Wanda: Ein bisschen anders, aber wie immer

Die Austro-Rocker über RAF Camora, Koks und österreichische Lyrik

Dass die österreichische Rockband Wanda bei unserem „Versus Verses“ Austropop-Stars wie Wolfgang Ambros, den Nino aus Wien oder Rainhard Fendrich natürlich um Welten besser finden würden als RAF Camora oder Money Boy, war absehbar. Zugegeben: Außer, dass alle diese Musiker aus Wien und Umgebung stammen, haben sie auch nicht viel gemeinsam. Eine kleine Rap-Gedichtanalyse lässt sich der studierte Sprachkünstler und Kopf der Band Marco Wanda dann aber doch nicht nehmen.

AMORE, BUSSI, NIENTE – schaut man sich die Reihe der Albumtitel an, die Wanda in den letzten fünf Jahren rausgebracht haben, und die sie nun mit ihrem vierten Album CIAO! vorerst vervollständigen, wirkt allein das schon wie eine kleine Geschichte. Der typische Ablauf einer Beziehung im Tinderzeitalter, in nur vier Worten erzählt. Alles keine Absicht, beteuern Sänger Marco Wanda und Gitarrist Manuel Poppe, als wir sie zum Interview in einer Neuköllner Kneipe treffen. „Das nächste Album wird dann PIZZA heißen“, verkündet Poppe scherzhaft.

Eine von unzähligen Lügen

Es passiert häufig, dass Wanda die ganz großen Visionen unterstellt werden. Sie werden als „Retter der Rockmusik“ verehrt, Marco Wanda als Wiederauferstehung des „wahren Rockstar-Typus“ gefeiert, der schnapssaufend und ketterauchend für seine Kunst noch so richtig leidet. Die ranzige Lederjacke, die Marco Wanda als Uniform bei etwa 200 Shows auf der Bühne getragen hat, hing letztes Jahr sogar im Wien Museum – zum Glück hinter Glas und chemisch gereinigt. All das bescherte der Band schnell die Zuschreibung als „absolut authentisch“. Dabei können Wanda selbst mit diesem Begriff eigentlich gar nichts anfangen. „Im Deutschen ist das total wichtig“, sagt Marco Wanda. „Das gibt’s bei uns in Österreich nicht, das Wort“, ist sich Manuel Poppe sicher.

Ähnlich verhält es sich mit dem Ausdruck „Klischee“. Wie sie da sitzen, leicht zerzaust, mit Fünftagebart, jeder ein Feierabendbier (das ihnen nach neun Interviews an diesem Tag durchaus gegönnt sei) und den obligatorischen Big Pack Filterzigaretten vor sich auf dem Kneipentisch mit dem wagenradgroßen Aschenbecher, könnten sie die typische Rockband nicht besser verkörpern. Die „wilden Jungs, mit denen Musikjournalisten Mitte vierzig, die mittlerweile brav ihre Kreditraten überweisen, bevor sie Paul in die Waldorfschule bringen, gerne einen heben würden“, wie Stefanie Sargnagel es in der Süddeutschen mal treffend auf den Punkt brachte.

Über die feministische, österreichische Autorin mit der spitzen Schreibe wollen Wanda aber lieber nicht sprechen. Zurück zu den Fans also. Die fühlen sich in der Tat oft so, als seien Wanda ihre Kumpels. In einem früheren Interview erzählte Sänger Marco Wanda mal, dass er immer ein Wasserglas unter seinem Stuhl stehen habe, in das er heimlich die ganzen Schnäpse reinkippe, die ihm von Fans dauernd ausgegeben würden. „Eine von unzähligen Lügen”, sagt er darauf angesprochen betont vage. „Es kann schon sein, wer weiß.“ 

So simpel wie penetrant

Geschichten erzählen, das kann Marco Wanda. Ob seine Lieder, in denen es  nach eigener Aussage um den ewigen Kreislauf aus „umfallen, aufstehen, weitermachen“ geht, wirklich autobiografisch sind, wird man wohl nie aus ihm herauskriegen. „Ich komme aus der Literatur, seit Thomas Bernhard gibt es den Begriff ,Rollenprosa’. Das ist ja eine Persona, die da singt. Sich da auf die Suche zu machen, was davon der Marco Wanda singt oder nicht, das ist für mich uninteressant.“

Immerhin gibt er zu, dass er den Schmerz, den er in seinen vor Liebeskummer und Sehnsucht nur so triefenden Texten gerne besingt, nicht selbst erleiden muss, um Songs schreiben zu können. „Dafür geht’s mir auch viel zu gut“, sagt er lachend und zündet sich noch eine Zigarette an. Die 14 Songs für CIAO! habe er in drei Wochen runtergeschrieben und mit der Band in zehn Tagen aufgenommen. „Ich schreib’ so das Grundgerüst. Und wenn ich fertig bin, ruf ich an. Dann treffen wir uns.“ Poppe ergänzt: „Wir gehen aufnehmen und in der Pause spielen wir Fußball. Und dann ist die Sache fertig.“ So einfach geht das also.

„Ein bisschen anders, aber wie immer“ kommentiert ein Fan auf YouTube unter die erste Singleauskopplung „Ciao Baby“ und bringt es damit ziemlich gut auf den Punkt. CIAO! enthält die klassischen Stadion-Hymnen, bei denen sich Studenten und Bauarbeiter grölend in den Armen liegen und die sich so tief in die Gehörgänge graben, dass man sich peinlich berührt dabei erwischt, wie man beim Putzen selbst „Manchmal tut’s so weh-weh, Ciao-Ciao Baby“ vor sich hinträllert. Auch wenn Marco Wanda mal wieder schamlos „Schmerz” auf „Herz“ reimt und man das Gefühl nicht loswird, das ein oder andere Gitarrenriff definitiv schon aus dem ein oder anderen Vorgängersong zu kennen, man kann sich CIAO! nicht entziehen. Ein Album, so simpel wie penetrant und eben durch und durch Pop. 

„So wie Schubert sich in einer Tradition zu Beethoven gesehen hat, so würde ich uns auch in einer Tradition mit den Beatles sehen“, verkündet Marco Wanda daraufhin vollmundig und auch das Label will CIAO! gerne als das REVOLVER von Wanda verstanden wissen. Ein bisschen Größenwahn gehört halt auch dazu, zum Rockstarimage. Eins ist jedenfalls klar: In der Reihe der Austropop-Größen aus unserem „Versus Verses“ haben Wanda längst einen festen Platz eingenommen. Bussi!