Warum „Wenn ich gehen muss“ von Tua das wichtigste Video des Jahres ist

Ein herzzerreißender Appell an die Menschlichkeit

Es ist etwa ein Jahr her, dass ich Tuas aktuelles Album in Vorbereitung auf ein Interview zum ersten Mal gehört habe. Neben einigen anderen Highlights blieb ich damals besonders intensiv auf der letzten Anspielstation der Platte hängen, ein – selbst für Tuas Verhältnisse – ungewöhnlich poppiger und affektiver, von weichen Gitarrenriffs getragener Song. Ich habe „Wenn ich gehen muss“ als eine Art universell einsetzbaren Abschiedsbrief wahrgenommen; als den äußerst gelungenen Versuch, Tuas intime Vorstellung vom „Leben nach dem Tod“ besinnlich, bildhaft und im positiven Stil begreifbar zu machen. Als ich ihn ein paar Tage später im Interview auf den Track ansprach, erzählte mir Tua, dass ihm der Impuls für den Song kurz nach dem Tod seines Vaters gekommen sei. Und dass er ihn für seine Kinder geschrieben habe, wenn er selbst eines Tages sterben wird. Ich entgegnete ihm, dass das Lied durch sein hohes Identifikationspotential vielleicht die gemachte Untermalung für Trauerfeiern aller Art sei … Aber an Menschenleben, die jenseits meines eigenen Horizonts auf tragische Weise ihr Ende finden, habe ich in diesem Moment nicht gedacht. Menschen, die vor den Grenzen Europas zu Tausenden sterben.

Vor zwei Tagen erschien nun eine visualisierte Variante von „Wenn ich gehen muss“, die schon durch den Einsatz farbiger Bilder mit Tuas gewohnter Ästhetik bricht. Ein klassisches Musikvideo ist es nicht. Vielmehr zeigt der Clip Realitäten, die einfach zu grausam sind, um sie zu Kunst zu ästhetisieren oder zu verklausulieren. Das Video ist kein Entertainment, sondern ein rationaler Appell. Weil Tua den dazugehörigen Song in einen Kontext gestellt hat, in dessen Tragweite ihn bisher wohl kaum jemand interpretiert haben dürfte. Obwohl das Video nicht einmal zwei Minuten lang ist, erzählt es eine unfassbar berührende Geschichte. Vom Massensterben im Meer, in unmittelbarer Distanz zur europäischen Küste. Nicht übertrieben, nicht ausufernd. Eine einzige Szene wie sie viel zu oft vorkommt – in der Realität.

Tua ist vor einigen Wochen nach Spanien gereist und hat dort die Leute von Sea-Eye getroffen, ein in Deutschland ansässiger Verein, der aktiv zivile Seenotrettung im Mittelmeer – aktuell insbesondere vor der libyschen Küste – betreibt. In Zusammenarbeit mit der Besatzung der Alan Kurdi, einem Rettungsschiff, das im Namen von Sea-Eye regelmäßig zu Missionen im Mittelmeerraum ausläuft, um Flüchtende vor dem Ertrinken zu bewahren, entstanden Performance-Szenen, die in der Postproduktion durch echte Aufnahmen einer Rettungsaktion ergänzt wurden. Tua erzählt mir, dass selbst die Leute, die in den professionell gedrehten, offensichtlich gestellten Rettungsszenen zu sehen sind, tatsächliche Crewmitglieder der Alan Kurdi seien – „keine Komparsen“. Während Tua im Video, auf einem Schlauchboot sitzend, seinen Song performt, sind um ihn herum Schreie zu hören, Menschen kämpfen panisch gegen das Ertrinken an.

Bilder, mit denen die Seenotretter in den vergangenen Jahren oft konfrontiert waren. Abseits von YouTube. Seit 2014 sind rund 19.000 Menschen im zentralen Mittelmeer ertrunken. Organisationen wie Sea-Eye übernehmen jene humanitären Aufgaben, für die eigentlich die europäischen Staaten zuständig wären. Aber sie lassen Menschen, die flüchten und Schutz suchen, einfach sterben. Scheinbar bewusst. Medial ist dieses Thema aktuell dazu wenig präsent. Weil es Alltag ist. Der Schockeffekt hat sich abgenutzt. Dass Tua seine Reichweite nun für ein solches Anliegen nutzt und seinen Song in den Dienst derer stellt, die ihn brauchen, ist ehrenwert und wichtig. Das Thema sei für ihn, wie er erzählt: „gar nicht zwangsläufig politisch, sondern ganz zwischenmenschlich und nah“. Alle Einnahmen, die seit der Veröffentlichung der Single über Streaming oder Downloads generiert wurden, möchte er an Sea-Eye abtreten. Die haben das Geld dringend nötig, denn sie finanzieren sich ausschließlich über Spenden und freiwillige Arbeit.

Bis heute hat Sea-Eye durch die Rettungsmissionen auf dem Mittelmeer mehr als 14.000 Menschenleben gerettet. Vor wenigen Tagen haben sie 91 Flüchtende vor Libyen gerettet und wurden dabei von der libyschen Miliz mit Warnschüssen bedroht. Zurzeit laufen an Bord der Alan Kurdi die Vorbereitungen für die nächste Rettungsmission, die in einigen Tagen starten soll. Doch um ihre Arbeit zielführend fortsetzen zu können, braucht die Organisation SPENDEN. Gorden Isler von Sea-Eye meint, dass „jeder Mensch, der in Europa lebt“ zu den dramatischen Zuständen im Mittelmeer Stellung beziehen sollte. Und damit hat er Recht. Dass Tua es getan hat, ist dennoch nicht selbstverständlich. Und die Art und Weise ist ob ihrer nüchternen Glaubwürdigkeit bedrückend und verstörend. Harte Kost, der sich jeder hier lebende Mensch aussetzen sollte, statt das Thema auszublenden, wie wir es im Alltag gerne tun.