13 Jahre später: So klingt Tools neues Album

Hat sich das lange Warten auf FEAR INOCULUM gelohnt?

Tool haben die Regeln des Hype-Playbooks bestens verstanden. 2006 hat der Prog-Metal-Vierer aus dem „hopeless fucking hole“ L.A., wie es vor einigen Jahren im Song „Ænema“ hieß, sein bis dato letztes Album 10,000 DAYS veröffentlicht. Danach hat sich die Band bewusst rar gemacht, kalkuliert in Interviews (Fehl-)Informationen gestreut und so einen Mythos um sich selbst erschaffen, der ihnen in Fankreisen einen fast schon überlebensgroßen Status eingebracht hat.

13 Jahre des Wartens und Zappelnlassens haben 2019 jedoch ein Ende: Am 30. August erscheint mit FEAR INOCULUM Tool-Album Nummer Fünf. Spannender haben es in der jüngeren Vergangenheit nur Guns N’Roses mit CHINESE DEMOCRACY (15 Jahre Wartezeit) gemacht. Genau wie bei Axl Rose & Co. sind die Erwartungen nun unermesslich hoch, und genau wie bei Axl Rose & Co. kann der anschließende Fall umso tiefer sein.

In einer Liga mit Ariana Grande?

Wer glaubt, dass derart detailversessene Perfektionisten wie Tool sich die Blöße geben würden, mit einem halbgaren Album ihren mühsam erarbeiteten Ruf zu zerstören, liegt jedoch von vornherein falsch. FEAR INOCULUM ist mit seinen 84 Minuten Spielzeit nicht weniger als ein Epos übermenschlichen Ausmaßes.

Tool FEAR INOCULUM Cover

Nun hat sich die (Musik-)Welt seit 2006 jedoch ziemlich verändert. Streaming steckte da noch in den Kinderschuhen, Spotify wurde damals gerade erst gegründet. Über eine Dekade später stellt sich also die Frage, ob sich Albumkünstler wie Tool in einer Zeit der Singles und des Shufflens überhaupt noch durchsetzen können. Keiner der über 10-minütigen Tracks auf FEAR INOCULUM hat augenscheinlich das Potential zur Single, in nichts davon wird man mal eben zwischen Slipknot und der neuesten Single von Ariana Grande reinhören.

Ewige Bewegung im Kreis

Tool haben die längste Zeit in der Welt der physischen Tonträger gelebt – und feiern diese immer noch, wie die 82-Euro-CD-Version ihres neuen Albums mit integriertem HD-Screen und Lautsprechern zeigt. Aber vielleicht unterschätzt man sie auch genau deswegen. Als Tools Backkatalog Anfang August erstmals digital verfügbar gemacht wurde, verzeichnete die Band innerhalb weniger Stunden mehrere Millionen Streams auf Spotify und Apple Music, alle ihre Alben stiegen innerhalb eines Tages in die iTunes-Top-Ten und der erste neue Song „Fear Inoculum“ wurde mal eben der erste Song mit einer Spielzeit über zehn Minuten, der je die Billboard Hot 100 enterte.

Von Überraschungen oder künstlerischer Neuerfindung kann man auf ihrem neuen Album kaum sprechen, denn auch nach so vielen Jahren klingen Tool eben unverkennbar nach Tool. Die Band bewegt sich nicht vorwärts, sondern vielmehr in konzentrischen Kreisen, sich stets um die gleichen Angelpunkte drehend und ausweitend. Macht das FEAR INOCULUM zu einem schlechten Album? Nö.

Manchmal einfach nur verdammt guter metal

Nehmen wir nur den bereits erwähnten Opener und Titeltrack: Von Drummer Danny Careys Tabla-Getrommel über den beschwörend-ätherischen Gesang von Maynard James Keenan und Adam Jones wabernde Gitarrenflächen, aus denen sich gleißende Riffs empor hieven, bis hin zu Justin Chancellors pulsierendem Bassspiel, das alle Elemente fast unmerklich miteinander verwebt, präsentierten uns Tool hier nichts, das wir nicht ähnlich schon auf den vier Vorgängern gehört hätten. Aber sie machen es mit so gewaltiger Intensität, mit einem so unverfehlbaren Gespür für clever reduzierte Arrangements, die genau in den richtigen Momenten ausbrechen, dass einem schon mal kurz die Kinnlade runterkippen kann.

Repetitive, tranceartige und gestaltwandlerische Songs sind in die DNS von Tool eingebrannt. Manchmal, in „Pneuma“ etwa mit seinem harten Staccato, in „Invincible“, das in einer mächtig groovenden Klimax gipfelt, oder im abschließenden „7empest“, das mit aggressiv rausgespuckten Vocals Keenans beginnt, zeigen sich Tool einfach nur als verdammt gute Metal-Band. „Culling Voices“ hingegen, in dem minutenlang lediglich ruhiger Gesang und verspielte Gitarren zu hören sind, könnte fast schon als balladesk durchgehen, wenn das nicht eine Kitschigkeit und Niedergeschlagenheit suggerieren würde, die Tool nicht gerecht wird. Vielmehr ist das ein Zustand tiefster Besinnung.

Artefakt einer anderen realität

Mit Wellenrauschen, gedämpften Riffs und Autotune-überlagerten Vocals erweckt „Descending“ die Illusion, sich auf dem Boden des Ozeans zu befinden. „Falling isn’t flying, floating isn’t infinite. Come, our end, suddenly. All hail our lethargy“, singt Maynard James Keenan, und man kommt nicht umhin, das als Kommentar auf eine Gesellschaft zu Zeiten des Aufstiegs einer neuen Rechten und Klimawandels zu lesen. Schon „Fear Inoculum“ ist ein Befreiungsschlag von falschen Propheten, und immer wieder schlägt Keenan in seinen Texten die Brücke zwischen inneren und äußeren Krisen, behandelt die Selbstermächtigung in einer Welt am Abgrund.

Wenn man das so hört, sich für anderthalb Stunden in die Tiefen von FEAR INOCULUM fallen lässt, beschleicht einen der Gedanke: Vielleicht müssen Tool gar nicht in einer Liga mit den Ariana Grandes dieser Welt spielen, in der Alben und Hitsingles fast schon im Wochentakt produziert werden. Ein Tool-Album ist ein Ritual, ein Artefakt, das sorgfältig einer anderen Realität enthoben wurde, um nun ehrfürchtig bestaunt zu werden. Und das braucht eben Zeit.