Shura: 7 Fragen, 8 Antworten

Farbe bekennen: die Indie-Pop-Sängerin über Online-Dating und blau sehen vor Liebe

Nach einer langen Tour mit ihrem 2016 erschienenem Debütalbum NOTHING’S REAL brauchte Shura erstmal eine Pause, um Kraft und Kreativität zu schöpfen. Kein Wunder: Seit ihrem viralen Hit „Touch” von 2014 etabliert sich die Londoner Sängerin immer mehr in der Welt des Indie-Pop und bereist Stadt um Stadt mit ihren wohltuend warmen Songs.

Das Privatleben bleibt auf der Strecke, auf Reisen jemanden ernsthaft kennenzulernen, ist nicht wirklich einfach. Doch dann passiert es schließlich in Brooklyn, über eine Dating-App.

Entwickelt hat sich dabei eine Romanze bestehend aus Textnachrichten und Videoanrufen, bevor es schließlich zum ersten realen Treffen kommt. Die Erfahrungen regen den künstlerischen Impuls der bekennenden Single-Frau offensichtlich stark an. Hervorgebracht hat sie schließlich FOREVHER, ein hoffnungsvolles Album für alle Verliebten unter uns. Shura beweist dabei: Flugzeuge im Bauch müssen absolut nicht kitschig klingen!

Als wir die Sängerin anrufen, kommt sie gerade aus dem Gym und ist noch etwas aus der Puste nach dem Training. Da trifft es sich doch gut, wenn man direkt im Anschluss über ein Thema spricht, das ebenso Atem raubend ist: die Liebe. Und zum Schluss gibt es – wie immer bei „7 Fragen, 8 Antworten” – eine Geschichte, nach der wir eigentlich gar nicht gefragt haben.

Frage 1:
Das Coverbild deines neuen Albums FOREVHER ist blau – du hast es als Farbe des Verliebtseins bezeichnet. Lassen sich unsere Gefühle generell in Farben beschreiben?

Ich höre zwar keine Farben, aber sie können Emotionen und Gefühle hervorrufen. Ich würde keine Farbe auf eine bestimmte Emotion reduzieren, aber für mich steht Blau unter anderem für das Verlangen nach dem Ewigen – was ja ein Teil von Liebe ist.

Frage 2:
Stell dir folgende Kurzgeschichte in vier Schritten vor: sich verlieben, die erste Phase der Beziehung, die Erkenntnis, dass man die falsche Person getroffen hat und schließlich die Trennung. In welche Farben würdest du die Stufen tauchen?

Oh, das ist hart! Versuchen wir es: Instinktiv würde ich für die erste Stufe ein pastellfarbenes Pink auswählen – ein rauchiges Pink, das sich immer wieder verändert. Ein bisschen wie der Ton, den ich bei meinem Video zu „Touch“ genutzt habe. Bei der nächsten Stufe kommt es darauf an, um welche Form von Liebe es sich handelt. Geht es zum Beispiel um ein tiefes Verliebtsein, dann wäre es eben blau, wie ich es in meinem Fall sehe. Bei mir handelt es sich ja aber um eine Fernbeziehung – also eine sehr spezifische Art von Liebe. Vermutlich gibt es für jede Form von Liebe auch eine andere Farbe. Für die dritte Stufe bin ich gerade eher die falsche Ansprechperson, aber ich sehe ein Neongelb. Ich kann gar nicht erklären, weshalb … Das ist einfach die Farbe, die ich dazu in meinem Kopf habe. Das Ende, die Trennung, wäre: weiß.

Frage 3:
Wenn es um deine eigenen Gefühle geht: Wann erkennt man denn diesen Moment, dass es sich bei einer Person nicht nur um eine Schwärmerei handelt, sondern um etwas emotional Tieferes?

Hm … Ich denke, für gewöhnlich passiert das durch Unterhaltungen. Wenn ich mit diesem bestimmten Menschen ein tiefes Gespräch führe und ihm bestimmte Sachen anvertrauen kann, persönliche Dinge. Wenn ich dabei verletzlich sein kann und nicht den Drang verspüre, die Person sein zu müssen, die ich allen anderen präsentiere, sondern all meine Facetten auf den Tisch legen kann. Dieses Gefühl muss dann auf Gegenseitigkeit beruhen: Die andere Person muss sich ebenfalls wohl genug in meiner Anwesenheit fühlen, um sich verletzlich zu zeigen.

Frage 4:
Du hast bereits erwähnt, dass es sich in deinem Fall um eine Fernbeziehung handelt – was auch Inspiration für dein neues Album ist. Getroffen habt ihr euch – ganz modern – online. Und das offenbar mit Erfolg. Mittlerweile wird es in unserer Gesellschaft immer mehr anerkannt, über Dating-Apps oder soziale Netzwerke die richtige Person finden zu können – unabhängig davon, wo man sich auf der Welt befindet. Reicht Texting schon aus, um Gefühle aufzubauen, noch bevor man sich persönlich getroffen hat?

Ich denke, reines Schreiben macht es nicht möglich, weil es eine sehr eindimensionale Form der Kommunikation ist. Du kannst dabei die Stimmung der Person nicht lesen, oder den Humor – der geht da schnell mal verloren. Vor allem wenn Sarkasmus ein Teil davon ist (lacht). Für mich kann man Gefühle wiederum absolut durch Telefongespräche entwickeln, wenn man die Stimme der Person hört, mit all ihren verschiedenen Nuancen. Also nein, durch reines Schreiben glaube ich nicht daran, wahre Gefühle aufbauen zu können. Als ich meine Freundin online kennengelernt habe, sind wir deswegen mit der Zeit auch vom Schreiben zu Gesprächen am Telefon gewechselt. Erst dann habe ich gemerkt, dass da etwas zwischen uns ist, was mich interessiert. Dabei meine ich nicht, dass ich mich sofort verliebt habe. Ich habe jedoch gemerkt, dass ich den Drang verspürte, sie persönlich zu sprechen. Und die Konversation so dreidimensional werden zu lassen.

Frage 5:
Ohne jetzt nach zu persönlichen Details zu fragen: Wie sah es mit der Nervosität aus, als es dann zu dem ersten Treffen kam. War sie sehr präsent?

Auf jeden Fall! Ich war verängstigt! Das erste Date wird gesellschaftlich auch so hoch gestellt. Ich habe dazu noch, bevor es zum ersten richtigen Treffen kam, vier Monate meines Lebens und meiner Zeit in eine Konversation investiert, die auf einem bloßem Match beruhte (über die Dating-App „Tinder“ – Anm. d. Red.). Ich glaube, nach etwa einer Stunde habe ich dann angefangen, es als normal zu erachten, sie dann wirklich vor mir zu sehen. Es hat sich schon komisch angefühlt. Ich war so nervös, wie davor lange nicht mehr. Ich fürchte mich nicht, das zuzugeben.

Frage 6:
Mit welcher Farbe würdest du diese Nervosität beschreiben?

Lass mich kurz drüber nachdenken … Ich glaube, es wäre eine Mischung aus den Farben der zweiten und dritten Stufe aus unserer Kurzgeschichte von eben. Blau und Gelb. Das Gelb ist dabei eher flackernd, weil man sich so unsicher fühlte. Wenn zum Beispiel der Augenkontakt nicht immer da war, interpretierte man aus Unsicherheit schnell etwas Falsches rein. Aber ja, das Blau war für mich präsent. Mit Gelb vermischt ergibt es Sinn, da beide Farben so unterschiedlich sind.

Frage 7:
Um auf das Cover von FOREVHER zurück zu kommen: Es lässt sich nicht auf den ersten Blick erkennen, dass es sich bei dem Bild um zwei Frauen handelt. Man muss schon genauer drauf schauen. Was waren deine Gedanken und Ideen dahinter?

Ursprünglich wollte ich das Cover aus einer viel breiteren Perspektive zeigen, in der sofort ersichtlich wird, dass es zwei Frauen sind. Wir hatten letztendlich acht verschiedene Ausdrucke des Bildes für das Gesamtpaket. Als ich dann diesen Ausdruck sah, mit der Hand, die sich wie ein Heiligenschein um den Kopf und die Haare von Milly (Cope, Darstellerin auf dem Cover und dem Video zu „BKLYNLDN“ – Anm. d. Red.) wölbte, wusste ich:  Das ist das Cover! Es war überraschend, ich habe mir das Ergebnis ganz anders vorgestellt.

Wir haben uns dann entschieden, die ganze Bildstrecke in die physische Version des Albums miteinzubeziehen, auf der CD und Vinyl. Sobald man es öffnet, wird es mehr und mehr ersichtlich, dass es sich um zwei Frauen handelt. Ich mochte diese Art von Reise sehr, da ich diesen Ansatz auch mit meiner Musik verfolge. Ich schreibe offensichtlich Liebeslieder, das hört man sofort. Aber erst wenn man verstärkt auf die Texte achtet, wird ersichtlich, dass es sich um die Liebe zwischen zwei Frauen handelt. Es soll ja auch nichts Sensationelles sein. Sondern einfach: die Bindung zwischen zwei Menschen. Außerdem mag ich selbst Alben, mit denen man sich mehr auseinandersetzen und Zeit verbringen muss, um sie zu verstehen.

Antwort 8:

Ich bin aufgewacht und meine Band stand vor mir. Gekleidet in Star-Wars-Kostümen, eine Plastikwaffe auf mich richtend. Ich habe einfach geschrien. Dann gab es eine Party in der Küche, bei der sie immer noch die Kostüme getragen haben. Ich trank eine Flasche Jack Daniel’s neben Darth Vader.

Yay, Shura geht auf Tour!
05.11. Köln – Luxor
06.11. München – Ampere
07.11. Berlin – Lido
08.11. Hamburg – Mojo
Tickets gibt es hier.

Interview
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