Vandalismus: „Bekanntheit kann zu sehr komischen Moves führen.“

7 Fragen, 8 Antworten mit dem König der Underdogs

Kennen sie Degenhardt? Nicht diesen Liedermacher, diesen Rapper? Disko, Detlev, Destroy Degenhardt? Nein?! Sei’s drum, er heißt seit Neuestem nämlich ohnehin Vandalismus und weiß sowieso noch nicht so recht, ob er überhaupt gekannt werden will. Vermummt ist er jedenfalls immer noch. Und sein aufrichtiges Bekenntnis zum Untergrund nimmt man dem „jetzt endlich echten Rapper“ aus Düsseldorf trotz (oder gerade wegen) seiner Vertragsunterschrift beim Hamburger Label Audiolith zu einhundert Prozent ab.

Massentauglich sind seine schamlos-verkopften und reißerisch-komplexen Texte auf Beats ohnehin nicht, vielmehr der aggressive und allumfassende Gegenentwurf zu Modus-Mio-Sound und „R’n’B mit Mixgetränken“. Fakt ist: Vandalismus macht dreimal realeren Punk-Rap als ungefähr jeder, der sich diese Floskel bisweilen auf die Fahne geschrieben hat. Sein am vorletzten Freitag erschienenes Album FREUNDE LÜGEN NICHT gab uns Anlass, ihm ein paar Fragen zu stellen …

Frage 1:
Du kommst schon wieder mit einem anderen Alias um die Ecke, diesmal besteht nicht einmal Wortverwandtschaft zu älteren Alter Egos. Wie kam es zur abermaligen Umbenennung?

Für mich ist der Sprung zu „Vandalismus“ der erste echte Namenswechsel. Die „Diskos“ und „Destroys“ waren ja immer nur kleine Beifügungen an „Degenhardt“, den Kern meines alten Alias. Jetzt wollte ich mich einfach komplett locker machen und so unverkopft an die Mucke rangehen, wie möglich. Die Ausrichtung sollte mehr denn je „Parole Spaß“ sein. Insofern war die Änderung des Namens kein Befreiungsschlag sondern vielmehr ein nicht-nachdenken-wollen. „Vandalismus“ ist jetzt relativ abstrus … Aber gleichzeitig sieht das Wort schön aus und hat einen gewissen Bezug zu anderen Hobbys, denen ich nachgehe. Allgemein denke ich nicht besonders konzeptionell, sondern irgendwie doch ziemlich produktorientiert: Was ich mache, soll gut klingen und geil aussehen, so, dass ich selbst Bock hätte, es in der Hand zu halten … Und weil ich sowieso nicht an irgendwelche Verkaufszahlen gebunden bin, kann ich ja glücklicherweise eh machen, worauf ich Bock habe.

Frage 2:
In einem Song und im Pressetext heißt es, dass du „mit Absicht“ im Untergrund bleibst. Rührt diese Motivation eher aus einer diffusen Angst vor dem Bekanntwerden oder aus einer Abneigung gegenüber dem Mainstream?

Das ist einerseits eine Flucht nach vorne und andererseits einfach ein Hip-Hop-Statement. Die Identifikation mit dem Untergrund steht ja für eine Art und Weise, wie man die Dinge angeht … Und für das Bewusstsein, dass Bekanntheit zu sehr komischen Moves führen kann. Das bedeutet aber nicht, dass Untergrund-Rap nicht trotzdem bekannt werden darf. Ich würde mich ja trotzdem über 30.000 verkaufte Platten freuen.

Frage 3:
In einem Song erzählst du von der musikalischen Sozialisation durch die Plattensammlung deines Vaters. Worauf spielst du an, wenn du sagst, dass du
die Ausdauer von Rock’n’ Roll grausam unterschätzt“ hast?

Tatsächlich haben mich die Mix-Kassetten meines Vaters sehr geprägt. Da waren Songs drauf, die er aus dem Radio aufgenommen hatte und die habe ich teilweise sehr oft gehört. Auf der anderen Seite – und dafür steht die Line eigentlich noch viel mehr – hat der Rock’n’Roll-Lifestyle meine eigene Entwicklung sehr maßgeblich beeinflusst. Ich habe lange gebraucht, um aus dieser sehr wilden Lebensphase herauszuwachsen und habe sie sehr exzessiv ausgelebt.

Frage 4:
Allgemein scheinst du viele Schnittstellen mit anderen Subkulturen zu haben. Hast du es auch mal mit klassischem Punkrock versucht?

Tatsächlich bin ich seit acht Jahren Teil einer Punkband, da schreie und brülle und gröle ich rum (lacht). Mit denen habe ich auch schon live gespielt, bevor ich überhaupt vor Publikum gerappt habe. Groß geworden bin ich mit Punk und Rap gleichermaßen … Zuerst hab die Ärzte und die Brieftauben gehört, kurz danach wurde ich straighter Hip-Hop-Head und habe früh angefangen rumzunerden. Gerade als Rap dann so richtig dreckig und hart wurde, konnte ich mich gut darin wiederfinden. Aber im Laufe der Jahre gab es trotzdem auch immer mal wieder Punk-Phasen. Zum Glück habe ich heute keine klassische Rap-Fanbase, sondern treffe auf meinen Konzerten häufig Leute, die ziemlich open-minded sind und mir erzählen, dass sie – ausgenommen von meiner Mucke – gar keinen Rap hören.

Frage 5:
Eine Single trug den Titel Du liest die falschen Bücher“. Welche Bücher sollte man deiner Meinung nach gelesen haben?

Zu beurteilen, was „richtige“ und was „falsche“ Bücher sind, steht mir nicht zu und wäre vermessen. Aber ich kann drei meiner Lieblingsbücher aufzählen. Weil ich am liebsten eher ruhigere Sachen lese, mag ich „Die Eleganz des Igels“ von Muriel Barbery mega gerne, das hat ein total schönes Setting. Nach langer Recherche bin ich vor kurzem wieder auf ein altes Kinderbuch gestoßen, dass ich als kleiner Junge in Ostdeutschland sehr gemocht habe, „Detektiv Pinkie“. Das habe ich letztens auf einem Flohmarkt gefunden, sogar mit Hardcover, und habe es im Urlaub meiner Frau vorgelesen. Und als drittes Buch empfehle ich einen meiner All-Time-Classics, „Mikrosklaven“ von Douglas Copeland, von dem ich alles gelesen und auch gefeiert habe. Ich war zwar nie ein krasser Hacker-Typ, aber mag diese Nerd-Atmosphäre. Das Sprachsample in der Hook von „Du liest die falschen Bücher“ stammt übrigens von Mauli, das hat er im ironischen Zusammenhang in der „Wundersamen Rapwoche“ gedroppt.

Frage 6:
Gutes Thema. Film-Cuts und Sprachsamples zählen seit Jahren zur festen DNA deiner Musik und durchziehen quasi alle Songs. Ich kann mir vorstellen, dass die Suche nach den perfekten Zitat ein Hobby für sich ist. Basieren manche Songs auf der inhaltlichen Grundlage eines Film-Cuts?

Eigentlich suche ich gar nicht aktiv. Es ist eher so, dass ich Filme, Dokus und Serien gucke und währenddessen immer wieder kleine Erleuchtungen habe (lacht). Ich hab da so ein komisches System und notiere immer meine Highlights, während ich Filme schaue, damit ich am Ende noch peile, was ich wo gefunden habe. Wenn es dann an die Albumarbeiten geht, hab ich eine lange Liste und suche an einem Tag alles zusammen … Und diesmal sind tatsächlich besonders viele Vocal-Cuts am Start, da hat in der Nachbearbeitung vieles wie die Faust auf’s Auge gepasst. Dass ein Song auf einem Sample basiert hat, also das Sample zuerst da war, ist sehr selten passiert … In all der Zeit vielleicht zwei oder drei mal.

Frage 7:
Du hast eine interessante Familiengeschichte. Bezieht sich die Line Was in Köpenick passiert, passiert mir leider immer wieder“ auf die Verhaftung deiner Eltern durch die Staatssicherheit?

Die Line ist sehr offen formuliert und bezieht sich eher generell auf meine Kindheitstage in Ostberlin. Um es sehr philosophisch auszudrücken: Dieses „wo-ich-herkomme“ strahlt immer wieder neu rein. Das kommt ständig wieder hoch, weil ich es in mir trage und das macht es mir teilweise auch sehr schwer. Und gerade die Identifikation als Ossi und mein Frieden damit ist ein Thema, das mich – im positiven wie im negativen – bis heute sehr intensiv begleitet.

Antwort 8:

Früher habe ich sehr viel Straßenrap gehört. Aber heute bin ich straighter und höre vieles aus Prinzip nicht mehr. Wenn ich mit dem Welt- und Frauenbild eines Künstlers partout nicht einverstanden bin, will ich die dazugehörige Musik einfach nicht mehr hören. Die 187 Straßenbande, Schwesta Ewa oder Baba Saad will ich tatsächlich unter keinen Umständen supporten … Und das bedeutet für mich auch, dass ich Musik, die eine beschissene Aura hat und für beschissene Werte steht, nicht mehr fahrlässig konsumieren will.

Interview
Interview
Interview
Interview
Interview