das ist echt tricky. Frauen sind aber smart – und deshalb killen wir gerade die Rap-Industrie! Ich bin sehr froh, ein Teil davon zu sein. (lacht)

Was war das schönste Kompliment, das dir je für deine Musik gemacht wurde?

Fucking A$AP Rocky hat mir das beste Kompliment aller Zeiten gemacht! In einem Interview mit Angie Martinez meinte er so was wie: „I bump her shit. I like her, but, you know, I’m not trying to fuck her.“ Das respektiere ich so sehr.

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Hast du Rocky schon mal persönlich getroffen?

Wir haben uns schon ein paar Mal gesehen: bei einer Show von Gunna zum Beispiel. Und in New York und Los Angeles waren wir auch schon zusammen im Studio.

Also können wir gemeinsame Musik von euch erwarten?

Es gibt ein paar Songs. Ich weiß aber nicht, ob sie jemals erscheinen werden. Wir sind beide Perfektionisten. Bei den beiden Malen, die wir zusammen im Studio waren, ging es vor allem darum, sich gegenseitig kennenzulernen.

Ein anderer Künstler, den du offensichtlich ebenfalls kürzlich kennengelernt hast, ist Lil Nas X. In seinem Musikvideo zu „Old Town Road“ trittst du für gefühlt zwei Sekunden in Erscheinung. Wie kam das bitte schön zustande?

Ich war in L.A. Ich glaube, ich habe dort eine College-Show gespielt. Wir waren also einfach in der Nähe, als Lil Nas X meinte: „Hey, wir drehen gerade das Video!“ Also sind wir dort vorbeigefahren. Das war lit. Lil Nas ist einer der coolsten Typen überhaupt und super entspannt.

Dass du in dem Video eine regenbogenfarbene Perücke getragen hast, war nur standesgemäß: Du bist für deine bunten Perücken schließlich bekannt! Und scheinst daher eine würdige Person zu sein, um ein Urteil zu fällen: Wer ist die beste Perückenträgerin aller Zeiten?

Wow! Ich liebe dich dafür, dass du das fragst – statt zu fragen: Wer hat damit angefangen, Perücken zu tragen? Also, wer hat die beste Perücke aller Zeiten getragen? (denkt sehr lange nach) Diana Ross! Es gibt diesen einen Look von ihr, es ist wahrscheinlich einer der berühmtesten Perückenlooks aller Zeiten: Sie sitzt auf einer Couch, ihre Perücke ist ungefähr genauso groß wie die Couch und übersät mit Blumen. Das sieht so elegant aus! Wenn wir aber über Kreativität und Vielseitigkeit sprechen, dann liebe ich auch Lady Gagas Perücken. Sie macht sich nicht einfach nur ihre Haare. Sie spielt mit anderen Gegenständen. Fuck a wig, she’ll put on a unicorn!