The Düsseldorf Düsterboys: Unendlicher Ernst

Kaffee, Kippen und ein Kassettenrekorder

Am Anfang war ein Song. Der Song hieß „Teneriffa“ und die Band, die ihn sang hieß The Düsseldorf Düsterboys. Selten verpackte ein Popsong so viel Ernsthaftigkeit in ein ironisches Gewand. Jetzt, drei Jahre später, erscheint NENN MICH MUSIK, das Debütalbum der Düsterboys; namentlich Pedro Goncalves Crescenti und Peter Rubel. Wir haben mit Pedro über das Album, ihre verschiedenen Bandprojekte und Musik gesprochen, die über Generationen hinweg funktioniert.

Auf dem Weg nach oben: The Düsseldorf Düsterboys

2018 waren die Boys bereits an der Spitze der Jahrescharts des Musikexpress’ – mit ihrem zweiten Bandprojekt International Music. Nur ein Jahr später jetzt also das Debüt der Düsterboys. Während das Publikum sich fragt, wo genau die Grenze zwischen beiden Bands verläuft, ist für Pedro die Antwort klar: „International Music schreiben ihre Songs zu dritt im Proberaum. Düsterboys-Songs schreiben Peter und ich bisher zu zweit auf unseren Akustikgitarren.“

Angefangen haben sie damit in ihrer gemeinsamen Schulzeit in Mainz. Später ging Peter nach Berlin und die beiden führten eine musikalische Fernbeziehung durch ihre Gitarren. Als Pedro auch endlich nach Berlin zog, war Peter bereits auf dem Weg nach Essen, um dort Komposition zu studieren. Sie besuchten sich weiterhin, bis Pedro Peter nach Essen folgte. 2016 veröffentlichten sie den genannten Song „Teneriffa“ und landeten einen kleinen Indie-Hit.

Dann waren aber erst einmal International Music dran und die Düsterboys beschränkten sich auf einige kleinere Auftritte. Und einen großen im Fernsehen: Zusammen mit Albrecht Schrader spielten sie „Marijke Amado“ in Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale. Wie in allen Düsterboy-Songs ist es auch hier der betont gelangweilte, ernsthafte Gesang, der im Kontrast zu den ironischen Texten – neben Marijke Amado werden einfach nur die Namen bekannter deutscher Fernsehgesichter von Johannes B. Kerner über Elton bis Markus Lanz lakonisch besungen – die typische Komik ihrer Songs erzeugt.

Kaffee, Kippen und ein Kassettenrekorder

Auch der Album-Opener „Oh Mama“ schwebt uneindeutig zwischen Ernst und Ironie und fängt so das Grundgefühl des Albums ein. Er beginnt mit einigen vorsichtigen Pianoakkorden. Dazu singen die Düsterboys: „Oh Mama halt mich aus, halt mich aus dem trouble raus.“ Nach den ersten Textzeilen setzen verschiedene Orgelregister ein: Tiefe Drones schieben sich unter den Song, langgezogene, hohe Töne öffnen das Stereopanorama.

Markant ist das sanfte Rauschen, das zunächst diesen Song und dann das gesamte Album mit analoger Wärme überzieht. „Wir haben das Album auf einem analogen Kassettenrekorder gemischt, den mein Vater früher beim Radio benutzt hat“, erzählt Pedro. „Zufällig habe ich das Gerät kurz vor den Aufnahmen zu Hause gefunden. Es rundet den Klang so schön ab.“ Das analoge Rauschen zieht sich auch optisch durch, bis in das Video von „Oh, Mama“, das die Düsterboys als erste Vorabsingle veröffentlichten.

Nach dem Opener geht es auf dem Album dann seltener um Eltern und mehr um das Leben zweier Indie-Bohémiens. Die Themen in ungeordneter Reihenfolge: Kaffee, Wein, Kneipen, Zigaretten, Alkohol allgemein. „Wir hängen schon gerne zusammen rum. Aber dieses selbstzerstörerische Künstlerbild ist vielleicht eher etwas, das man romantisiert, als es selber zu leben“, sagt Pedro. So widmen sie sich in ihrem zweiten Video, das sie in Pedros Wohnung improvisiert haben, lieber den verschiedenen Arten, Kaffee zu kochen. Wobei sie den Kaffee dann wieder in Weingläser einschenken. Und Wein kommt auch vor. Alles uneindeutig eben.

Während die Düsterboys viele Konzerte noch alleine mit zwei Gitarren spielten, werden sie nun durch Edis Ludwig am Schlagzeug und Fabian Neubauer an Piano und Orgel verstärkt. Dennoch halten sie sich als Band stets zurück. Selbst den westernhagenmäßigen Boogierocker „Messwein“ spielen sie deutlich leiser, als der Song es verlangen könnte. Jede Sekunde erwartet man, dass er zum ungebrochen Partysong wird – und ist jede Sekunde dankbar, dass es nicht passiert.

Auf dem Album finden sich noch mehr solcher Irritationsmomente, die durch den weichen Gesang der Düsterboys entstehen. Zum Beispiel die Referenz auf den FC Schalke 04 am Ende von „Parties“: „Oh, ich will nicht mehr verlier’n, Schalke 04, ich will nicht mehr verlier’n.“ Eine solche softness in den Emotionen würde wohl manchen echten Fangesängen sehr gut stehen.

„Ich will der Kleine sein“

Ein weiterer Moment ist der Titelsong „Nenn mich Musik“. Dort singen sie melancholisch die Zeilen: „Ich will der Kleine sein, ich will an deiner Leine sein, ich will zwischen deinen Beinen sein“ Fast überhört man bei allem romantischen Ernst die sexuell-masochistischen Zeilen und erst so erschließt sich die Romantik, die in diesen Zeilen eben auch steckt.

Jenseits dieser Spannungen weist der Song auch als Albumname über sich hinaus. Es ist, als würde das Album einen direkt ansprechen und sagen: „Nenn mich Musik.“ Dazu kommen die surrealistischen Zeichnungen des 82-jährigen Kinderbuchzeichners Hans Joachim Behrendt. Wie ein großes Auge schauen sie vom Plattencover. „Wir haben ihm eine CD mit den Liedern gebrannt, weil er bei sich kein Internet hat. Er hat dann zu jedem Lied ein Motiv entworfen, je nachdem, was das Lied in ihm ausgelöst hat. Das ist etwas, was mich wirklich berührt, wenn Musik auch über Generationen hinweg etwas auslöst.“Vielleicht ist Musik am stärksten, wenn sie diese Kraft entfaltet. Dann ist sie schlicht und ergreifend Musik – und sollte auch so genannt werden.