Stella Donnelly: 7 Fragen, 8 Antworten

Über weibliche Masturbation und Superheldinnen mit Bildungsauftrag

Timing ist alles: Als Stella Donnelly 2017 ihre erste EP THRUSH METAL im Alleingang herausbrachte, rechnete die australische Folksängerin damit, ein paar Tapes zu verkaufen und nebenbei weiterhin zu studieren. Ihre eingängigen, low-budget produzierten Songs handeln von enttäuschter Liebe, Selbstzweifeln und Female Empowerment.

Doch ein Song stach heraus: In der wiegenliedartigen Ballade „Boys Will Be Boys“ thematisiert Stella Donnelly die Vergewaltigungserfahrung einer Freundin. Eine Woche nach Release von THRUSH METAL überschwemmten die Anschuldigen gegen Harvey Weinstein die Medien. Und Stella Donnelly hatte – so zufällig wie prophetisch – ihren Soundtrack zur #MeToo-Bewegung geschrieben.

Wir haben die australische Singer-Songwriterin nach ihrem Auftritt auf dem Roskilde Festival in Dänemark getroffen. In „7 Fragen, 8 Antworten“ erklärt sie, warum es ihr nicht peinlich ist, über ihren Vibrator zu singen – und dass die Superheldin ihrer Träume eine ziemlich nerdige Fähigkeit hätte. Außerdem beantwortet sie uns eine Frage, die wir ihr gar nicht gestellt haben.

Frage 1:
Mal ganz klischeemäßig: Was ist das „Australischste“ an dir?

Ich liebe Vegemite! Das ist ein schwarzer, australischer Brotaufstrich. Ähnlich wie Marmite, kennst du das? Das ist wie Erdnussbutter, nur auf Britisch. Und in eklig. Aber ich liebe es! Das ist sehr australisch. Es hat eine Konsistenz wie Hefe, sehr fest und widerlich. Mit Butter schmeckt das sehr gut. Es ist süß und salzig zugleich, man schmiert es auf den Frühstückstoast mit ganz viel Butter drunter. Das ist so lecker – und typisch für Australien!

Frage 2:
In deinem Song „Mosquito“ singst du über Masturbation und deinen Vibrator – ein immer noch schambehaftetes Thema für viele Frauen. Im Konzert eben hast du dich scherzhaft für diese Zeile bei deiner Mutter entschuldigt. Gibt es etwas, worüber du aus Scham nicht schreiben würdest?

Nein. Wenn ich über weibliche Selbstbefriedigung schreibe, dann mache ich das, weil es etwas ist, das in meinem Leben komplett normal ist. Es ist lustig für mich, dass man Leute damit noch schockieren kann. Es gibt eigentlich nichts, worüber ich nicht schreiben würde, solange es zum Song passt. Ich denke, das ist es auch, was die Leute an meiner Musik am meisten ängstigt und was sie gleichzeitig am meisten daran lieben: dass ich sehr ehrlich bin. Weibliche Masturbation ist etwas, das gefeiert werden sollte!

Es ist aber nicht so, als würde ich mich nie wegen etwas schämen. Es gibt Tage, an denen ich mich in meinem Körper nicht wohlfühle, das kennt ja jeder. Wenn man sich nicht gut fühlt, ist es schwer, raus auf die Bühne zu gehen, zu performen und sich stark zu fühlen. Ich singe Songs über Themen, die zum Teil sehr schwierig sind. Da kannst du dich auf der Bühne nicht schwach fühlen, sonst fressen dich die Leute auf. Man muss auf der Bühne sehr selbstbewusst sein.

Frage 3:
Im  Song „Old Man“ singst du die Zeile: „The world is grabbing back at you“ – und stellst sie in Verbindung zu „alten weißen Männern“. Inwiefern hat sich dein Leben als Musikerin durch die #MeToo-Bewegung verändert?

Extrem! Ich mache seit fast elf Jahren Musik. Die Art, wie man mich als Frau auf der Bühne behandelt hat, war damals komplett anders als heute. Ich wurde schon auf der Bühne betatscht. Mir wurde gesagt, ich solle Highheels tragen oder nicht Gitarre spielen. „Du spielst gut für ein Mädchen.“ Solche Dinge.  Ich habe mich oft mit früheren Bandmitgliedern nicht sicher gefühlt. Ich hatte das Gefühl, nicht so richtig die Kontrolle über meinen Körper zu haben.

Durch die #MeToo-Bewegung hat sich das verändert, sowas passiert heute nicht mehr so oft, weil die Leute dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Wir brauchen diese Art von Revolution, es müssen drastische Dinge passieren, sonst verändert sich nichts. #MeToo hat mein Leben verändert. Es gibt immer noch Vieles, was sich ändern muss, und ich möchte meinen Teil dazu beitragen. Eines Tages werde ich vielleicht eine Tochter oder einen Sohn haben, und ich möchte, dass sie in einer Welt leben, in der es Chancengleichheit gibt. Das schließt Männer mit ein! Ich möchte, dass Männer aufwachsen und zart sein dürfen. Dass sie sein dürfen, wie sie wollen.

Frage 4:
Deine Songs thematisieren Dinge wie sexuelle Gewalt und Rassismus und enthalten klare feministische Statements. Gleichzeitig klingt deine Musik sehr leichtfüßig und macht Spaß. Wie geht das zusammen?

Das ist eine Technik, die ich mir mit der Zeit angeeignet habe. Als ich jünger war, hab’ ich, wenn mich jemand provoziert hat, immer sofort „Fuck you!“ gerufen und bin total ausgerastet. Aber irgendwann hab’ ich realisiert, dass mich das überhaupt nicht voranbringt. Es war immer nur Konfrontation statt Dialog. Wenn man jemanden zum Lachen bringt, entwaffnet man ihn. Wenn Leute sich wohlfühlen, vertrauen sie dir mehr. Man hat eine Verbindung. Ich versuche, den Leuten eine Message unterzujubeln, ohne dass sie es merken. Ich glaube, damit erreiche ich mehr Menschen.

Manchmal will ich natürlich auch einfach nur schreien. Aber ich hab’ das Gefühl, dass meine Musik es mir ermöglicht, Spaß zu haben und trotzdem meine Geschichte zu erzählen. Wir brauchen verschiedene Formen: Wir brauchen Punkbands und Frauen, die laut schreien. Die nackt auf der Bühne stehen und mit erhobenem Mittelfinger „Fuck you!“ rufen. Wir brauchen sie alle. Wir brauchen die Repräsentation. Meine Technik ist nur eine von vielen.

Frage 5:
Wenn es um Gleichberechtigung auf Festival-Line-ups geht: Was ist die schlechteste Ausrede, um keine Frauen zu buchen?

Oh Gott, da gibt es so viele! Ich glaube, diese hier: „Wir treffen unsere Auswahl nur aufgrund der Leistung und des Könnens, nicht aufgrund des Geschlechts. Wir buchen einfach die beste Band.“ Das ist so dumm, da denke ich: Ihr schaut einfach nicht genau hin! Schau mal, wer die verdammten bestbezahlten Künstler derzeit sind: Billie Eillish, Cardi B, Beyoncé, Rihanna, Solange – Frauen sind überall. Auch in anderen Segmenten: Lucy Dacus, Julien Baker, Phoebe Bridgers.

Ein anderes großes Problem, gerade in Australien, ist aber auch, wenn nur weiße Menschen gebucht werden. Wir haben die beste Musik, die von den First Nations, den indigenen Australiern, kommt. Die verdienen es auch, auf der Hauptbühne zu spielen. Viele Booker und Bookerinnen sind einfach faul. Die überlegen sich: „Was haben wir im vergangenen Jahr gemacht? Dann machen wir das einfach wieder genauso.“ Das macht mich so wütend – hast du vielleicht gemerkt, oder? (lacht)

Foto: Pooneh Ghana

Frage 6:
In „Season’s Greetings“ singst du über rassistische Verwandte, mit denen du dich beim Feiertagsessen mit der Familie rumschlagen musst. Wie geht man am besten mit ihnen um?

Schreib Lieder darüber! (lacht) Nein, man darf einfach nie vergessen, wie privilegiert man selbst ist. Ich sage das auch immer zu Männern, wenn sie mich fragen: „Was kann ich tun, um zu helfen?“ Dann sag’ ich immer: „Wenn irgendjemand vor dir etwas Unangemessenes über Frauen sagt, vielleicht auf der Herrentoilette oder so, dann sollte man als Mann sagen: ‚Hey, das ist nicht in Ordnung!’“ Genauso, denke ich, ist es für mich als weiße Frau. Ich habe viele Privilegien. Wenn jemand vor mir also etwas Rassistisches sagt, dann ist es meine Pflicht, zu widersprechen. Wenn ich nichts sage, wer tut es dann? Aber klar, beim Weihnachtsessen möchte man jetzt auch nicht unbedingt den anderen die Stimmung verderben. Aber es gibt immer einen Weg. Und oft ist es doch so: Wenn du dich traust etwas zu sagen, stimmen dir sieben Leute um dich herum zu. Einer muss nur den Anfang machen.

Frage 7:
Wenn du eine Superheldin wärst, was wäre deine Superkraft?

Ich möchte tatsächlich zusammen mit meinem Vater ein Kinderbuch darüber schreiben. Meine Superkraft wäre, dass ich, wenn ich irgendeinen Gegenstand anfasse, an den Ort und in die Zeit zurückzureisen könnte, aus der er stammt. Zum Beispiel würde ich mich auf diese Couch hier setzen und dann in die Polsterei reisen, in der sie hergestellt wurde. Oder an den Ort, an dem sie im vergangenen Jahr stand. Das wäre die Geschichte hinter dem Buch: ein kleines Mädchen, das alles anfassen und in eine Geschichtsstunde verwandeln kann.

Sie würde zum Beispiel eine alte Münze finden, und anhand dessen könnten die Leser etwas über den Zweiten Weltkrieg lernen. Oder mit einem Stein zurück in prähistorische Zeiten reisen. Das wäre eine tolle Art, Kindern Geschichte näherzubringen – durch eine sehr nerdige Superheldin. Wenn ich so eine Zeitreise machen könnte, würde ich als Mann ganz weit in die Vergangenheit reisen, einfach nur, um zu sehen, wie es war. Aber als Frau? Niemals! Jetzt ist die beste Zeit – und es ist immer noch scheiße!

Antwort 8:

Kryptische Kreuzworträtsel.

„Ich versuche, den Leuten eine Message unterzujubeln, ohne dass sie es merken.“